Reporter-Legende Helge Timmerberg Mit dem Dienstwagen in den Puff

Klar gibt es Bielefeld! Da hat schließlich Helge Timmerberg mit dem Schreiben angefangen, Deutschlands radikalster Reisereporter. Jetzt kehrt er noch mal an die Anfänge zurück. Unbekifft.

SPIEGEL ONLINE

Von Stephan Orth


Helge Timmerberg kifft nicht mehr. Schon seit Wochen nicht, seit Silvester. Wegen der Lebensqualität, sagt er. Die ist jetzt höher. Die ersten Tage hatte er noch Albträume, Schlafstörungen. Jetzt? Alles super. "Allerdings schreibe ich auch nicht." Geschrieben hat er fast immer auf Droge. Wenn er die Joints wegließ, wurden die Texte meistens nicht gedruckt.

Jetzt hat Timmerberg seine Autobiografie veröffentlicht: "Die rote Olivetti - Mein ziemlich wildes Leben zwischen Bielefeld, Havanna und dem Himalaja". Ein gutes Buch, vermutlich hat er beim Schreiben viele Joints geraucht. Zugleich das erste Werk eines bedeutenden Reiseschriftstellers, bei dem Bielefeld im Titel auftaucht.

Logischer Treffpunkt also: Bielefeld Hauptbahnhof, Vorplatz, an einem Donnerstagmorgen um 10.30 Uhr. Timmerberg mit einem Pappbecher Kaffee, Marlboro im Mundwinkel, blauer Seidenschal um den Hals. Und einer Stimme, die nach whiskygetränktem Wattebausch in der Kehle klingt.

Der erste Satz, wenn er eine Bielefeld-Reisereportage schreiben müsste - wie würde der lauten? "Ich bin nicht im Nichts aufgewachsen." Eine Anspielung auf den vor etwa 20 Jahren aufgekommenen Verschwörungstheorie-Witz, dass die Stadt von Dr. Oetker und Arminia in Wirklichkeit überhaupt nicht existiere.

Reisen als Kontrollverlust

Timmerberg weiß es besser, er hat ab Ende der Sechziger neun Jahre hier gelebt. Zwischen 17 und 26, prägende Zeiten. Erster Job, erster Joint, erster LSD-Trip. "Durchblick" nannten die Hippie-Freunde das, was das Halluzinogen mit dem Gehirn anstellte. Später schrieb Timmerberg, inspiriert vom New Journalism aus den USA, so schillernde, so durchgeknallte Ich-Berichte über Drogen wie niemand vor oder nach ihm in Deutschland. Über seine Auftraggeber berichtet er in seiner Biografie: "Fahr einfach los, sagten sie, egal wohin, und bring uns Geschichten mit, egal worüber. Hauptsache, es knallt."

Auf seinen Reisen nahm er auch Orte und Episoden in sich auf wie einer, der Rauschmittel konsumiert: ergebnisoffen, gierig nach Intensität, immer an der Grenze zum Kontrollverlust. Und dabei ständig überprüfend, was das Ganze mit einem macht. Indien als Bewusstseinserweiterung, Kuba als Sinnesrausch, Israel als Horrortrip, weil in Tel Aviv mehrfach der Bombenalarm losging.

Ein bisschen Irrfahrt gehört zu einer Reise mit Timmerberg unbedingt dazu, heute führt sie per Taxi in den Stadtteil Sieker. Zur Katag AG, Werbespruch "The Fashion People". Ein grauer Industriebau mit großen Glasfenstern, gediegener Mittelstand. Ende der Sechziger heuerte Timmerberg bei dem Unternehmen als kaufmännischer Lehrling an. Doch das Gebäude erkennt er nicht wieder, das Unternehmen ist schon vor Jahrzehnten umgezogen.

Die Rezeptionistin nennt eine Adresse in der Innenstadt. Stresemannstraße 4, heute Peek & Cloppenburg, in der Fußgängerzone, wo ein Straßenpianist Clayderman spielt. Timmerberg sucht nach der Tür, hinter der sich einst die Stechuhr befand, an der er täglich ein- und auscheckte, doch sie gibt es nicht mehr. "Der Moment, als ich dort zum letzten Mal meine Karte stempelte, das war Freiheit", sagt der Autor heute. Alles sei ihm damals nur grau vorgekommen, "das Gebäude, die Gesichter, das Licht, die Stimmung, alles grau". Immerhin: Wie man einen Pullover perfekt in Sekundenschnelle faltet, das wisse er heute noch.

Auf Spurensuche in der Vergangenheit

Timmerberg haute ab, nach Indien für vier Monate, ein Reiseland maximaler Farbenpracht, um dem Grau zu entkommen. Beim Meditieren in Haridwar sei ihm klar geworden, dass er Journalist werden müsse. Also zurück nach Bielefeld und bei der "Neuen Westfälischen" vorgesprochen. Das Büro liegt etwa 300 Meter von Peek & Cloppenburg entfernt, für Timmerberg lagen 12.000 Kilometer dazwischen. Katag Textil-AG - Indien - "Neue Westfälische". Warum geradeaus, wenn es auch mit Umwegen geht?

Der heutige Kultur-Ressortleiter ist da, man kennt sich von einer Lesung. Timmerberg will aus Nostalgie unbedingt noch einmal die Treppe hochgehen, die damals ins Großraumbüro führte. "Es gibt Türen und Treppen im Leben, die sind schicksalhaft", sagt er. 1972 spazierte er hier rein und setzte den Chefredakteur davon in Kenntnis, dass ihm eine innere Stimme in Indien seine berufliche Bestimmung verkündet habe. Er durfte trotzdem ein paar Probetexte schreiben und bekam ein Volontariat. Und bald sogar einen Dienstwagen, einen Käfer. "Da stand der Zeitungsname drauf, deswegen musste ich den immer verstecken, wenn ich in den Puff in Porta Westfalica fuhr", sagt Timmerberg.

Rundgang durch die Redaktion. Moderne Großraumbüros, Teppichgeruch, Wandbildschirme mit den Seitenlayouts von Morgen. Timmerberg wird gebeten, für Erinnerungsfotos davor zu postieren. Der Autor mit schulterlangen Haaren und Nike-Turnschuhen neben den Jeans- und Jackett-Zeitungsmachern - ähnlich muss es anmuten, wenn Mick Jagger seinen Kirchenchor von früher besucht.

Wenn es schiefgeht, wird's interessant

Als Lokaljournalist hielt er zwei Jahre durch, ein Job, in dem man diszipliniert und effizient sein muss, um möglichst pannenfrei durch Ortstermine und Interviews zu kommen. Timmerbergs spätere Geschichten dagegen funkeln am meisten in den Momenten, in denen richtig was danebengeht. Je mehr Ärger der Schreiber hat, desto mehr Freude hat der Leser.

Der Autor nennt das Wissen über diesen Mechanismus seine "Hängematte" in Stresssituationen: "Wenn mir was geklaut wird, weiß ich, dass das eine geile Geschichte ist - mit der ich mehr Geld verdienen werde, als ich gerade verloren habe." Eine seiner Lieblingsepisoden ist die von den 500 Dollar, die er unter seinen Turnschuheinlagen versteckte. Die Schuhe wurden ihm in Kuba geklaut, einem Land, in dem ein Arzt ein Jahr arbeiten muss, um 500 Dollar zu verdienen. "Der Gedanke, dass der Dieb jahrelang auf einem Vermögen herumlief, ohne es zu ahnen, hat für mich alles wettgemacht."

Letzte Station des Bielefeld-Rundgangs ist der Leineweber-Brunnen hinter der Nikolaikirche. Hier trafen sich früher die Hippies, ließen Joints kreisen und sangen zur Gitarre. Ein allabendlicher Pilgerort für alle, die der Alltag anödete. "Was der Dam-Platz für Amsterdam war, das war dieser Platz für Bielefeld. Die Hippieszene war hier toll, viel besser als zum Beispiel in Hannover."

Über dem Brunnen blickt seit 1909 die Statue eines bärtigen Bronze-Leinenwebers geradeaus in die Ferne und raucht Pfeife. Timmerberg erkennt darin einen Wesenszug der Bielefelder wieder, den er sehr schätzt. Eine Art von Sturheit, immer das eigene Ding durchzuziehen. "Die Ostwestfalen sind verwandt mit Leuten in der Steiermark, mit Iren und Afghanen - sie lassen sich nicht kleinkriegen."

Vielleicht liegt es an den Erinnerungen, die am Brunnen wieder hochkommen, vielleicht an den Eindrücken des Vormittags. Jedenfalls sagt Timmerberg, ihm sei nun ein besserer Anfangssatz eingefallen, falls er eine Bielefeld-Reisereportage schreiben müsste. Er lautet: "Um über Bielefeld zu schreiben, musste ich doch wieder anfangen zu kiffen."

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
jakopp.auckstayn 04.03.2016
1.
Auf jeden Fall kann man Helges Bücher auch unbekifft lesen.Cooler Typ.
neu-stuttgarter 04.03.2016
2.
Na, wenn jemand auf LSD behauptet, dass es Bielefeld doch gibt, ist das nicht unbedingt überzeugend...
klumpescheel 04.03.2016
3.
Ich kann mich nicht erinnern, jemals Hippies in nennswerter Zahl am Leineweber gesehen zu haben. Bielefeld ist und war nicht San Franzisco. Geht mit Herrn Timmerberg hier die Erinnerung durch? Das er jetzt wirklich mit den Dogen aufgehört hat, ist ihm zu wünschen. Wird auch höchste Zeit. Der Mann ist Mitte 60. Da merkt man, was man seinem Körper die letzten 50 Jahre angetan hat.
thequickeningishappening 05.03.2016
4. Das ist Leben!
Der Mann hat's gemacht! Natuerlich gibt's da viele Neider, aber, der Herr seines Lebens ist man immer selbst!
pejoachim 05.03.2016
5. Beweis!
Damit ist klar: Timmerberg ist Teil der Verschwörung. Bielefeld gibt es nicht. Punkt!
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