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Hightech-Schnitzeljagd: Schatzsuche mit GPS-Hilfe

Von Titus Arnu

Kinder und Wandern, das schließt sich aus. Wollen Eltern ihren Nachwuchs die Berge hochjagen, endet das oft in Tränen, Sitzstreiks, Familienkrach. Ein Hightech-Kniff kann Abhilfe schaffen: Geocaching - eine Schnitzeljagd gestützt auf GPS-Satelliten und Internet.

Wandern mit der Familie? Wäre eigentlich wunderbar. Warum also nicht mal folgenden Vorschlag machen: "Kinder, lasst uns doch ein paar Stunden lang durch die Gegend laufen, Berge hoch, Berge runter, durchs Dickicht irren, bis die Füße qualmen."

Okay, genauso gut könnte ich versuchen, eine Wand zum Wandern zu bewegen. Da käme wenigstens kein Widerspruch. Also formuliere ich es so: N 47° 57.145 E 011° 26.176, Fpuenrtr tebffr Ohpur. Das klingt ganz anders als "Wandern". Das klingt nach Rätsel, nach Geheimauftrag, nach Abenteuer.



Mein Sohn Jakob und sein Freund Tom, neun und zehn Jahre alt, machen große Augen, als sie den Zahlencode und den Zauberspruch sehen. Die Daten habe ich aus dem Internet geladen und ausgedruckt. Beiläufig erwähne ich, dass sich hinter den Zahlen und Buchstaben ein Ort verbirgt, an dem ein Schatz versteckt ist.

"Ein Scha-hatz?", staunen die Jungs. "Ja, und das ist die Schatzsuchmaschine", antworte ich, und ziehe meinen größten Trumpf aus dem Ärmel: ein GPS-Gerät im Handy-Format. Das ist unser Grundwerkzeug, das wir zum Geocaching brauchen. Mit diesem Apparat können wir uns eigentlich nicht verlaufen, denn es misst unsere Position und unsere Bewegungen. Wir können auch Wegpunkte markieren und benennen ("Waldparkplatz", "Hütte", "Brücke"), an denen wir uns auf dem Rückweg orientieren.

"Fpuenrtr tebffr Ohpur"

Geocaching ist eine Art elektronische Schnitzeljagd. Mit Hilfe des Global Positioning Systems (GPS) kann man Schätze finden, die andere versteckt haben. Statt Gold und Edelsteinen in kunstvoll beschlagenen Truhen erwarten den modernen Schatzsucher Frischhalteboxen mit einem Logbuch und kleinen Geschenken: ein Plastik-Dino, ein Malbuch oder eine Tüte Gummibären. Die Schätzchen sind in Wäldern verscharrt, in Seen versenkt, unter Parkbänke geklebt, an Geländer geknotet und hinter Schilder geschraubt. Geübte Geocacher suchen mehrere Ziele pro Tag ab, nehmen sich ein paar Kleinigkeiten aus der Schatzkiste heraus und legen etwas anderes hinein - für die nächsten Besucher.

Zusammen geben Jakob, Tom und ich die Koordinaten in den Apparat ein: 47 Grad, 57 Minuten und ein paar Zerquetschte nördlicher Breite, 11 Grad, 26.176 Länge. Das GPS-Gerät verbindet sich automatisch mit vier Satelliten, errechnet unsere Position und zeigt wenig später an, dass Fpuenrtr tebffr Ohpur nur 3,5 Kilometer von unserem Wohnort südlich von München entfernt ist. Noch nie hatten die Kinder so schnell ihre Wanderschuhe an. Allerdings stoßen wir am Ziel auf ein Mysterium.

Dank eines Hinweises auf der Schatzkarte im Internet entschlüsseln wir zwar den Zauberspruch ("schräge große Buche") und knacken den ersten Teil des Rätsels, tun uns aber beim nächsten Schritt schwer. Laut Beschreibung müssen wir Buchstaben auf einem Schild zählen, Umlaute mit verschiedenen Zahlen multiplizieren und daraus die Koordinaten des Ziels errechnen - im Kopf, denn leider haben wir nichts zu schreiben dabei. Unser Ergebnis klingt realistisch. 857 Meter Entfernung bis zum Ziel zeigt das Gerät an.

Tom und Jakob laufen schneller. Der eingebaute Kompass zeigt die Richtung an. Rechts, links, geradeaus in den Wald, weiter bergab, wieder links - bis wir plötzlich am Ufer der Isar stehen. Die Zielkoordinaten liegen laut unseren Berechnungen mitten im Wasser. "Und jetzt?", fragt Jakob. "Müssen wir den Schatz jetzt auch noch hochtauchen?" Hm, wahrscheinlicher ist wohl, dass wir uns verrechnet haben. Zum Glück gibt es einen zweiten Cache gleich in der Nähe, wie ich vorher auf einer Geocaching-Seite im Internet recherchiert habe. Und diesmal nicht als dreistufiges Rätsel mit Buchstabenzählen und Kopfrechnen, sondern als genaue Koordinaten, mit einem chiffrierten Hinweis: N 47° 56.745 E 011° 26.608 Va qre Anrur qrf Ghrezpuraf.

Satelliten-Jagd statt Sitzstreik

Die Tabelle zum Dechiffrieren habe ich schon vorher auf meiner neuen Lieblingsinternetseite www.geocaching.de gefunden. Übersetzt heißt der geheime Satz: "In der Naehe des Tuermchens." Das kann ja nicht so schwer sein, zumal das Gerät nur 120 Meter bis zum Ziel anzeigt. Der Fund muss also irgendwo an der Isar verborgen liegen. Jakob und Tom haben schon eine Ahnung: Am Isarwehr steht so ein Türmchen. Zehn Minuten später entdecken wir den Schatz, an dem ich bestimmt schon hundertmal ahnungslos vorbeigejoggt bin - ein graues Kästchen, in dem ein Logbuch steckt, am Geländer der Brücke.

Nach dieser geglückten Generalprobe brechen wir am nächsten Tag in die bayerischen Berge auf. Diesmal wird alles anspruchsvoller: das Gelände ist schwieriger, und das Rätsel, das mit den Koordinaten angegeben ist, klingt ziemlich vertrackt.

Unser Tagesziel heißt: N 47° 37.571 E 011° 22.299, Vue fgrug nz Tvcsry haq fpunhg Evpughat Abeqra. Nhs qre yvaxra Frvgr frug Vue hagreunyo qrf Tvcsryf Yngfpuraxvrsrea qvr fvpu anpu yvaxf refgerpxra. Nz erpugra Enaqr qvrfre Yngfpuraxvrsrea, nyfb nhs qrz Tenf trug Vue nhs pn. 1550z ü. AA. anpu hagra. Dieser Punkt befindet sich auf dem Jochberg, einem 1565 Meter hohen Gipfel mit Blick auf Walchensee und Kochelsee. Der Abstand vom Parkplatz am See bis zum Ziel beträgt laut GPS-Gerät zwar nur 2,5 Kilometer, allerdings Luftlinie. Der eingebaute Höhenmesser zeigt 920 Meter über dem Meeresspiegel an. Der Weg führt in Serpentinen durch den Kiefernwald.

Normalerweise würde solch eine Strecke Proteste, Sitzstreiks und Familienkrach provozieren. Nicht jedoch, wenn man einen Geheimauftrag mit Satellitenunterstützung ausführt. Dann sind selbst gut 600 Höhenmeter ein Klacks, die Jakob und Tom in eineinhalb Stunden schaffen. Dass im Wald die Anzeige immer mal wieder aussetzt, wird als zusätzlicher Ansporn gesehen, schnell die nächste Lichtung zu erreichen.

Der wahre Schatz ist die Zeit zusammen

Oben pfeift der Wind über den Grat, unten auf dem Kochelsee schaukeln Ruderboote. Nur noch 57 Meter bis zum Ziel zeigt das Gerät an - wir kosten sie voll aus, essen zwischendurch Salamibrote und Kekse, genießen den Blick zur frisch verschneiten Zugspitze. Je nach Verbindung ermittelt das GPS-Gerät unsere Position auf fünf bis 20 Meter genau. Ganz exakt soll das Ziel ja auch nicht zu orten sein, ein gewisses Resträtsel will der Hightech-Schatzsucher noch selbst lösen.

Unser Ziel auf dem Jochberg finden wir über die Höhenanzeige und die dechiffrierte Beschreibung: etwa 50 Meter unterhalb des Gipfels, unter einer Latschenkiefer vergraben. Der Schatz ist eher ein Schätzchen: eine Plastiktüte mit Pixi-Büchlein, Plastiktieren und Buntstiften. Und das Logbuch, in das Jakob einen Gruß an den "Cacher" schreibt: "Super Versteck, Klasse Idee. Hat Spaß gemacht. Gruß Jakob, Tom und Titus". Als Geocaching-Anfänger haben wir nicht daran gedacht, Tauschware mitzubringen, also entnehmen wir auch nichts. Das ist den Jungs egal - ihnen geht es nicht um den Inhalt der Schatzkiste, sondern um das Finden. Der wahre Schatz ist ohnehin die Zeit, die wir zusammen auf der Suche nach der Kiste verbracht haben.

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Geocaching: Elektronische Schnitzeljagd