Grönland-Expedition absurd Badeurlaub in der Arktis

Tierischer Ärger: Die Expeditionsgruppe in Grönland bekommt es mit einem diebischen Blaufuchs zu tun, der einen schwer ersetzbaren Ausrüstungsgegenstand erbeutet. Der damit verbundene Frust ist jedoch in Sekundenschnelle vergessen - bei einem Bad in eiskaltem Wasser.

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In den Wochen vor meiner Abreise bekam ich ständig Ratschläge, was bei einer Begegnung mit einem Eisbären zu tun sei. Nicht so viel essen, dann frisst der zuerst einen der anderen. Laut schreien und mit den Armen wedeln. Mit einem Foto der Berliner Zoo-Eisbären-Legende Knut wedeln und "Friend, friend" rufen.

Oder: Auf einen Baum klettern. Wegrennen. Totstellen. Singen und in die Hände klatschen. In eine Trillerpfeife pusten. Mit Pfefferspray einsprühen. Schneebälle werfen. Noch ein paar schöne Fotos und Filmaufnahmen machen, für die Nachwelt. Oder filmen und "die Kontrolle behalten" und schließlich das Tier mit einer Signalpistole verjagen wie die verrückten Norweger in diesem Video.

Eine Signalpistole haben wir dabei, auf Bären sind wir also halbwegs vorbereitet. Worauf wir dagegen nicht eingestellt sind, das ist der Überfall eines kleptomanisch veranlagten Blaufuchses.

Der hoppelt jetzt gerade mitten in der Nacht mit meinem orangefarbenen Löffel-Gabel-Utensil davon. Für einen solchen Fall hat mir leider niemand schlaue Tipps gegeben. Gregor und ich geben nun kein sehr souveränes Bild ab, wie wir in langen Unterhosen dem grau befellten Schelm hinterherrennen. Natürlich entkommt das flinke Jungtier problemlos in Richtung Hang.

Sabotage an der Trinkflasche

Aus irgendeinem Grund hatte der Fuchs es vor allem auf meine Sachen abgesehen. Die Gummihalterung meiner Trinkflasche hat er durchgebissen, lange schnüffelte er interessiert an meinen Skistöcken herum. Ob er sich rächen will? Wahrscheinlich hat mein Opa vor hundert Jahren auf seinen Urahn geschossen, der hat damals nämlich eigentlich auf alles geschossen, was sich bewegte, auf Eiderenten und Alke, sogar auf einen Wal.

In seinem Tagebuch erwähnt er, an Zeltplatz 29 einmal einen Blaufuchs gesichtet zu haben. Von dem Ort sind wir nun etwa 800 Höhenmeter entfernt, auf Meereshöhe haben wir am Hundefjord unsere Zelte aufgeschlagen. Am Fuße des Ficksbjergs, einer Felsanhöhe, die nach meinem Opa benannt wurde.

Wie wertvoll ein Löffel ist, merkt man erst, wenn er fehlt. Ist nämlich schwer zu ersetzen. Der Schneeteller am Skistock? Zu viele Löcher drin. Der Kaffeebecherdeckel? Nicht mundgerecht dimensioniert. Die Taschenmesserschneide? Für Kartoffelbrei in Ordnung, große Nachteile allerdings bei Suppengerichten.

Klar kann ich mir einfach einen Löffel ausleihen und später als die anderen essen. Das geht bei den meisten Gerichten, nur nicht beim Mousse au Chocolat, das wir uns immer gemeinsam aus einem großen Topf in die hungrigen Mäuler schaufeln. Ergo: Wer langsam löffelt, kriegt weniger ab. Wer keinen Löffel hat, guckt zu.

Schokolade mit Hering

Not macht erfinderisch, also kratze ich am nächsten Abend mit einem goldenen Schneehering die Schokomasse aus dem Topf. Geht ganz gut, etwas störend ist nur der leicht metallische Beigeschmack.

Während der Blaufuchs mit meinem signalfarbenen Ess-Utensil einen guten Fang gemacht hat, sind wir leider weniger erfolgreich. Auf 153 Höhenmetern soll sich laut den Aufzeichnungen der Schweizer Expedition ein Steinplateau nicht weit von einem Fluss befinden. Exakt an der Stelle, wo damals der Schnee aufhörte. Heute liegt hier längst keiner mehr. Mein Opa schreibt, es seien von dort 15 bis 20 Gehminuten bis zum Ufer, was aber vermutlich untertrieben ist. Dort hätten die damals alles "bären- und hundesicher" hinter Steinen verstaut, was sie nicht mehr brauchten: ihre Schlitten und viele Dosen Pemmikan.

Wir suchen zu viert, stundenlang, finden aber nicht die geringste Spur, obwohl wir sicher sind, etwa im richtigen Bereich zu sein. Wir überdenken noch einmal die Informationen, die wir haben. "Wenn die das tiersicher versiegelt haben, muss das einen Grund haben", sagt Wilfried. "Wahrscheinlich sollte es ihnen als Notfallproviant dienen, sie waren ja noch nicht in Sicherheit." Jan wirft ein, dass es noch eher für die Leute im Dorf gedacht war. "Die konnten Schlitten und Nahrung doch bestens gebrauchen."

Gute Hundeschlitten müssen damals tatsächlich an der Ostküste einen enormen Wert gehabt haben. Die Tagesreise im Boot würde man dafür problemlos in Kauf nehmen. "Wenn zwei Mercedes in München für dich bereitstehen, würdest du doch auch aus Hamburg hinfahren", meint Wilfried.

Bad im Eispool

Wir nehmen also an, dass hier nichts mehr zu entdecken ist. Für uns gibt es also nichts mehr zu tun. Wir beschließen deshalb, die Expedition als Badeurlaub ausklingen zu lassen. Um mit einem moderaten Schwierigkeitsgrad zu starten, beginnen wir damit in einem Gletscherfluss. Der dürfte etwa drei bis vier Grad Celsius warm sein. Einmal untertauchen. Schreien. Raus. Wohlfühlen: Es ist wunderbar, wenn die Wärme zurückkommt in den Körper.

Das Fjordwasser fühlt sich am nächsten Tag schon etwas kälter an. Dort gibt es sogar eine Art Strand aus kleinen Steinchen. Reinlaufen. Schreien. Untertauchen. Noch lauter schreien. Raus. "Ist gar nicht salzig", verkündet Wilfried, der Wissenschaftler.

Die ultimative Mutprobe, wieder einen Tag später nach unserem erneuten Aufstieg zum Eisrand, wo wir einen Teil unserer Ausrüstung gelassen haben, ist allerdings "der Pool". Ein fast kreisrundes Loch im Eis, oben mehrere Zentimeter zugefroren, darunter mehr als einen Meter tief. Wir hacken das Eis weg und legen ab.

Bei null Grad Wassertemperatur schreit man nicht mehr, das ist der pure Kälteschock, eine Taubheit, die direkt einsetzt. Und wenn danach die Wärme zurückdrängt in den Körper, tut das weh, am meisten in den Zehen, etwa zehn Minuten lang.

An diesem Punkt erklären wir unsere kleine Versuchsreihe ohne Gegenstimme für beendet. Ergebnis: Vieles deutet darauf hin, dass für Wellness-Zwecke nur Wassertemperaturen ab drei Grad aufwärts zu empfehlen sind.

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