Grönland-Expedition von Stefan Glowacz Schinderei am Gletscherrand

Bergsteiger Stefan Glowacz will Grönland auf dem Eis überqueren. Am Startpunkt ist er nun angekommen - doch zunächst müssen fast 400 Kilogramm Ausrüstung über Geröll hochgeschleppt werden.

Thomas Ulrich

Zur Person
  • Klaus Fengler/ Team Stefan Glowacz
    Stefan Glowacz, 53, ist Profi-Bergsteiger und Extremkletterer aus Bayern. 1993 war er Vizeweltmeister der Kletterweltmeisterschaft, danach begann er mit Expeditionen zu Felsen weltweit. Im Sommer 2018 ist auf der Expedition "Coast to Coast" nach und in Grönland unterwegs. Für SPIEGEL ONLINE berichtet er bis Oktober in unregelmäßigen Abständen.
  • Glowacz' Webseite

Anfang August. Noch immer sind wir auf der Segelyacht "Santa Maria". (Den ersten Teil des Blogs lesen Sie hier.) In der letzten Woche haben wir uns die Westküste Grönlands hoch gearbeitet. Statt Stürme wie auf der Passage von Schottland über Island zum Prinz Christian Sund machen uns Eisberge, Nebel und Nordwind zu schaffen. Böen mit Geschwindigkeiten von bis zu 25 Knoten lassen uns förmlich auf der Stelle treten.

Eigentlich wollen wir heute das Ende des Atta Sunds in der Diskobucht erreichen - dort soll unsere Expedition per Skier und Kite quer über Grönlands Inlandeis beginnen. Seit Stunden aber motort das Schiff durch dichte Eisfelder. Um 17 Uhr entscheidet Kapitän Wolf Kloss, in einer sicheren Bucht die Nacht zu verbringen.

Team Stefan Glowacz

Ich bin nervös, Thomas Ulrich und Philipp Hans, die mit mir auf dem Eis unterwegs sein werden, ebenfalls. Was passiert, wenn wir den Startpunkt für den Aufstieg zum Inlandeis nicht erreichen? Es gibt zwar alternative Aufstiegsmöglichkeiten, aber jede davon wäre wesentlich länger. Aufgrund des schlechten Segelwetters haben wir bereits zehn Tage Verspätung, und vor uns liegen ziemlich genau 900 Kilometer, Luftlinie wohlgemerkt. Mit den vielen Portagen und notgedrungenen Umwegen werden wir auf über 1000 Kilometer kommen. Jeder weitere Tag würde die Ankunft an der Ostküste verzögern, die Herbststürme drohen.

Nüsse, Suppen und Müsli - 5000 Kalorien am Tag

Am nächste Morgen starten wir um 4 Uhr. In Schrittgeschwindigkeit bahnt sich das Segelschiff einen Weg durch die Eisschollen. Der Eqi-Gletscher am Ende des Sundes ist riesig und kalbt ständig. Während die "Santa Maria" mit dem Eis treibt, gelingt uns der Landgang: Wolf setzt uns mit der Ausrüstung in mehreren Dingi-Fuhren ab und segelt zunächst in eine zehn Kilometer entfernte Bucht, die etwas mehr Sicherheit vor den Eismassen bietet.

Fotostrecke

11  Bilder
Expedition "Coast to Coast" in Grönland: Start auf dem Inlandeis

Wir errichten unser "Basislager" etwas oberhalb des Strandes und sortieren die Ausrüstung und vor allem die Verpflegung. Insgesamt nehmen wir 40 Tagesrationen pro Mann mit. Die ersten 20 Tagesrationen verpacken wir in Nylonsäckchen: Studentenfutter, Energieriegel, Trockenfleisch, Suppen, Müsli - insgesamt 5000 Kalorien pro Tag. Dieses Säckchen bekommt schnell den Spitznamen "die Bombe". Die restlichen 20 Tagesrationen kommen in große Säcke.

Thomas, der schon zahlreiche Expeditionen zum Nordpol hinter sich hat, übernimmt bei der Überquerung die Führung. Manchmal denke ich: "Naja, so kleinlich müsste man jetzt auch nicht planen." Aber genau auf die Details kommt es später an. "Seriös" ist sein meist verwendetes Wort. "Seriös kochen", damit das Zelt nicht abbrennt, "seriös Pausen einhalten", um die täglichen neun Stunden Marsch durchzuhalten, "seriös kiten", damit ja nichts in dieser menschenfeindlichen Umgebung passiert.

Jeder Unfall hätte fatale Folgen. Jedes Ausrüstungsteil hat er perfektioniert: Das Kochbenzin ist genau berechnet und in Aluflaschen abgefüllt, der Kocher steht auf einer Karbonplatte. Sogar die Schneeschaufel ist eine Spezialanfertigung aus Karbon. Unsere Schuhe und Innenschuhe sind exakt für diese Temperaturen, den Einsatzbereich und aufeinander abgestimmt. Das Tunnelzelt rüsten wir mit einem Doppelgestänge aus. Am Ende des Tages steht jeder vor einem Berg aus Säckchen und Packsäcken, Skiern, Flaschen, Schuhen und Schlitten. Pro Mann etwa 130 Kilogramm.

Horror Portage

Am Ende des Atta Sunds befindet sich eine Touristen-Lodge, und hinter ihr beginnt ein Weg hinauf zum Eis. Zu Forschungszwecke wurde der Weg nach dem Zweiten Weltkrieg so gut ausgebaut, dass sogar Kettenfahrzeuge hinauffahren konnten. Heute dient er nur noch als Wanderweg und uns als willkommener Zubringer aufs Inlandeis.

Trotzdem sind die Portagen der nächsten drei Tage die Hölle. Drei Stunden dauert der Aufstieg bis zum letzten grünen Tal vor der Moräne. Dort errichten wir ein Depot, stolpern wieder zwei Stunden zurück ins Lager und quälen uns am nächsten Tag mit über 30 Kilogramm auf dem Buckel wieder hinauf. Zum Glück hilft uns Dani Kloss, Segelcrew-Mitglied und Wolfs Sohn.

Jan Kiehne, Wolf Kloss, Stefan Glowacz, Dani Kloss, Philipp Hans, Thomas Ulrich (v.l.n.r.)
Team Stefan Glowacz

Jan Kiehne, Wolf Kloss, Stefan Glowacz, Dani Kloss, Philipp Hans, Thomas Ulrich (v.l.n.r.)

Dann ist es Zeit zum Abschiednehmen. Wolf, Dani und Maat Jan Kiehne möchten keine Zeit verlieren, immerhin müssen sie mit der "Santa Maria" fast ganz Grönland umrunden, um uns im Scoresbysund an der Ostküste in ungefähr einem Monat abzuholen. Das bedeutet circa 1800 Seemeilen für die Crew. Wolf hat uns noch einen großen Laib Brot gebacken und eine große Packung Käse eingepackt. Sobald die "Santa Maria" in See sticht, beginnen zwei Abenteuer unterschiedlicher Art - und ein Rennen, wer früher die andere Seite erreicht.

Unser erstes Lager errichten wir in dem idyllischen Tal bei unserem Depot. In den nächsten Tagen schleppen wir unser Equipment durch die Moräne weiter zum Beginn des Eises. Von hier geht das Geröll ohne wildzerklüftete Spaltenregion direkt ins blanke Eis über. Nach knapp einer Woche Schinderei geht es endlich mit den Schlitten in einem Zuge und ohne Portagen weiter. Ab jetzt wird alles einfacher. So hoffen wir zumindest.

Seilbahn für den Schlitten

Doch dann merken wir: Der Untergrund hat sich zwar geändert, aber nicht die Quälerei. Mit Steigeisen unter den Schuhen laufen wir auf blankem Eis, im Kreuz ziehen 130 Kilogramm verteilt auf zwei Schlitten in die falsche Richtung. Alle paar Minuten müssen wir einen Schmelzwasserbach überqueren. Erst versuchen wir es mit Schwung. Springen über den Bach und rennen los in der Hoffnung, dass die Schlitten darüber springen. Tun sie aber nicht. Sie tauchen meistens ins Wasser ein, laufen voll und müssen auf der anderen Bachseite wieder geleert werden.

Thomas Ulrich

Stundenlang folgen wir einem Bachlauf in die falsche Richtung, bis wir ihn überqueren können. Sogar eine Seilbahn müssen wir einmal bauen, damit wir die Schlitten über den Bach transportieren können. Wir starten auf dem Inlandeis auf 600 Höhenmetern. Unser höchster Punkt auf dem Inlandeisplateau liegt jedoch auf 3200 Meter Höhe. Also wird es mindestens für den nächsten halben Monat permanent bergauf gehen.

Mir schießen Horrorszenarien durch den Kopf. Falls wir alles laufen müssen und keinen Wind zum Kiten haben, müssten wir vom ersten Tag an mindestens 30 Kilometer täglich schaffen, damit wir in einem Monat das Ufer des Scoresbysunds erreichen. Heute sind es gerade einmal 7,5 Kilometer.

Stefan Glowacz wird bis Mitte Oktober auf SPIEGEL ONLINE über seine Expedition "Coast to Coast" berichten. Den ersten Blog verpasst? Lesen Sie ihn hier.Im dritten Blog erzählt Glowacz, wie die wochenlange eisige Kälte dem Team zu schaffen macht und wie die Kites zum Einsatz kommen.

"Coast to Coast" von Stefan Glowacz: Die Planung
Von München nach Schottland per Elektroauto
Anfang Juli geht es los in Berg am Starnberger See. Mit zwei BMW-i3-Elektroautos fährt das Team von Ladestation zu Ladestation, über Holland, Belgien und England bis zum Hafen Mallaig an der Westküste Schottlands. Ein zusätzliches Auto mit Anhänger transportiert Ausrüstung und Verpflegung für drei Monate.
Von Schottland nach Grönland per Segelschiff
In Mallaig benötigen Glowacz und sein Team zwei Tage, um die Ausrüstung auf der 14 Meter langen Stahljacht "Santa Maria" seetauglich zu verstauen. Am 11. Juli legt das Segelschiff ab und segelt über die Westmänner-Inseln vor Island bis zur Diskobucht in Grönland. Ende Juli/Anfang August soll der Ausgangspunkt für die Grönlanddurchquerung erreicht werden.
Überquerung von Grönland mit Schlitten, Skiern und Kites
Einige Tage benötigt das Team für die Portagen der Ausrüstung aufs Inlandeis. Dann beginnt für Stefan Glowacz, Thomas Ulrich und Philipp Hans die Tour mit Skiern, Schlitten und Kites immer gen Osten. Mindestens 30 Tage sind für die 1000 Kilometer Eiswüste eingeplant, bis die Ostküste erreicht ist und die Männer vom Inlandeis zum Scoresbysund absteigen. Währenddessen umsegelt die "Santa Maria" die Südspitze von Grönland.
Versuch einer Erstbesteigung am Scoresbysund
Der Scoresbysund an der Ostküste Grönlands ist gesäumt von riesigen Felsformationen, die über tausend Meter steil und überhängend direkt ins Meer abbrechen. An einer dieser Formationen ist eine Erstbegehung durch Stefan Glowacz und Philipp Hans geplant, circa zehn Tage soll der Versuch dauern.
Von Grönland nach Schottland per Segelschiff
Mitte September muss die Rückreise mit der "Santa Maria" über Island und die Faröer Inseln zurück nach Schottland beginnen, bevor die Herbststürme in dieser Region aufziehen.
Von Schottland nach München per Elektroauto
Von Schottland geht es mit den Elektrofahrzeugen wieder zurück gen München. Geplante Ankunft: Mitte Oktober.
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