Wallendas Grand-Canyon-Stunt: "Jesus, beruhige dieses Seil"

Von , New York

Spannung live: 22 Minuten und 54 Sekunden brauchte Hochseilakrobat Nik Wallenda, um einen Seitenarm des Grand Canyon zu überqueren. Schwere Winde machten ihm in der "Höllenloch-Biegung" zu schaffen - zur Freude des live übertragenden TV-Senders.

AP/ Discovery Channel

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Schon nach wenigen Schritten merkt er, dass dies viel schwerer wird als erwartet. Also fängt Nik Wallenda leise an zu beten: "Oh Christus", murmelt er, "du bist mein Erlöser, du bist mein Beschützer, du bist mein Schild, du bist meine Stärke." Und: "Jesus, beruhige dieses Seil."

Denn auf diesem Seil, Durchmesser knapp fünf Zentimeter, balanciert Wallenda gerade - in 457 Metern Höhe, über einem Seitenarm des Grand Canyon. Tief unter seinen Füßen, für den Zuschauer sichtbar durch eine winzige Kamera in seinem T-Shirt, schlängelt sich der Little Colorado River durch die rostfarbene Felsschlucht.

Das Seil schwingt im pfeifenden Wind. Wallendas T-Shirt flattert, dann flattern auch seine Jeans. Doch es gibt kein Zurück, nur Vorwärts. Schweiß steht ihm auf der Stirn, deren Adern hervortreten. "Herr, gib mir Ruhe."

Der Stuntman leidet, die Regie freut sich: Dies sind die spannendsten, nervenzerreißendsten Minuten in der jüngeren Fernsehgeschichte. Der US-Kabelsender Discovery überträgt live, wie Hochseil-Akrobat Nik Wallenda diese Schlucht überquert, als erster Mensch überhaupt. Ein Rekord, ein Husarenstück - ein Quotengarant.

Nun ja, "Live" - mit zehn Sekunden Verzögerung. Für den Fall des Falles. Schließlich ist dieser Extrem-Stunt auch eine Ehrung an Wallendas Urgroßvater, den legendären deutschen Zirkusakrobaten Karl Wallenda. Der starb 1978, als er in Puerto Rico vom Hochseil stürzte.

"Versagen ist tödlich"

Jene grausige Szene ist sogar auf Film verewigt. Im Vorlauf zu Nik Wallendas Seilwanderung wiederholt Discovery diesen Clip immer wieder, teils in Zeitlupe. Spannung muss sein.

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Grand Canyon: Drahtseilakt über dem Abgrund
Auch sonst dient alles der Quotenoptimierung. Dreieinhalb Stunden lang lässt Discovery die Zuschauer zappeln, bis Wallenda aufs Seil steigt. Natalie Morales und Willie Geist, zwei populäre Moderatoren des Mutter-Networks NBC, stehen windzerzaust am Rand des Canyons und führen mit endlosen Superlativen durchs pathosgetränkte Vorprogramm.

"Dies ist ein episches, internationales Ereignis", proklamiert Geist.

In der Tat, die Show wird in 223 Länder übertragen. Discovery strahlte auch Felix Baumgartners Rekordsprung aus und kämpfte hart um die TV-Rechte. Dabei überbot der Sender das rivalisierende Network ABC. Das hatte sich voriges Jahr Wallendas Hochseilakt über den Niagarafällen gesichert, ihm damals aber ein Schutzkorsett aufgezwungen, gegen seinen erklärten Willen. Was nun die Entscheidung mittrieb, zu Discovery zu wechseln.

Es lohnt sich. Schon im Internet ist die Story der Hit, ein gutes Omen für die Einschaltquoten: 40.000 Tweets pro Minute, 700.000 Tweets insgesamt, 1,5 Millionen Live-Stream-Nutzer.

"Versagen ist tödlich", intoniert Geist dramatisch. "Mein Leben steht auf dem Spiel", weiß auch Nik Wallenda im letzten Interview vorher. "Aber es geht darum, einen Traum zu erfüllen." Ein Traum - doch wovon genau?

Den Traum beschwören sie alle: seine schluchzende Frau Erendira; Mutter Delilah, die seine Elchhaut-Mokassins handgenäht hat; Vater Terry Troffer, der die technische Seite leitet. Kurz vor dem Start beten sie alle noch mal im Kreis, händchenhaltend. TV-Prediger Joel Osteen spricht die Segnung: "Herr, wir bitten nur darum, dass die Winde ruhig bleiben."

"Geh langsam, geh langsam"

Dabei ist es offenbar weniger wichtig, dass der Hochseilakt gar nicht über dem Grand Canyon stattfindet, wie Discovery beharrt, sondern über dem Little Colorado River Gorge, einem abgelegenen Seitenarm außerhalb des Nationalparks. Dessen Parkverwaltung hätte das nie genehmigt: Der Stunt verstoße gegen die "Atmosphäre von Ruhe und Beschaulichkeit".

Stattdessen ist das Team also zu Gast bei den Navajo-Indianern. Die waren nach ihrer Vertreibung und Internierung durch amerikanische Truppen 1868 mit jenen 71.000 Quadratkilometern Wüstenreservat abgespeist worden, in denen auch der Little Colorado River Gorge liegt.

Dafür dürfen die Eingeborenen jetzt bei der Live-Übertragung pittoresk mitspielen, samt aktueller Miss Navajo Leandra Thomas, in Silberkrone.

Dann ist es so weit. Schon nach Sekunden weiß Wallenda, weshalb sie diese Schlucht, in der das Empire State Building verschwinden könnte, auch Hellhole Bend nennen: Höllenloch-Biegung. Seine Füße finden nur schwer Halt. Böen peitschen ihm entgegen.

"Das gefällt mir gar nicht", sagt Wallenda, der über Kopfhörer mit seinem Vater Terry Troffer verbunden ist. "Geh langsam", fleht der, "geh langsam."

"Joe Cool", gibt Wallenda zu, "ist jetzt gar nicht mehr so cool."

22 Minuten und 54 Sekunden dauert die Tortur. Die letzten der 426 Meter legt er im Laufschritt zurück, als wolle er diese Mutprobe hinter sich bringen, und küsst dann den staubigen Boden.

Anschließend gibt Wallenda sein nächstes Ziel bekannt: Er will in Manhattan zwischen zwei Wolkenkratzern übers Seil balancieren. Was sein Vater von dem neuen Plan hält? "Ich glaube, er ist verrückt", grinst Troffer. "Wie immer."

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insgesamt 61 Beiträge
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1. Verrückte Welt
panzerknacker51 24.06.2013
Zitat von sysopAFPSpannung live: 22 Minuten und 54 Sekunden brauchte Hochseil-Akrobat Nik Wallenda, um einen Seitenarm des Grand Canyon zu überqueren. Schwere Winde machten ihm in der "Höllenloch-Biegung" zu schaffen - zur Freude des live übertragenden TV-Senders. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/hochseil-akrobat-nik-wallenda-balanciert-ueber-grand-canyon-seitenarm-a-907432.html
Idiotie und Sensationsgeilheit sterben eben nicht aus. Einzig die RedBull-Reklame hat diesmal gefehlt.
2. Lebensmueder trifft Gaffer
c218605 24.06.2013
Zitat von sysopAFPSpannung live: 22 Minuten und 54 Sekunden brauchte Hochseil-Akrobat Nik Wallenda, um einen Seitenarm des Grand Canyon zu überqueren. Schwere Winde machten ihm in der "Höllenloch-Biegung" zu schaffen - zur Freude des live übertragenden TV-Senders. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/hochseil-akrobat-nik-wallenda-balanciert-ueber-grand-canyon-seitenarm-a-907432.html
Werde nie begreifen warum Menschen ihren Tod riskieren nur um diese zu unterhalten. Die Versager landen auf dem Friedhof und bei RTL Exclusiv wo viele nach dem Schreck eifrig in jede Kamera labern. Irgendwie pervers.
3. Eine ungeheure Leistung für die Menschheit!
donnerbalken 24.06.2013
Eine ungeheure Leistung für die Menschheit! Die Mondfahrer schenkten der Menschheit die Teflonpfanne. Was hinterlässt der Mann auf dem Seil?
4.
bernardmarx 24.06.2013
Das ist für mich Gotteslästerung - und ich bin Atheist! Sich zuerst in Todesgefahr zu bringen und dann soll sich der liebe Gott um den ganzen Mist kümmern. Dämlich!
5.
Aquifex 24.06.2013
Zitat von sysopAFPSpannung live: 22 Minuten und 54 Sekunden brauchte Hochseil-Akrobat Nik Wallenda, um einen Seitenarm des Grand Canyon zu überqueren. Schwere Winde machten ihm in der "Höllenloch-Biegung" zu schaffen - zur Freude des live übertragenden TV-Senders. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/hochseil-akrobat-nik-wallenda-balanciert-ueber-grand-canyon-seitenarm-a-907432.html
Ich bleibe dabei: Spinner! ..und Discovery ist in meinem Ansehen gerade ziemlich gesunken. Konnte man bei Baumgartners Sprung ins Leere mit sehr viel gutem Willen wenigstens den Hauch eine wissenschaftlichen Anstrichs erkennen - und dennoch war die ganze Aktion ebenfalls Quatsch! - ist das hier einfach nur Blödsinn: Daß er dabei auch noch betet setzt dme ganzen die Krone auf... Ist der Mann irgendwie verzweifelt? Dann soll er professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Spinner!
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