Haiangriffe im Roten Meer "Das war eine tödliche Kettenreaktion"

Der tödliche Haiangriff auf eine Deutsche bei Scharm al-Scheich erschreckt Tauchtouristen - es war nicht die erste Attacke auf Menschen in den vergangenen Tagen. Ägyptens Behörden stehen in der Kritik: Wurden die Raubtiere durch illegal entsorgte Schafskadaver zum Badestrand gelockt?

Lutz Hoffmann

Von Linus Geschke


Seit mehr als sechs Jahren lebt die Meeresbiologin Tina Gauer schon in Scharm al-Scheich. Aber so eine Serie von Haiangriffen wie in den vergangenen Tagen hat sie noch nicht erlebt. Vor einer Woche sind drei russische Touristen in der Nähe von Scharm al-Scheich von den Raubfischen schwer verletzt worden. Am Sonntag dann der dramatische Höhepunkt: Eine 70-Jährige aus Süddeutschland badet gerade mit Taucherbrille und Schnorchel, als ein Hai sie attackiert - und tötet.

"Ich bin schockiert über die geballte Anzahl von Haiangriffen und den Tod der süddeutschen Urlauberin" , sagt Gauer. Sie kann sich das Verhalten der Tiere "einfach nicht erklären. Das ist vollkommen untypisch. Menschen gehören einfach nicht zu deren Beuteschema."

Auch Tourismusminister Soheir Garranah sagt, eine solche Serie von Angriffen an diesem Ort sei nicht normal. Seine Regierung hat drei Experten aus den USA gebeten, das Phänomen zu untersuchen. Wo könnten die Gründe liegen?

Experten zufolge sind die Angreifer Weißspitzen-Hochseehaie. Sie meiden normalerweise Küstengebiete und bleiben auf offener See. Immer wieder wurde vermutet, die Überfischung ihrer natürlichen Lebensräume könne die futtersuchenden Tiere in die Nähe der Küste getrieben haben. Das hält Biologin Gauer allerdings für wenig plausibel. "Das Rote Meer ist eines der fischreichsten Gewässer der Welt. Wenn dies der Grund wäre, müsste es beispielsweise im Mittelmeer, das deutlich stärker unter Überfischung leidet, fast täglich zu Haiangriffen kommen."

Augenzeugen sagen, Schafskadaver seien in der Nähe des Unglücksorts bei Ras Mohammed illegal ins Meer entsorgt worden. Für Gauer ein unglaublicher Vorgang: "Offiziell ist Ras Mohammed ein Nationalpark, für den die Besucher auch Gebühren zahlen müssen. Müll- und Abfallentsorgung, Fischerei, alles ist verboten - doch die Kontrollen sind nicht nur lasch, sie sind praktisch gar nicht vorhanden." Die Einhaltung der Regeln "interessiert hier keinen".

Schafe würden in Ägypten oft unter schlimmsten Bedingungen transportiert, viele verendeten während der Fahrt, sagt die Biologin. Die Kadaver würden dann im Meer entsorgt, auch in unmittelbarer Nähe zu den Badegästen.

Auslöser für Haiangriffe

Das Fatale daran: Schafskadaver sind leichte Beute für Haie - und Futter im Wasser ist einer von fünf Faktoren, die Sharkproject als ursächlich für Haiangriffe ausgemacht hat. Angefütterte Haie legen demnach ihre natürliche Scheu gegenüber Menschen ab und werden aggressiv.

Wie groß das Risiko ist, zeigen Versuche von Sharkproject mit Weißen Haien in Südafrika. Die Forscher hielten verschiedene Formen ins Wasser: rund, dreieckig, quadratisch und Robbensilhouetten. Zur Verblüffung der Experten interessierten sich die Haie nicht im Geringsten für die Formen, solange kein Futter im Wasser war. Mit Futter wurde jedoch plötzlich jeder Gegenstand interessant und von den Haien mit einem Biss auf seine Fressbarkeit getestet.

Augenzeugen zufolge wurde auch jener Weißspitzen-Hochseehai angefüttert, der im Juni 2009 eine französische Schnorchlerin im Roten Meer so schwer verletzte, dass sie später ihren Verletzungen erlag. Sharkproject-Präsident Gerhard Wegner rät wegen des Anfütterproblems dringend davon ab, "ohne Käfig an Schnorchel- oder Tauchtouren teilzunehmen, bei denen Haie mit offenem Futter angelockt werden".

Neben dem Anfüttern gibt es aber noch vier weitere Faktoren, die Haie aggressiver machen können:

  • Die Irritation der Sinne - also schlechte Sicht, ungewohnte Geräusche und elektrische Signale wie durch das Auslösen einer Unterwasserkamera. Vom Menschen deutlich schwerer zu kontrollieren als das Anfüttern.
  • Der Konkurrenzdruck, wenn sich mehrere Haie im selben Gebiet aufhalten.
  • Die Konditionierung der Tiere durch den Menschen.
  • Individuelle Faktoren - jeder Hai ist anders, zwei Exemplare derselben Gattung können vollkommen unterschiedliche Verhaltensmuster zeigen.

Nach jedem Angriff wird diskutiert, ob Haie nun blutrünstige Bestien sind, die es auf Menschen abgesehen haben - oder ob in Wahrheit die Menschen Schuld an Attacken der eigentlich harmlosen Tiere haben. Ersteres jedenfalls ist von der Statistik nicht gedeckt. Bis zu 10.000 Tauchgänge gibt es täglich im Roten Meer, doch seit 1976 wurden weniger als zehn Taucher durch Haie getötet. Die meisten von ihnen harpunierten gerade Fische, als es zu der Attacke kam, reizten also den Jagdtrieb der Tiere.

Blutrünstig oder harmlos - für Forscher Wegner sind Haie vor allem Eines: "große Raubtiere mit scharfen Zähnen. Und denen sollte man tunlichst mit Respekt begegnen". Biologin Grauer sieht das genauso. "Viele Taucher und Badende sind gar nicht darauf vorbereitet, dass sie sich mit großen Raubtieren im Wasser aufhalten. Hier fehlt es auch an Aufklärung durch die Hotels und Reiseveranstalter." Die Expertin fordert "korrekte Briefings durch Tauch- und Schnorchelguides".

Was geschah in Scharm al-Scheich?

Wegner hat eine Theorie, wie es genau zu den vermehrten Angriffen rund um Scharm al-Scheich gekommen sein könnte. Strömungen würden "mehrmals jährlich das Plankton dicht an der Küste vorbeitreiben, dem dann die Beutetiere der Haie folgen" und damit die Haie selbst. Wenn dazu noch Schafskadaver, Hotelabwässer und Abfälle kämen, dazu Badende oder Schnorchler - dann "riecht der Hai Futter, er schmeckt Futter und sieht etwas, was sich wie Futter verhält. Eine tödliche Kettenreaktion".

Der Haischützer hat Bilder der ersten Opfer gesehen. Die Bissspuren darauf weisen für ihn auf Probebisse hin. Wegners Folgerung: "Da war Futter im Wasser mit im Spiel - in welcher Form auch immer."

Wenn sich Menschen in Lebensräume großer Raubtiere vorwagen, lässt sich ein Restrisiko nie ausschließen. Aber das Baden in Scharm al-Scheich kann sicherer werden, sagt der Experte - nämlich durch ein Komplettverbot von Anfütterung. "Dazu gehört auch indirektes Futter: keine Abfallentsorgung der zahlreichen Tauchschiffe in Küstennähe mehr, keine Müllentsorgung der Hotels im Meer, keine Abwassereinleitung dort, wo Menschen schwimmen gehen".

Der Gouverneur von Sinai Süd, Mohammed Schuscha, wählt jedoch einen anderen Weg: Er hat angekündigt, dass alle Strände in und um Scharm al-Scheich gesperrt blieben, bis sämtliche potenziell gefährlichen Haie vor der Küste gefunden und gefangen seien.



insgesamt 45 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Oberleerer 06.12.2010
1. tödliche Kettenreaktion
wie wahr, wie wahr! Erst wurden fast alle Fische weggefangen, dann der Rest vergiftet. Die Kräftigsten, die überlebt haben sind bei der Futtersuche nun weniger anspruchsvoll und laben sich an der Überbevölkerung. Jetzt fehlt noch ein Artikel der den Putin als unerschrockenen Haijäger zeigt, wie er Berlusconi aus den Fluten rettet und noch zu einer guten Haifischflossensuppe auf Sarkozys Jacht (bzw. eines befreundeten Industriellen) kommt.
chassespleen 06.12.2010
2. Scharm al-Scheich
Scharm al-Scheich gibts nicht. Wahrscheinlich ist Sharm-el-Sheikh gemeint?
LeisureSuitLenny 06.12.2010
3. Alfred E. Neumann (CDU) fordert...
... Marine-Einsatz gegen Haie! Das Meer, egal welcher Farbe, darf kein deutschfreier Raum sein.
jens.wagner 06.12.2010
4. Sachliche Analyse
Endlich mal ein Bericht, der sich vorurteilsfrei mit den Vorfällen beschäftigt und ganz ohne "Killerhai" und "Monster" auskommt! Hier zeigt sich der Vorteil von SPON gegenüber Seiten wie bild.de, denen es nur um einen reißerischen Aufmacher geht. Dafür DANKE! Sollte das mit den Schafskadavern sich bestätigen, hätten die ägyptischen Behörden für mich eine Mitschuld an den Vorkommnissen. Geld fordern, aber keine Leistung bringen, das wird sich in sinkenden Touristenzahlen rächen...
jens.wagner 06.12.2010
5. Nebenbei...
Zitat von chassespleenScharm al-Scheich gibts nicht. Wahrscheinlich ist Sharm-el-Sheikh gemeint?
Arabisch ist eine Lautsprache, deshalb sind mehrere Schreibweisen richtig. Aber ist das bei dem Thema wirklich jetzt interessant?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.