ICE-Kontrollen Zehntausende von Zugausfällen betroffen

Drangvolle Enge in verspäteten Zügen: Bahnreisende mussten auch am Sonntag wegen ICE-Kontrollen mit einem Ersatzfahrplan vorlieb nehmen. Die Bahn hat nur zwei Drittel des Verkehrs auf ICE-T-Strecken abgedeckt. Das befürchtete Chaos blieb zum Glück aber aus.


Berlin - Der kurzfristige Rückzug von rund 70 ICE-Zügen mit Neigetechnik hat am Wochenende zu Zugausfällen und überfüllten Bahnabteilen geführt. Das befürchtete Chaos ist aber auch am Sonntag weitgehend ausgeblieben. Größere Probleme gibt es nach Angaben der Deutschen Bahn lediglich zwischen Berlin, Leipzig und München, wo es zu Verspätungen von bis zu 30 Minuten kommt. Auf den Bahnhöfen, wo zusätzliches Service-Personal zum Einsatz kam, lief der Betrieb nach Augenzeugenberichten größtenteils normal. Für Sonntagnachmittag erwartet die Bahn vor allem in Leipzig noch Behinderungen, weil dort die beiden ICE-T-Linien von Frankfurt und München zusammentreffen. Außerdem kann es insgesamt auf den Linien Hamburg-Berlin-Leipzig-München und Wiesbaden-Frankfurt-Leipzig-Dresden sowie Stuttgart-Singen-Zürich und Dortmund-Mainz-Frankfurt-Nürnberg-Passau-Wien eng werden. Inzwischen hat die Bahn vier zusätzliche Züge eingesetzt, um den Andrang beim Wochenend-Rückreiseverkehr abzufedern. Dennoch wurden Reisende aufgefordert, die betreffenden Verbindungen am frühen Sonntagabend zu meiden.

Die Einschränkungen im Zugverkehr werden laut Bahn noch bis Freitag dauern, die Lage soll sich aber nach und nach normalisieren. Im Moment werden zwei Drittel der Zugfahrten laut Bahn-Angaben mit verfügbaren und überprüften ICE-T-Zügen sowie mit IC-Ersatzzügen mit teils geringerem Platzangebot abgedeckt. Der laufende Ersatzverkehr wird nach Angaben der Bahn "in den nächsten Tagen durch zusätzlich einsetzbare Fahrzeuge weiter verstärkt".

Fahrgäste in verkürzten Zügen beklagten sich über Gedränge und Gepäckstapel in den Gängen. Andere Fahrgäste berichteten aber trotz der Ausfälle von relativ schwach ausgelasteten Zügen. Auch die Schlangen vor den Auskunftsschaltern waren an vielen Bahnhöfen überschaubar. Die meisten Kunden äußerten ebenso Verständnis für die Maßnahme wie der Fahrgastverband Pro Bahn. "Im Interesse der Sicherheit muss alles getan werden", sagte Pro-Bahn-Chef Karl-Peter Naumann. "Lieber nachschauen als mit Risiko auf die Strecke zu gehen."

Mehdorn droht mit Regressforderungen an Hersteller

Bei einer Routineuntersuchung war kürzlich ein millimetertiefer Riss in der Achse eines ICE-T gefunden worden. Ein Materialfehler könnte auch zum Entgleisen des ICE am 9. Juli in Köln geführt haben. Das Ergebnis der Materialprüfung steht allerdings noch aus. Dass jetzt kurzfristig fast alle der 71 Züge der ICE-T-Flotte aus dem Verkehr gezogen wurden, begründet die Bahn mit fehlenden Sicherheitsgarantien der Herstellerfirmen Siemens, Alstom und Bombardier.

Sollte sich der Verdacht eines Produktionsfehlers bestätigen, drohen den Unternehmen seitens der Bahn Regressforderungen in Millionenhöhe. "Wir werden Schadenersatzforderungen gegen die Industrie prüfen", sagte Bahnchef Hartmut Mehdorn der "Bild am Sonntag", "denn wir sind auf absolut verlässliche Garantien angewiesen." Sicherheit sei das höchste Gut des Unternehmens. "In diesem Punkt sind wir völlig kompromisslos."

Mehdorn warf den Zugbauern nach SPIEGEL-Informationen auch "Inkompetenz" vor, weil sie sich nicht auf verbindliche Aussagen über die Prüfintervalle der ICE-Achsen festlegen wollten. Es dränge sich die Frage auf, "nach welchen Kriterien sie diese Züge für uns entwickelt und geliefert haben", schrieb Mehdorn an das ICE-Konsortium von Siemens, Alstom und Bombardier. Besonders erbost ist Mehdorn darüber, dass die Hersteller noch "vier bis sechs Wochen" brauchten, um verlässliche Angaben über die Haltbarkeit der Bauteile zu machen.

Eine Sprecherin des ICE-Konsortiums in Erlangen hatte Vorwürfe zurückgewiesen. Dass die Hersteller keine Garantien lieferten, stimme "nur bedingt": Die Hersteller hielten normalerweise Prüfintervalle zwischen 200.000 und 300.000 Kilometern für sinnvoll, so wie sie die Deutsche Bahn bisher auch vorgenommen habe. Aber solange das Untersuchungsergebnis zu dem Achsbruch von Köln nicht vorliege, "halten wir es genauso für sinnvoll, dass vorbeugend Prüfintervalle verkürzt werden", sagte die Sprecherin.

abl/AP/dpa



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Meinungsmarktbeiträger 11.07.2008
1. Erfahrungen mit der Bahn
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Über "Service, Sicherheit, Komfort" konnte ich mich nie beklagen. Wenn ich - meist wiederwillig und aus beruflichen Gründen - mit dem ICE unterwegs war, dann fand ich es im nachherein immer wieder sehr angenehm. Bahnfahren ist nach meinem Empfinden allerdings nach wie vor viel zu teuer und deswegen so wenig attraktiv.
der_durden 11.07.2008
2. Nichts gelernt...
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Die DB hat nichts gelernt. Der arrogante Abschluss von Eschede ist das Eine, dass die Bahn aber ein weiteres Mal gewillt ist, solche Risiken auf Kosten der Reisenden auf sich zu nehmen verschlägt mir die Sprache...
Rochus 11.07.2008
3. Entgleisung in Köln
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Da ist die Bahn mal wieder erwischt worden: Profit geht über Sicherheit. Radreifen werden erneuert, wenn sie den Kunden um die Ohren fliegen, verrottete Bahnschwellen, wenn sie endlich zerbröseln und defekte Lager, wenn's nicht anders mehr geht. Bahnkunden brauchen einen sehr guten Draht zu einem leistungsfähigen Schutzengel. Jeder anderer Spediteur hätte schön längst seine Lizenz verloren. Rochus
derweise 11.07.2008
4. Würzburg, Köln
Vor Würzburg entgleiste der Hochgeschwindigkeitszug (!) ICE, weil einige Schafe auf dem Gleis waren. Das hätte schon stutzig machen müssen bezüglich der Erfüllung von sicherheitstechnischen Anforderungen. Nun ist wieder eine Engleisung: wegen Materialproblemen. Hier scheint die Routineüberprüfung nicht ausreichend. Gab es bei der Konstruktion des ICE überhaupt ein Sicherheitskonzept? Gibt es eine laufende Überwachung von Materialverschleiß usw.? Der ICE stellt eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit dar!
fraunicole 11.07.2008
5.
Zitat von der_durdenDie DB hat nichts gelernt. Der arrogante Abschluss von Eschede ist das Eine, dass die Bahn aber ein weiteres Mal gewillt ist, solche Risiken auf Kosten der Reisenden auf sich zu nehmen verschlägt mir die Sprache...
Mit der Privatisierung wird das Risiko noch größer werden. Profit ist Profit. Sicherheit kostet...
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