Hypochonder auf Reisen "Das Bermuda-Dreieck ist nichts gegen einen Linienflug"

Auf Mallorca befürchtet er Tsunamis, in Afrika bleibt er unter dem Moskitonetz, zelten versucht er zu vermeiden: Andreas Wenderoth ist bekennender Hypochonder. Wie meistert einer wie er das Unterwegssein?

Martin Hülle

Ein Interview von


Zur Person
  • Marko Priske
    Andreas Wenderoth, 1965 in Berlin geboren, ist Autor und Reporter. Kürzlich erschien sein Buch bei Fischer: "Nur weil ich Hypochonder bin, heißt das ja nicht, dass ich nichts habe: Eine Anamnese".

SPIEGEL ONLINE: Herr Wenderoth, was antwortet ein Hypochonder auf die Frage "Wie geht's"?

Wenderoth: In der Regel antwortet er jedenfalls zu lange. Weil er es nie als die Höflichkeitsfloskel nimmt, als die es gemeint ist. Da steige ich dann schon mal tiefer in meine Befindlichkeiten ein - egal, ob es der andere hören will oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es Ihnen gerade?

Wenderoth: Puls: leicht erhöht, aber noch nicht im beunruhigenden Bereich. Körpertemperatur: gefühlt 0,3 Grad zu viel. Im Magen gluckst auch schon wieder was, aber das mag am Süßholztee liegen, den wir gerade trinken.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam die Angst vor der Krankheit in Ihr Leben?

Wenderoth: Meine Hypochondrie hat durchaus eine reale Grundlage, ich war als Kind viel krank. Bis zu meinem 13. Lebensjahr hatte ich schon mehr Operationen als andere im Greisenalter. Mit 15 hatte ich eine langwierige Tropeninfektion - ohne dass ich in den Tropen gewesen wäre. Der menschliche Körper ist ein einziges Rätsel.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind als Reporter weltweit unterwegs. Wie lässt sich das mit der Hypochondrie vereinbaren?

Wenderoth: Einige Reisen waren echte Horrortrips. In Malaysia fand ich mich in einem 40-Betten-Zimmer im Krankenhaus wieder. Da sagte man mir, ich hätte Denguefieber, am Ende war es vermutlich aber einfach eine etwas heftigere Magen-Darm-Geschichte. Aber allein die Erwähnung der Krankheit hat unfassbare Ängste in mir erzeugt. Ein anderes Mal sollte ich in Montenegro auf den Kriegsausbruch warten. Als mich der erfahrene Fotograf vor Ort mit meinem riesigen Koffer kommen sah, wusste er sofort, dass ich eine kolossale Fehlbesetzung war. Das habe ich übrigens auch so gesehen.

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Hypochonder auf Reisen: Bloß kein Outdoor-Urlaub

SPIEGEL ONLINE: Trotz all dieser Erlebnisse sind Sie immer wieder losgezogen und haben Ihre Ängste überwunden. Wie?

Wenderoth: Auch im Leben eines modernen Hypochonders gibt es natürlich die Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Ab und zu schwinge ich mich also auf, um nach Art der Heldenreise Abenteuer zu bestehen, die genau genommen eigentlich eine Nummer zu groß für mich sind. Und natürlich habe ich schon sehr viele Reisen abgesagt: Aids-Hospiz in Somalia? Eine Südseereise im kleinen Segelboot mit Aussicht auf starke Winde? Dankeschön, nein. Eine Wanderung durch die Wildnis Lapplands im Auftrag einer Redaktion musste ich abbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Tipps für Betroffene, die sehr wohl gerne in die Ferne reisen möchten?

Wenderoth: Umdenken und Reisevideos schauen. Es gibt inzwischen für fast jedes Land der Erde recht brauchbare Filme, die gut über Länder, Kultur und Tierwelt informieren, ohne dass man dafür Russisch Roulette spielen muss.

SPIEGEL ONLINE: Das wäre dann ja bloßes Vermeiden.

Wenderoth: Ich habe leider kein Patentrezept, wie man seine Angst am besten überwindet. Wenn der hypochondrische Leidensdruck zu stark wird, gibt es noch die Möglichkeit der kognitiven Verhaltenstherapie. Was das Reisen angeht, ist die Auswahl des Ziels für mich entscheidend.

SPIEGEL ONLINE: Wie wählen Sie denn aus?

Wenderoth: Da habe ich ganz harte Kriterien. Gemäßigtes Klima, sprich: nicht zu heiß und nicht zu kalt. In gar keinem Fall sollten Outdoor-Situationen entstehen, in denen ich womöglich ein Zelt aufbauen muss. Ich brauche ein Hotel. Und weder in der Luft noch am Boden dürfen Tiere sein, die mich möglicherweise stechen oder beißen. Die Bakterienlage muss klar und eingrenzbar sein. Zugegeben, meine Freundin hat da ganz andere Vorstellungen, aber jede Beziehung braucht schließlich ein bisschen Reibung.

SPIEGEL ONLINE: Was bleibt da noch übrig? Ostsee?

Wenderoth: Dort fahre ich in der Tat gerne hin. Gute Erfahrungen habe ich allgemein mit Nordeuropa gemacht, Südeuropa geht auch - nur möglichst nicht im Sommer. Ich war annähernd auf allen Kontinenten und muss sagen: Die meisten sind im Grunde doch eher indiskutabel. In der Propaganda der Reisekataloge ist immer von Urlaubsparadiesen die Rede, dabei sind es doch vor allem Krankheitsparadiese! Asien zum Beispiel, eigentlich wunderbar - wahnsinnig nette Menschen, fantastisches Essen, großartige Farben, intensive Düfte und Gerüche. Aber wenn ich länger als eine Woche dort bin, werde ich ganz sicher krank. Meine Strategie: Wenn überhaupt Asien, dann so kurz wie möglich.

SPIEGEL ONLINE: Afrika?

Wenderoth: Ein großartiger Kontinent, jedenfalls, solange man unter dem Moskitonetz liegt. Afrika ist für mich wie Bungee-Jumping. Einfach ein bisschen zu viel. Aber eigentlich ist Reisen ohnehin fragwürdig. Je weiter man sich von zu Hause entfernt, desto gefährlicher wird es.

SPIEGEL ONLINE: Ist es anderswo tatsächlich so viel gefährlicher als zu Hause?

Wenderoth: Zu Hause ist es selbstverständlich auch gefährlich. Aber da kann ich die Gefahren klarer benennen, sie sind mir vertraut.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihre letzte private Reise?

Wenderoth: Mallorca - auch wenn die Insel nicht ohne ist. Im Mittelmeerraum drängen eurasische und afrikanische Platte gegeneinander. Das kann Seebeben verursachen und die wiederum Tsunamis. Gut, es ist sehr unwahrscheinlich, dass das in unserer Lebenszeit passiert, aber ausschließen darf man es natürlich nicht.

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Andreas Wenderoth:
Nur weil ich Hypochonder bin, heißt das ja nicht, dass ich nichts habe

Eine Anamnese

Fischer Taschenbuch; 272 Seiten; 14,99 Euro

SPIEGEL ONLINE: Hat ein Hypochonder automatisch auch Flugangst?

Wenderoth: Sogar ein tadellos funktionierendes Flugzeug stellt ein hohes Risiko dar. Was da alles an Viren und Bakterien durch die Klimaanlage herumgeschleudert wird! Auf jedem Flug sitzen mindestens drei Todkranke in der Reihe hinter mir und husten. Und du hast keine Chance zu entrinnen. Die Angst, mich anzustecken, ist wesentlich höher als die, abzustürzen. Insofern: Triebwerkschäden oder Bermuda-Dreieck sind nichts gegen einen normalen Linienflug.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht der Traumurlaub für Hypochonder aus?

Wenderoth: Ich finde Urlaub allgemein recht überschätzt und versuche, so zu arbeiten, dass ich nie urlaubsreif werde. Viele Menschen arbeiten nur auf diese 30 Tage im Jahr hin, das ist mir völlig fremd. Warum sollte man sich überarbeiten, um dann irgendwohin zu fliehen, wo man am Ende krank wird? Aber zurück zur Frage: kurze Anreise, das Meer in der Nähe, kaum Autos, möglichst wenig Menschen und mindestens zwei Apotheken und einen Internisten in der Umgebung. Das wäre eine gute Kombination.

SPIEGEL ONLINE: Kennen Sie so etwas wie Fernweh?

Wenderoth: Mir völlig unverständlich. Ich meditiere, das ist sozusagen eine Reise ins Innere. Dort passiert bei mir ja immer recht viel. Ich lausche täglich der Symphonie meines Körpers. Damit kann man Stunden verbringen. Demnächst will ich mir ein Stethoskop zulegen - ich denke, das könnte eine wirklich aufregende Reise werden.

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