Neues Unesco-Weltkulturerbe Hinter Hebrons Mauer

Hebrons Altstadt ist jetzt Unesco-Weltkulturerbe. Ein Palästinenser zeigt Touristen seine Heimat - vor allem junge Deutsche interessieren sich für den Alltag in der geteilten Stadt.

REUTERS

Von Nina Bärschneider


Die Sonne steht hoch am Himmel. Dennoch beleuchtet ein greller Scheinwerfer den Durchgang in der haushohen Absperrung, die sich mitten durch das Zentrum von Hebron zieht. Israelische Soldaten bewachen den Checkpoint am Stacheldraht.

Einige Meter davor steht Mutasem Hashlamoun, um ihn herum eine kleine Gruppe von Deutschen, ausgestattet mit Kameras und Rucksäcken. Der 25-jährige Palästinenser ist Touristenführer in der geteilten Stadt im Westjordanland. Studiert hat er Englische Literatur und Methodik und unterrichtet palästinensische Schüler. Nebenbei will er ausländischen Touristen seine Heimatstadt näher bringen.

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Neues Unesco-Weltkulturerbe: Das geteilte Hebron

Hebron mit seinen rund 200.000 Einwohnern liegt 30 Kilometer von Jerusalem entfernt und ist eine der ältesten Städte der Welt. Erst am vergangenen Freitag hat die Unesco die Altstadt zum Weltkulturerbe erklärt und zugleich auf die Liste gefährdeter Stätten gesetzt. Die Palästinenser hatten sich mit einem Notfallantrag für den Schutzstatus eingesetzt, weil sie zunehmende Zerstörungen in der Altstadt beklagen, die sie den jüdischen Siedlern zur Last legen.

Hebron ist seit 1998 geteilt - ein Teil wird kontrolliert von der Palästinensischen Autonomiebehörde und ein Teil von Israel. Dort, geschützt vom israelischen Militär, mitten im Zentrum, wohnen 800 jüdische Siedler. Eine einzigartige Situation, denn andernorts im Westjordanland haben sie separate Siedlungen auf palästinensischem Grund errichtet. Laut Uno verstoßen sie damit gegen internationales Recht.

Familienbesuch in der Shuhada-Straße

Immer wieder kommt es in Hebron zu Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern, die in ihrem Stadtteil nur bestimmte Straßen nutzen dürfen. Wie kommt hier jemand auf die Idee, Touristen herumzuführen?

"Ich will den Menschen das Leben der Palästinenser in Hebron zeigen. Wie wir wohnen, wie unser Alltag aussieht", sagt Hashlamoun. "Meine Touren sind nicht besonders fröhlich, aber sie geben einen guten Einblick in die Situation." Seine Führungen organisiere er selbst, bekannt werde er durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Außer ihm bieten noch eine Handvoll Freunde Touren durch Hebron an. "Inzwischen haben wir in der Stadt einen guten Ruf, so dass wir auch in Gästeunterkünften weiterempfohlen werden."

Die Touristen führt Hashlamoun seit vier Jahren durch die Altstadt: über die Marktstraße der Palästinenser und zum Grabmal der Patriarchen - einem heiligen Ort für Christen, Juden und Muslime gleichermaßen. Daher reagierte Israels Regierung empört auf die Entscheidung der Unesco, die Hebron als "islamische" Stadt bezeichnet hat. Als "moralischen Schandfleck", "wahnsinnige Entscheidung" und "Geschichtsfälschung" bezeichnete sie die Ernennung und kündigte eine Kürzung der Zahlungen an die Uno an.

Hashlamoun zeigt seinen Gästen auch die Shuhada-Straße, die hinter dem Stacheldraht beginnt. Früher ein zentraler Markt- und Handelsplatz, ist die Straße heute ein gespenstischer Ort. Die Geschäfte sind seit Jahren geschlossen, nur wenige Menschen wohnen noch hier. Palästinenser brauchen eine spezielle Genehmigung, um die Straße betreten zu können.

Hashlamoun klopft bei Mufeed Al-Sharabati an. Zu acht wohnt die palästinensische Familie in einer kleinen Wohnung in der Shuhada-Straße. Der Vater sei von israelischen Soldaten angegriffen worden und seitdem körperbehindert, übersetzt der Guide. Nur einer in der Familie arbeitet - als Sicherheitsmann in der Altstadt von Hebron. Wenn die Situation in der Stadt mal wieder besonders angespannt ist, verlässt die Familie aus Angst vor militärischer Gewalt nicht das Haus.

Noch nicht bereit für mehr Touristen

"Die Touristen - überwiegend Europäer und US-Amerikaner - kommen nicht wegen der Sehenswürdigkeiten, sondern weil sie sich für die politische Situation und das Leben der Palästinenser interessieren", sagt Hashlamoun. Die meisten seien Deutsche und zwischen 20 und 30 Jahre alt.

Sie wollten immer viel über die in Hebron lebenden Juden wissen, bei Amerikanern stehe das Thema Rassismus an erster Stelle."Ich finde es gut, wenn wir über unterschiedliche Standpunkte reden. Problematisch wird es, wenn jemand anderer Meinung ist, aber nichts sagt. Wie kann er dann meine Ansicht verstehen lernen?"

Im Sommer hat Hashlamoun pro Tag mindestens eine zwei bis sechs Stunden lange Führung. Im Winter allerdings kämen nur wenige Touristen nach Hebron. "Für die kühlere Jahreszeit können die Palästinenser nicht genug Komfort bieten - wie ausreichend fließendes Wasser und schicke Hotels. Für den klassischen Tourismus ist Hebron noch nicht bereit", sagt er.

Am Ende knipst er mit jeder Gruppe ein Selfie - meist direkt vor einem der Checkpoints, wo die israelischen Soldaten patrouillieren. Die Führungen mache er auch für sich selbst, sagt Hashlamoun: "Mir ist wichtig, dass wir Palästinenser den Menschen aus dem Ausland zeigen, wie es uns hier geht." Die palästinensischen Bewohner von Hebron vertrauten ihm, bei den Israelis stehe er unter Beobachtung. Aufhören würde er deshalb aber nicht.

Trotzdem wird Hashlamoun diesen Sommer eine Pause von seinen Touristenführungen einlegen. Er will seinen Master in Internationalen Beziehungen machen - in Deutschland. Dann wird er dort von seiner Heimatstadt erzählen können, einer Stadt mit einem umstrittenen Unesco-Titel.

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