Gütesiegel für Wellness-Hotels Plantschpfütze im Metzgerei-Design

Sauna und Shiatsu, Massagen und Morgengruß - Hunderte von Hotels in Deutschland locken mit Wellness aller Art. Für Erholungssuchende ist es unentspannend aufwendig, das richtige Angebot zu finden. SPIEGEL ONLINE gibt Orientierung in der Vielfalt der Gütesiegel.

Von Marion Schmidt


Wenn es so etwas wie Wellness für die Augen gäbe, würde der Blick auf dieses Hotel wohl eher weh tun. Denn von außen ist es ein ziemlich hässliches Hochhaus am Strand von Warnemünde. Von innen jedoch das einzige deutsche Original-Thalasso-Zentrum mit einem beachtlichen Spa und Ruheräumen, in denen man mit Algenschlick beschmiert auf Liegen ruht und Tee trinkend den Blick über die Ostsee streifen lassen kann. Das Hotel "Neptun", zu DDR-Zeiten ein Hort für Stasi-Spione, gilt heute als eine der ersten Adressen für Wellness in Deutschland - mit hoher Fachkompetenz und einem ganzheitlichen Ansatz von Gesundheit. Das sieht man von außen nicht.

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Gütesiegel: Wellness-Hotels mit Premium-Zertifikat

Das haben jedoch anonyme Tester des Deutschen Wellness-Verbandes (DWV) überprüft. 750 Kriterien wurden abgefragt - von der Größe des Schwimmbads bis zur Obst-Auswahl beim Frühstück. Das "Neptun" hat über 90 Prozent der Kriterien erfüllt und darf sich seitdem das Premium-Zertifikat des DWV an die Hoteltür hängen und zwar in der Bestauszeichnung "exzellent". Damit hebt es sich ebenso wie beispielsweise das "Strandhotel Seeblick" auf Usedom oder das Hotel "Meerlust" in Zingst ab von der Unmenge an Hotels, die sich Wellness auf die Fahnen geschrieben haben.

Der Markt für Wohlfühlreisen ist enorm gewachsen, die Wellness-Branche setzte zuletzt gut 50 Milliarden Euro um, mehr als die Hälfte der Wellness-Hotels verbuchte in der letzten Sommersaison ein Umsatzplus. Wohlfühlreisen sind, so das BAT-Freizeitforschungsinstitut, "der neue Megatrend". Fast jeder dritte Bundesbürger will im Urlaub Fitness und Wellness genießen. Um deren Gunst buhlen mittlerweile schätzungsweise gut 500 Wellness-Hotels bundesweit - so viele wie in keinem anderen Land. Das Angebot reicht dabei vom Ferienhotel im Harz mit Sauna im Keller bis zum Fünf-Sterne-Luxus-Spa in Baden-Baden. Klar, dass darunter auch viel Wildwuchs ist. Seitdem selbst Bier, Socken und Badewannen mit "Wellness" beworben werden, verliert der Name an Zugkraft. Manch ein Erholungssuchender wird vom Angebot an Wohlfühl-Produkten völlig überfordert oder schlicht enttäuscht.

"Vieles ist Marketing, alle wollen was verkaufen"

Denn wer Entspannung sucht und Wellness bucht, kann böse Reinfälle erleben. Da entpuppt sich die angepriesene Wellness-Landschaft als Planschpfütze im gekachelten Metzgerei-Dekor oder zwischen römischen Plastiksäulen quetschen unerfahrene Kosmetikerinnen Krater ins Gesicht. Das alles ist nicht schön und muss auch nicht sein. In dem fast schon undurchschaubaren Angebot bieten Qualitäts- und Gütesiegel eine Orientierung; sie stehen für Leistungen, die bestimmten Mindeststandards genügen müssen.

Allerdings gibt es mittlerweile eine so verwirrende Vielfalt verschiedener Siegel, dass selbst die Suche nach einem guten Wellness-Hotel unentspannend aufwendig werden kann. Denn oftmals bleibt unklar, nach welchen Kriterien solche Siegel vergeben werden, und wer mit welchen, durchaus wirtschaftlichen Interessen dahintersteckt. "Vieles ist Marketing, alle wollen was verkaufen, alle haben Eigeninteressen, und für viele Hoteliers ist es auch eine Imagefrage, irgendwo dabei zu sein", sagt etwa Monika Rulle, Juniorprofessorin für Gesundheitstourismus an der Uni Greifswald. Aber sie sagt auch: "Kein zertifiziertes Angebot ist wirklich schlecht."

Kai Illing, Lehrbeauftragter für Gesundheitstourismuswirtschaft an der FH Joanneum Graz, sind die Kriterien "tendenziell zu hardwarelastig". Es werde eher auf die Größe der Zimmer oder die Anzahl der Saunen geachtet als auf das Personal, denn: "Freundlichkeit ist schwer messbar." Auch Ulrike Pilz-Kusch kritisiert, dass "die meisten Wellness-Hotels zu wenig ganzheitlich ausgerichtet sind". Für die Autorin des Wellness-Ratgebers der nordrhein-westfälischen Verbraucherzentrale ist "vieles zufällig zusammengewürfelt und bei der Überprüfung wird zu wenig auf die Mitarbeiter und die Philosophie des Hotels geschaut". Sie behauptet: "Mir ist in Deutschland kein Siegel bekannt, das wirklich unabhängig geprüft wird, weil immer bestimmte Interessen eine Rolle spielen."

Hilfreich, aber kein Garant für Qualität

Das weist etwa Hildegard Dorn-Petersen vom Branchen-Primus DWV weit von sich: "Wir sind unabhängig, gemeinnützig und verbraucherorientiert." Sie verweist auf die umfassende und anonyme Überprüfung der Hotels. Damit grenzt sich der DWV bewusst ab etwa von der "w"-Bewertung des Hotelverbands Deutschland (IHA), die auf reiner Selbsteinschätzung der Hoteliers beruht. Aber auch von einigen regionalen Initiativen wie etwa "WellVital in Bayern", die vorrangig ein Marketing-Instrument des heimischen Tourismusverbandes sind.

Daneben konkurrieren auch noch andere Vereinigungen und Ratgeber mit selbst vergebenen Qualitätssiegeln um Hotels und den eigenen Vorteil - mit sehr unterschiedlichen Ansätzen und teilweise fragwürdigen Methoden. Während etwa der Verbund "Wellness-Hotels-Deutschland (WHD)" seinen Mitgliedern unabhängige, TÜV-geschulte Tester vorbeischickt, setzen einige Wellness-Ratgeber lediglich auf Positiv-Listen ohne umfassende Bewertung, und manche lassen sie sich dafür obendrein noch bezahlen.

Dabei sind die meisten Wellness-Hotels in Deutschland gar nicht zertifiziert, darunter beispielsweise auch so herausragende Häuser wie "Brenner's Park Hotel" in Baden-Baden. Ein Qualitätssiegel kann also durchaus hilfreich sein, um die Spreu vom Weizen zu trennen - ein Garant für die Qualität, die jeder individuell sucht, ist es aber nicht.



Forum - Wellness-Urlaub – die beste Erholung?
insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Besquare, 27.11.2006
1.
---Zitat von sysop--- Wellness ist angesagt, das Angebot an Hotels und Anwendungen steigt beständig. Aber stimmen auch Qualität und Preis? Wie sind Ihre Erfahrungen? Sind die Gütesiegel für Wellness-Hotels verlässlich? ---Zitatende--- In Ländern, die seit jahrzenten Tourismus-Länder sind? Ja! deutlich! In Ländern, die quasi sich äußerster Beliebtheit erfreuen und auf Massentourismus fahren, nein nicht unbedingt, aber man hat meistens mehr glück als beim lotto
Wertschaft, 29.11.2006
2. Gourmet statt Wellness
---Zitat von sysop--- Wellness ist angesagt, das Angebot an Hotels und Anwendungen steigt beständig. Aber stimmen auch Qualität und Preis? Wie sind Ihre Erfahrungen? Sind die Gütesiegel für Wellness-Hotels verlässlich? ---Zitatende--- Es ist eine verständliche Geschäftsmacherei-Welle. Die Qualifikation der Mitarbeiter läßt allgemein zu wünschen übrig, also wir lassen die Finger davon und fahren stattdessen in Gourmet-Urlaubhotels. Da weiß man, was man hat. Und schmecken tut's außerdem auch noch :-)
Paolo, 30.11.2006
3.
Was ist eigentlich ein WELLNESS-Hotel? Ich kann das zwar übersetzen, aber was sich hinter der "angesagten" Wellness verbirgt, hat noch niemand festgelegt. Und die, die kein englisch können - das ist die Mehrheit in D - können damit ohnehin nichts anfangen. Übrigens: sollte es dem Urlauber nicht in jedem Hotel gutgehen...?
Muffin Man, 09.12.2006
4.
---Zitat von Paolo--- Was ist eigentlich ein WELLNESS-Hotel? Was sich hinter der "angesagten" Wellness verbirgt, hat noch niemand festgelegt. ---Zitatende--- Im neuen deutschen Sprachgebrauch ist ein Wellness-Hotel ungefähr dasselbe, was bislang eine REHA-KLINIK war, nur daß der Kurgast für Unterkunft, Wechselduschen, Massagen usw. selbst aufkommen muß. Eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen findet derzeit nicht statt... Dieser Trend kommt der allgemeinen Befindlichkeit entgegen, nach der ja jeder Mensch gestresst, erholungsbedürftig, ausgebrannt ist, und durch die dortigen Streicheleinheiten (auch in Form der Raumbeschallung und der farbigen Beleuchtung) wieder zu Kräften, zur heute erforderlichen Leistungsfähigkeit gebracht wird. Zugleich stellt dieses Urlaubskonzept sicher, daß eine gewisse Zahl gut zahlender Gäste die Hotels in ödester Lage auch außerhalb der Strand- bzw. Skisaison auslastet! Marketing und Werbestrategen haben hiermit immerhin eine Möglichkeit gefunden, für den Bedarf des 1.Gesundheitsmarktes "überzählig ausgebildete" Physiotherapeuten, Krankengymnasten, Masseure, Bademeister etc. ein neues Berufsfeld zu schaffen, die prophylaktische Rehabilitationskur... die kommt auch dem Wunsch vieler Urlauber entgegen, für ihren Pauschalpreis wirklich rund um die Uhr und in allen Belangen bedient zu werden. Man könnte sagen, im Wellnesshotel erblickt man die nähere Zukunft des Arbeitsmarktes...
RobinB 11.12.2006
5.
---Zitat von sysop--- Wellness ist angesagt, das Angebot an Hotels und Anwendungen steigt beständig. Aber stimmen auch Qualität und Preis? Wie sind Ihre Erfahrungen? Sind die Gütesiegel für Wellness-Hotels verlässlich? ---Zitatende--- Wann immer ich in diversen "Wellness"-Bereichen in Hotels war (oder in so betitelten Bereichen in Saunalandschaften, Thermen, etc.) traf ich auf eines: Esoterik. Da werden "Alphawellen angeregt" durch Lichtorgeln und Meditationsmusik "im Takt des Herzschlages von 80Hz" (sic!), Duftstoffe werden verstömt, welche "Körper, Geist und Seele" zu "transzendenter Vereinigung" führen und noch viel mehr unsinniges Zeug, meist mit Namen oder Bezug zu irgendeiner fernöstlichen Mystik. Das das allgemein anscheinend geglaubt wird und viel, viel Geld für den Senf bezahlt wird, finde ich bedenklich. Ich selber finde großen Gefallen an Entspannungsbädern, Duftölen, leiser Musik und Massagen, bitte nicht missverstehen! Aber der ganze neue ideologische Unterbau, der da unter dem Namen "Wellness" oft mit einherkommt, den fand ich zuerst lächerlich, dann wurde er mir lästig und inzwischen ärgere ich mich sogar maßlos darüber, wie heute für die selben Einrichtungen wie vorher unter dem Namen "Wellness" und Was-weiß-ich-Feng-Shui plötzlich die vielfachen Preise verlangt werden. Da ist es dann aus mit der Entspannung...
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