Guide Michelin 2014 Sternenregen für Deutschlands Köche

Deutschlands Gourmet-Szene jubelt. Der Restaurantführer "Michelin" hat 43 neue Sterne verteilt - so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das "Überfahrt" in Rottach-Egern ist jetzt schon das elfte Drei-Sterne-Haus. Berlin mausert sich zum Hotspot der guten Küche.

DPA

Karlsruhe/Berlin - Deutschland hat ein weiteres Drei-Sterne-Haus und insgesamt so viele Sterne-Lokale wie nie zuvor. Die Tester des "Michelin"-Führers kürten das "Überfahrt" im bayerischen Rottach-Egern als elftes Restaurant mit ihrer höchsten Auszeichnung von drei Sternen.

Der 45 Jahre alte Spitzenkoch Christian Jürgens werde für eine Küche "voller Finesse, Kraft, Klarheit und Ausdruck" gewürdigt, sagte "Michelin"-Chefredakteur Ralf Flinkenflügel. In den vergangenen Jahren habe man das Restaurant rund 20 Mal besucht, um ganz sicher zu sein. "Jürgens bringt die kulinarischen Dinge einfach auf den Punkt", sagte Flinkenflügel.

"Das ist der Hammer", freute sich Jürgens bei der Bekanntgabe in Berlin. Dann ging er auf den zur Feier eingeladenen 72-jährigen Meisterkoch Eckart Witzigmann zu, nahm seinen alten Lehrer in die Arme und drückte ihn lange. "Kochen ist und bleibt ein Mannschaftssport", sagte er.

Mit Gerichten vom Pinzgauer Rind oder einer "Kartoffelkiste", gefüllt unter anderem mit Kartoffelwürfeln und Trüffelsalat, überzeugte Jürgens die Tester. Bayern hat damit endlich wieder ein Drei-Sterne-Lokal - als siebtes Bundesland.

Vier neue Sterne für Köchinnen

Insgesamt kann sich Deutschland nun mit 274 Sterne-Restaurants schmücken. Das sei ein neuer Rekord und bedeute innerhalb von fünf Jahren eine Steigerung um mehr als 25 Prozent. "Es war ein sehr gutes Jahr", sagte Flinkenflügel.

Allein 39 neue Ein-Sterne-Häuser seien mit der begehrten "Michelin"-Auszeichnung gewürdigt worden. "Einen solchen Zuwachs gab es das letzte Mal vor 45 Jahren", sagte er. Drei Restaurants kamen neu in die zwei-Sterne-Kategorie: Das Berliner "Facil", das "Tiger-Gourmetrestaurant" in Frankfurt am Main und das "Schlossberg" in Baiersbronn in Baden-Württemberg.

"Die Entwicklung der deutschen Gastronomie war in den letzten Jahren einfach unheimlich dynamisch", sagte der Chef der "Michelin"-Ausgabe für Deutschland. Mit nun elf Drei-Sterne-Häusern, 37 Zwei-Sterne- und 226 Ein-Sterne-Restaurants etabliere sich Deutschland hinter dem unangefochtenen Spitzenreiter Frankreich weiter als Land der Spitzenküche und Spitzenköche.

Immer mehr junge, sehr ehrgeizige Köche mit erstklassiger Ausbildung und viel Spaß im Beruf bestimmten das Bild der deutschen Spitzengastronomie, sagte Flinkenflügel. Auch Köchinnen eroberten in der überwiegend von Männern dominierten Welt der Restaurant-Sterne allmählich Terrain: Drei Frauen erkochten sich jeweils neu einen Stern im "Spices" in List auf Sylt (Sarah Henke), im "Reisers am Stein" in Würzburg (Maria Groß) sowie im "Clara - Restaurant im Kaisersaal" in Erfurt (Maria Groß). Anna Sgroi eroberte sich in ihrem gleichnamigen Lokal in Hamburg einen Stern zurück.

Warum es bislang nicht so viele weibliche Sternenköche gibt? Flinkenflügel kann es sich nicht so recht erklären. "Vielleicht liegt es einfach daran, dass Frauen diesen Beruf generell nicht so oft ergreifen." In Italien jedenfalls gebe es deutlich mehr Sterneköchinnen.

Berlin wird Hotspot der guten Küche

Die hohe Zahl an deutschen Sterne-Restaurants zeige: "Die Nachfrage ist da. Wenn diese Restaurants nicht gut besucht würden, würden sie auch nicht existieren. Berlin entwickelt sich mit jetzt fünf Zwei-Sterne-Häusern sowie neun Gourmettempeln mit einem Stern mehr und mehr zum kulinarischen Hotspot in Europa", sagt Flinkenflügel - auch wenn man Paris da natürlich ausklammern müsse. "Aber was sich in den letzten 20 Jahren in Berlin getan hat, ist einfach unheimlich."

In der Rangliste der Bundesländer kann sich Baden-Württemberg mit 67 Sterne-Lokalen schmücken. Das ist der Spitzenplatz - gefolgt von Bayern mit 45 und Nordrhein-Westfalen mit 44 Sterne-Häusern.

Gestrichen wurden diesmal die Sterne von 19 Ein-Sterne-Restaurants - die meisten, weil sie geschlossen wurden, umzogen oder weil sie wegen neuer Orientierung den Sterne-Standard nicht halten konnten oder wollten. Einzig die "Forellenstube" im sächsisch-anhaltinischen Ilsenburg habe mit unverändertem Konzept ihren Stern aus Qualitätsgründen verloren.

In der Kategorie Bib Gourmand 2014, die gutes und preiswertes Essen würdigt, blieb die Zahl mit 452 Häusern stabil. Zwar wurden 51 Restaurants neu aufgenommen - ebenso viele aber verloren den Bib-Status wieder.

abl/dpa

insgesamt 13 Beiträge
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sudiso 07.11.2013
1. .
berlin als hotspot? aber bitte nur zu einem entsprechend hohem preis der gerichte......, ist doch eh nur eine frage der zeit, wann diese "Sterne" restaurants dicht machen, weil ihnen aufgrund der hohen konkurrenz die kunden ausgehen.....
hikari36 07.11.2013
2. @sudiso
Abgesehen von 11 % der einheimische Bevölkerung gibt es in Berlin auch noch genügend Bestverdiener auf Steuerzahlerkosten. Die können sich von Ihren Diäten schon dann und wann ein "Sterne"-Essen leisten. Nicht zu vergessen die vielen reichen Russen, die die Stadt besuchen.
Flari 07.11.2013
3. Das erfordert mehr Kochsendungen!
Zitat von sysopDPADeutschlands Gourmetszene jubelt. Der Restaurantführer "Michelin" hat 43 neue Sterne verteilt - so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Das "Überfahrt" in Rottach-Egern ist jetzt schon das elfte Drei-Sterne-Haus. Berlin mausert sich zum Hotspot der guten Küche. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/guide-michelin-2014-ueberfahrt-in-rottach-egern-erhaelt-drei-sterne-a-932363.html
Bekommen wir das endlich mal einen Kochsendungsanteil > 50% im deutschen Fernsehen? Teilweise kann man durch die Programme zappen ohne auch nur auf eine einzige laufende Kochsendung zu treffen! Nicht jeder hat schnelles Internet und kann auf die Mediatheken zurückgreifen. Ist es zuviel verlangt, dass z.B. das ÖRTV einen oder zwei reine Kochspartensender betreibt? Toll wäre es auch, da z.B. Reiseberichte mit Hobbykoch Wagner zu sehen, während er durch die halbe Welt reist um die Zutaten für eine kleine Vorspeise oder einen Snack zu besorgen.
gribofsky 07.11.2013
4. Und was soll das bringen?
Immer wieder müssen Restaurants schließen, weil die unglaublich hohen Kosten um den Stern zu "erhalten" nicht mehr erwirtschaftet werden können. Das "Nero" im Schlosshotel Hugenpoet ist das jüngste Beispiel. Das ganze "Michelin System" ist so überzüchtet und abgehoben, es dient nur noch der Show, nicht mehr dem guten Essen und dem Genuss.
Peter Werner 07.11.2013
5.
Zitat von gribofskyImmer wieder müssen Restaurants schließen, weil die unglaublich hohen Kosten um den Stern zu "erhalten" nicht mehr erwirtschaftet werden können. Das "Nero" im Schlosshotel Hugenpoet ist das jüngste Beispiel. Das ganze "Michelin System" ist so überzüchtet und abgehoben, es dient nur noch der Show, nicht mehr dem guten Essen und dem Genuss.
Mein letzter Besuch in einem vom Michelin ausgezeichneten Restaurant (Le Pavillon, Hotel Dollenberg, 2 Sterne) war ein Erlebnis. Die Kombination aus vorzüglichen Speisen, perfekt harmonisierenden Weinen, perfekten unaufdringlichen Service sowie einer wunderschönen Umgebung ist einfach ein Genuss. "Überzüchtet und abgehoben" habe ich dort überhaupt nichts gefunden. Einfach ein perfekter Abend, welcher lange in Erinnerung bleibt. Mit Sicherheit nichts für jeden Tag, sondern für das ganz Besondere. Ich bin froh, dass es solche Genussstätten gibt. Für den zu entrichtenden Geldbetrag bekommt der Gast durchaus einen hohen Gegenwert geboten.
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