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Berliner Hotel Bogota: Ende Legende

Von Hiltrud Bontrup

Das Hotel Bogota in Berlin ist für viele Künstler ein zweites Zuhause. Jetzt muss es schließen. Ein letzter Tag der offenen Tür steht noch an, dann verliert die Ku'damm-Gegend wieder ein bisschen Lokalkolorit. Der Betreiber hofft auf einen Neustart.

Hotel Bogota in Berlin: Ein Hotel mit einmaliger Geschichte Fotos
DPA

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Berlin - Was nimmt er mit? Joachim Rissmann sortiert in diesen Tagen vieles. Möbel, Andenken, Fotos und Bilder. Zwei Wochen hat Rissmann noch, dann muss er sein Hotel Bogota in Berlin für immer schließen. Zwei Wochen, um Abschied zu nehmen von einem Haus, in dem er Gäste beherbergt hat und dessen bewegte Geschichte er immer wieder erzählt hat. Jetzt geht die Geschichte zu Ende.

Nicht nur für ihn. An der Rezeption steht Gisela Lebas mit Tränen in den Augen. "Es fühlt sich an wie Liebeskummer, es ist ein Abschied von einer Lebensepoche", sagt die Rentnerin aus Genf. Den Zimmerschlüssel hält sie fest umklammert. Auch Helge Timmerberg, der bekannte Reisebuch-Autor, ist traurig: "Hier ist alles familiär, von der Putzfrau bis zum Manager. Ich brauche nur anzukommen und meine Sachen im Zimmer zu verstreuen, dann bin ich zu Hause."

Gerade Künstler und Kreative fühlten sich wohl in dem Gründerzeitbau in der Schlüterstraße 45, um die Ecke des Kurfürstendamm. Die deutsche Schauspielerin Hanna Schygulla stieg mehrfach dort ab, ihr britischer Kollege Rupert Everett buchte immer dasselbe Zimmer - mittlerweile ist es nach ihm benannt. Der Schweizer Magnum-Fotograf René Burri, von dem das berühmte Che-Guevara-Porträt mit Zigarre stammt, ist ebenfalls ein treuer Gast. Mario Testino lichtete Keira Knightley dort für die "Vogue" ab, und auch andere Fotografen schossen Modestrecken in dem Haus. Das erlebt jetzt seinen letzten Ansturm.

Die Holzdielen der Lobby knarzen, die Aufzugtür klappert, Telefone klingeln durcheinander. Jordanis Papadopoulos hält an der Rezeption unerschüttert freundlich die Stellung. Auch der Enddreißiger wird einen neuen Job brauchen, doch erst kümmert er sich noch um die vielen Gäste. Es wirkt befremdlich, dass das Hotel zu wenig Umsatz gemacht haben soll.

Und doch: Das Bogota hat Schulden. Seit Januar habe er nur noch etwa die Hälfte der Miete aufbringen können, sagt Rissmann. Anfang Oktober lag er mit knapp 290.000 Euro im Rückstand, gegen die wachsende Billigkonkurrenz konnte er sich nicht behaupten. Für ein Einzelzimmer ohne eigenes Bad und WC nahm er 40 Euro pro Nacht, für ein voll ausgestattetes Doppelzimmer bis zu 150 Euro.

Seit der Euro-Umstellung hatte Rissmann die Preise nicht erhöht, auch durchsaniert oder einheitlich eingerichtet hat er die Räume nie. Möbel aus verschiedenen Jahrzehnten, kleine Kronleuchter, Stuckdecken, gelb getünchte Wände - wer hier abstieg, kam wegen, nicht trotz der Patina.

Das Interieur wird versteigert

Vor dem Berliner Landgericht schloss der Hotelier einen Vergleich mit dem Hauseigentümer, dem Immobilieninvestor Thomas Bscher. Bis zum 15. Dezember muss das Hotel alle sieben Etagen in der Schlüterstraße 45 räumen. Von den Schulden muss Rissmann 100.000 Euro begleichen. Bis Ende November werden die meisten der 115 Zimmer noch vermietet, danach geht es ans Ausräumen.

Kleinkram vom Dachboden - Butterdosen und Kännchen aus vergangenen Jahrzehnten - verkauft er jetzt schon auf einem Flohmarkt im Frühstückssaal. Einen Teil des Interieurs wird er am 1. Dezember, einem Tag der offenen Tür, anbieten, einen weiteren Teil bei einer Auktion Anfang 2014. Erinnerungsstücke an ein Hotel, die sicher Abnehmer finden werden. Gekämpft um seinen Erhalt haben viele Fans.

Ein Kulturdenkmal sei das Bogota, hieß es vielfach, ein schützenswerter Zeitzeuge Berliner und deutscher Geschichte. Zwischen den weltweit identischen Luxusboutiquen bewahre es in der Gegend ein letztes bisschen Lokalkolorit. Kulturschaffende, Prominente, Journalisten - viele stellten sich öffentlich auf die Seite des Hoteliers, als er im April 2013 die Räumungsklage erhielt. Fotografen stifteten Bilder für eine Auktion im September, der Erlös sollte das Botoga retten.

Auch June Newton protestierte. Ihr Mann, der weltbekannte Fotograf Helmut Newton, hatte ab 1936 seine Lehre in dem Haus absolviert. Danach arbeitete er als Assistent bei der Modefotografin Else Neuländer-Simon, die sich Yva nannte.

Eng verwoben mit der Berliner Geschichte

Tatsächlich war das Gebäude bis 1942 ein Wohnhaus. Erbaut 1911, enthielt es zunächst nur großzügige Wohnungen. Yva lebte und arbeitete in den obersten zwei Stockwerken. Viele ihrer Fotos entstanden an der Treppe zum Dachgeschoss, wo Rissmann sie bis heute ausstellt. Zum Schwarz-Weiß-Glamour der Vergangenheit gesellen sich nun die Koffer der Gäste und jeden Morgen bei der Putzrunde auch Staubsauger und Wagen, randvoll mit schmutzigen Handtüchern.

1938 musste Yva gehen. Erst zwangen die Nazis die Jüdin, das Atelier zu schließen, dann wurden sie und ihr Mann 1942 deportiert und ermordet. Im selben Jahr enteigneten die Nazis auch den jüdischen Hausbesitzer. Die Reichskulturkammer zog ins Haus, bis 1945 nutzte sie den früheren Salon im Erdgeschoss als Kino für die Filmzensur. Heute frühstücken die Gäste dort, an den Wänden hängen großformatige Fotos - "Photoplatz" nennt Rissmann diese Fusion aus Speisesaal und Ausstellungsraum.

Nach dem Krieg hingen hier Bilder von Max Beckmann und anderen Malern. Im Juli 1945 hatte sich in der Schlüterstraße 45 die Kammer der Kunstschaffenden gegründet. Sie zeigte Werke, die kurz zuvor noch verboten gewesen waren.

Ab 1964 beherbergte das Haus vier Pensionen. Bogota hieß jene im vierten und fünften Stock, gegründet von Heinz Rewald, der in den dreißiger Jahren vor den Nazis nach Kolumbien geflüchtet war und in der Hauptstadt Bogotà eine Zuflucht fand. Möbel, die er von dort mitbrachte, stehen bis heute im Hotel.

Von Rewald, der nach und nach die Pensionen im Haus zusammenlegte, übernahmen Rissmanns Eltern 1976 das Hotel. Ihr Sohn machte es wieder zu einem Ort der Kunst. Bilder hängen im ganzen Haus, in Zimmern, Fluren, sogar im Lichthof.

Vielleicht eine neue Pension

Jetzt verliert Rissmann nicht nur das Hotel, sondern auch sein Zuhause. 37 Jahre hat er im Bogota gewohnt, seine vier Kinder sind hier aufgewachsen. "Jetzt muss ich mir zum ersten Mal in meinem Leben eine Wohnung suchen", sagt der 50-Jährige.

Was nimmt er mit? "Für mich selbst vielleicht einen Schreibtisch", sagt er. "Und einen grünen Sessel." Ganz sicher die Möbel aus dem Helmut-Newton- und dem Rupert Everett-Zimmer. Das sind komplette Ensembles, mit denen sich, so seine Hoffnung, vielleicht irgendwann irgendwo eine Pension aufmachen lässt. Auch die Website des Hauses will er erhalten, den "Photoplatz" an anderer Stelle weiterführen und vom Erlös der September-Auktion einen Fotopreis stiften. Wenn die Geschichte des Bogota auch zu Ende geht - das wäre immerhin ein Epilog.


Ein atmosphärisches Filminterview mit dem Hotelbetreiber Joachim Rissmann, dem Reiseautor Helge Timmerberg und anderen Gästen finden Sie hier.

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insgesamt 17 Beiträge
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1.
thomas_gr 15.11.2013
Da hat der Thomas Bscher wohl kein Interesse an einer weiteren Zusammenarbeit. Miete regelmäßig erhöht? Ausbluten lassen? Würde mich nicht wundern, wenn dieser Thomas nun das Hotel in dieser oder einer anderen Form weiternutzen wird. Gier frisst Hirn & Herz
2. @thomas_gr Ach ja?
tuobob 15.11.2013
Schuld ist natürlich immer der Vermieter, nicht wahr. Sie dagegen thomas_gr arbeiten für Luft und Liebe und Ihr klischeeverstelltes Weltbild. Wenn ein Hotelier seine Miete ein ganzes Jahr, wie in besser recherchierenden Zeitungen nachzulesen ist, nicht mehr zahlt und ihm der Vermieter dann kündigt, dabei aber auf fast zwei Drittel der Mietschulden verzichtet, dann kann man wohl kaum von Gier sprechen.
3. ein Verlust
Metternich 15.11.2013
Wieder einmal ein großer Verlust an originärer Kultur und an Geschichte. Die Atmosphäre vom Bogota ist unwiederbringlich. Allein schon der feine Gregorianische Gesang im Lichthof, dem man lauschen konnte, wenn man die knarzenden Treppen hochstieg. Hier lebte man als Gast das Einfache und Unverfälschte, ganz ohne den aufgesetzen Lifetyle, die Schicki-Masche. Und das auch bezahlbar. Hier hatte man noch das Alt-Berlin-Gefühl, und man war sich der Geschichte dieser Stadt eher bewußt als in den Lounge-Kästen des neuen Managertums. Geld oder Liebe? Tja, natürlich Geld letztendlich... Alles Gute Bogota.
4. optional
suppenkoch 15.11.2013
Es ist ja schön, wenn aus dem Hotel ein Ort der Kunst gemacht worden ist. Allerdings ist es immer schlecht, wenn jemand, der ein Gewerbe betreibt, mehr das Schöne und Gute im Kopf hat als auf die Buchhaltung zu achten. Jeder, der mal auf die Inflationsrate achtet, weiß, dass die Preise permanent steigen. Nun aber zu meinen, dass man seine eigenen Hotelpreise aus der allgemeinen Preissteigerung herausnehmen kann, zeugt in meinen Augen von wenig Realitätssinn. Irgendwann reicht es dann nicht mehr und man steht vor den Trümmern. Natürlich kann das noch durch Gier des Vermieters beschleunigt werden. Wer aber seit über 10 Jahren seine Preise konstant hält, obwohl um einen herum alles teurer wird, sollte sich nicht über Probleme wundern.
5. Museum
wernerboecker 15.11.2013
Es ist zweifellos ein großer Jammer daß dieses wundervolle Hotel verschwinden wird. Es gibt dankenswerterweise neben diversen anderen Aktivitäten von Künstlern eine sehr umfangreiche Dokumentation von dem hannoverschen Fotografen Rainer Strzolka, die im Buchhandel erhältlich ist.
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