Chili-Hauptstadt Hatch: Der schärfste Ort der USA

In dem US-Dorf Hatch steht das Leben der Einheimischen im Zeichen des Chilis, selbst Popcorn und Brownies werden damit scharf gemacht. Zum jährlichen Schoten-Festival kommen Zehntausende Besucher - an den Probierständen fließen garantiert Tränen.

Hatch: Die Welthauptstadt des Chilis Fotos
TMN

Ein paar Tankstellen, ein Supermarkt und eine Schule. Und Chilis, so weit das Auge reicht: So lässt sich Hatch im US-Bundesstaat New Mexico beschreiben. Rote, grüne und gelbe, große und kleine Schoten, die verschiedensten Sorten wachsen in dem Tal, durch das der Rio Grande fließt. Das kleine Dorf hat den Spitznamen Chili-Hauptstadt der Welt - und einmal im Jahr wird gefeiert.

"Vor 41 Jahren haben wir das erste Mal ein Chili-Festival organisiert", sagt Marcia Nordyke, die das Organisationskomitee leitet und seit mehr als 40 Jahren in Hatch lebt. "Damals war es gedacht als Dank für unsere Arbeiter, die die Chilischoten ernten." Tagelang wurde damals in Hatch gekocht, Chili natürlich in allen Variationen, und am Samstagabend gab es eine Tanzveranstaltung. "Ganz einfach eigentlich, aber sehr schön."

Heute sieht es ein bisschen anders aus, wenn am ersten Septemberwochenende in Hatch zum Chili-Festival nicht mehr nur die Nachbarschaft anreist, sondern bis zu 50.000 Besucher aus allen Bundesstaaten der USA und aus dem Ausland. Der Verkehr staut sich dann bis auf den Highway. Die Chili-Farmer haben ihr Dorf dann herausgeputzt - schon wenn man von der Hauptstraße aus Richtung Festplatz fährt, stehen überall Stände mit bunten Chili-Sträußen. Es gibt Chili-Pulver in Rot und Grün, von mild bis "x-hot", extra scharf.

Besonders ins Auge fällt das Geschäft von Jim Lytle. Er hat das Dach seines Gemischtwarenladens mit großen roten Chilischoten belegt - Hunderte, wenn nicht gar Tausende werden von der Herbstsonne angeleuchtet. Vor der Tür hängen sie in allen Variationen, drinnen gibt es frische Chilis, getrocknete Schoten, Gewürzpulver, Bücher und allerlei Krimskrams.

Jim gehört die Sundown Farm in Salem, ein paar Meilen von Hatch entfernt. Etwa 80 Hektar bewirtschaftet er mit seiner Familie. Die Hosen auf der Farm hat bis heute jemand anders an: June, die von allen nur "Mama" genannt wird.

Scharf wie "Big Jimmy"

88 Jahre ist Mama alt, ihre Familie kam einst aus Österreich in die USA. Sie ist die letzte von zehn Geschwistern - und sie kennt nichts anderes als das Leben in den Chili-Feldern. "Wir wollten Wein anbauen, aber der ist hier nicht gewachsen", erinnert sie sich. Also hat sich die Familie an Chilischoten versucht. Mit Erfolg. Sogar eine eigene Sorte haben sie kreiert, 'Big Jimmy' heißt sie. "Heute bauen wir vier Sorten an, aber ich experimentiere dauernd mit neuen Kreuzungen", sagt Jim.

Rund ein Drittel der gesamten Chili-Ernte der USA wird im Staat New Mexico eingefahren - und das schließt die Schoten ein, die gleich vor Ort geröstet und gegessen werden. "Jeder Farmer hier isst einmal am Tag Chili", sagt June. Manche sogar zu jeder Mahlzeit. Was die Chilis aus Hatch so besonders macht? "Sie haben einen ganz eigenen Geschmack - und der hat mit dem Boden hier im Tal zu tun", sagt Chili-Experte Jim. Er sagt, er könne die Chilis am Geschmack erkennen, die hier wachsen - "sie sind einfach anders als die aus dem Norden des Bundesstaates oder aus einem anderen Land".

Dieser Meinung ist auch Paul Bosland. Er forscht an der New Mexico State University im rund 70 Kilometer entfernten Las Cruces zum Thema Chili. Zusammen mit seinen Studenten pflegt er einen Versuchsgarten und züchtet im Gewächshaus verschiedene Sorten. "Wir bekommen aus aller Welt Samen geschickt, die wir hier aufziehen und untersuchen." Dabei geht es um verschiedene Attribute, doch meist wollen die Bauern wissen, wie scharf ihre Schoten sind. Das nämlich kann man messen: in sogenannten Scoville Heat Units (SHU).

Mit Vorsicht zu genießen

Die Schärfe einer Paprikaschote, sagt Bosland, hängt von der Menge des in ihr enthaltenen Capsaicins ab. "Das reizt die Schmerzrezeptoren der Schleimhäute und lässt uns beim Essen die Schärfe empfinden."

Vor einiger Zeit zog Bosland die mit einer Million SHU schärfte Schote der Welt in seinem Institut: Bhut Jolokia, auch Geister-Chili genannt. Sie hat ihren Ursprung in Indien, und der Legende nach gibt man den Geist auf, wenn man sie isst. Doch es gibt inzwischen eine erwiesenermaßen schärfere Chili: "Die 'Trinidad Moruga Scorpion' hat schon zwei Millionen Heat Units", sagt er.

Sollte eine Chilischote sich einmal als etwas schärfer entpuppen als gedacht, hat Paul Bosland Tipps, wie man die Schärfe abmildert. "Chilis sollen ja ein Genuss sein und nicht wehtun", sagt er. Auf keinen Fall darf man versuchen, mit Wasser zu löschen: "Das macht es nicht besser!"

Hilfreich seien Milchprodukte, um die Schärfe abzumildern. Das darin enthaltene Fett lindert das Gefühl im Mund und im Hals, denn es löst das Capsaicin. Ein Glas Milch oder auch ein Joghurt als Nachspeise verschafften sofortige Linderung, sagt der einzige Chili-Professor der Welt. "Auch Bier und Brot helfen."

Schote mit Suchtpotential

Über dem Festplatz in Hatch wabert ein ganz besonderer Geruch: Es ist ein Gemisch aus all den Gerichten, die die Anbieter kochen - Burritos, Tacos, Chiles Rellenos, und es ist der Geruch der frisch gerösteten Chilis, die die Farmer nach Bedarf durch ihre uralten Maschinen jagen. Je nachdem, welche Sorte da geröstet und dann geschält wird, tränen die Augen.

"Das ist ganz normal", sagt Farmer Jim. Er kennt seine Schoten - und erklärt: "Wenn man eine Chili der Länge nach aufschneidet, sieht man eine lange, gelbe Vene - darin liegt die ganze Schärfe." Wer also nicht sicher ist, wie scharf eine Schote ist, sollte sie von unten probieren - denn da ist sie am wenigsten scharf. "Je näher man an den Stiel kommt, umso schärfer wird sie."

Sherry Russell, Jims Schwester, kennt die besten Rezepte für die scharfe Schote. Für das Festival backt sie alljährlich Brownies, macht butteriges Popcorn und Cracker - und das alles mit verschiedenen Chilischoten.

Genauso wie Mama und die anderen Damen, die die Köstlichkeiten auf dem Festival verkaufen, sind sie sich sicher: Chili macht süchtig. "Wenn man einmal auf den Geschmack gekommen ist, kann man nicht mehr ohne sie leben." Und das Beste, sagt Sheryl, ist der Geruch von Schoten, die gerade aus der Röstmaschine kommen.

Verena Wolff/dpa/sto

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1. Ich werde
heinz4444 11.07.2013
nie verstehen,wie man sich solch scharfe Gerichte antun kann. Das tötet doch jeden Eigengeschmack ab und außer einem brennenden Mundraum und später einem brennenden A**** hat man nichts davon. In tropischen Ländern hat Chili ja seinen Nutzen zur Desinfektion,ist aber in unseren Breitengraden eher nicht nötig.
2.
redspot 11.07.2013
Zitat von heinz4444nie verstehen,wie man sich solch scharfe Gerichte antun kann. [..]
Vielleicht haben Sie bisher nur die falschen Gerichte gegessen. Richtig eingesetzt sorgen Chilis neben der Schärfe nämlich tatsächlich für Geschmack. Aber wer z.B. keinen Knoblauch mag, den kann man davon auch nicht überzeugen. Von Gerichten, die dagegen "nur scharf" sind, halte ich allerdings auch nichts. Bei mir gibt es heute abend zufälligerweise selbstgemachtes Thai-Curry. Ein absolutes Geschmackserlebnis.
3. Was heißt süchtig?
Olaf53 11.07.2013
Chili reguliert die Verdauung. Nachdem ich schon seit vielen Jahren Gerichte mit Chili esse, spüre ich eine gewisse Abhängigkeit. So 2 bis 3 mal pro Woche brauche ich ein Gericht mit Chili, damit mein Darm so funktioniert, wie ich es erwarte. Übrigens zeigt auch Curry die Wirkung. Darin ist auch Chili enthalten, den man wegen der anderen Farbe schlecht sehen kann. (Bitte mal Inhaltsstoffe nachlesen)
4. Puh!
quietschbär 11.07.2013
Mir ist beim Lesen wieder der Schweiß ausgebrochen in Erinnerung an ein Chili, daß ich mal in Houston essen musste. Nein, die Zeit heilt nicht alle Wunden. ;-)
5. ich bin ein Chili-Freak
peterschoeffel 11.07.2013
Ich habe 90 Sorten Chilis im Garten und 150 in der Samenbank. Natürlich esse ich nicht alle selbst, aber ich finde sie extrem dekorativ. Im Zentrum von Lissabon hat es ein paar Afrikaner-Läden, wo ich neue Sorten finde.
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