ICE-Strecke München-Berlin Ab durch die Mitte

26 Jahre hat es gedauert - nun ist es so weit: Die Schnellfahrstrecke VDE8 wird eröffnet. Die Fahrzeit des ICE auf der Strecke von München nach Berlin verkürzt sich erheblich.

Deutsche Bahn

1991, kurz nach der Wiedervereinigung, wurde der Bau der Schnellfahrstrecke zwischen Berlin und Nürnberg beschlossen. Ein gutes Vierteljahrhundert später kommt der letzte, 107 Kilometer lange Abschnitt des Verkehrsprojekts Deutsche Einheit 8 (VDE8) in Thüringen nun ans Netz. Zum Fahrplanwechsel am Sonntag wird der Linienverkehr aufgenommen, bereits am Freitag wird ausgiebig gefeiert.

Wenn der ICE um 11.15 Uhr in Nürnberg startet, werden Bahn-Chef Richard Lutz, der Interims-Bundesverkehrsminister Christian Schmidt und der bayerische Verkehrsminister Joachim Herrmann an Bord sein. Nach und nach werden sich der sächsische, der sachsen-anhaltische und der thüringische Ministerpräsident dazugesellen. Im Berliner Hauptbahnhof dann steigt die Party in einem Festzelt - auch Kanzlerin Angela Merkel wird dabei sein.

Mit dem nun fertiggestellten Teilabschnitt zwischen Ebensfeld und Erfurt wird sich die Fahrzeit auf den 623 Kilometern zwischen Berlin und München merklich verkürzen: Bislang braucht ein ICE dafür rund sechs Stunden. Der ICE-Sprinter schafft das nach Angaben der Bahn künftig in knapp vier Stunden, mit dem normalen ICE mit mehr Haltebahnhöfen sind es knapp viereinhalb Stunden.

Lutz sieht seinen Konzern damit "in Schlagdistanz" zum Konkurrenten Flugzeug - allen voran die Lufthansa. Die jährliche Fahrgastzahl zwischen Berlin und München soll sich auf bis zu 3,6 Millionen verdoppeln. Zwischen den beiden Städten werden künftig täglich 35 Fahrten angeboten - je drei ICE-Sprinter-Verbindungen ab Berlin und München mit Halt in Nürnberg, Erfurt und Halle. Dazu fahren fast stündlich normale ICE mit mehr Stopps.

Baustellen bleiben: in Bamberg und Bayern

Trotz der Euphorie ob der Tempovorteile durch das insgesamt etwa zehn Milliarden Euro teure Megaprojekt bleiben Baustellen - nicht nur am Nadelöhr Bamberg in Bayern, das nach den Worten eines Bahnsprechers voraussichtlich nicht vor Ende des nächsten Jahrzehnts geöffnet werden kann. In Bayern geht in den nächsten Jahren der Streckenausbau in Richtung Nürnberg weiter. Derzeit müssen die schnellen Züge hinter der Landesgrenze noch von bis zu 300 km/h auf 160 km/h drosseln.

Einige Städte, darunter Thüringens Wirtschafts- und Wissenschaftszentrum Jena, fühlen sich zudem abgehängt vom ICE-Verkehr. Andere leiden unter den Schallschutzwänden entlang der Schnelltrasse: Seinen Ort Ebensfeld vergleicht Bürgermeister Bernhard Storath zur Illustration schon mal mit Berlin zu Zeiten der Mauer.

Deutsche Bahn

Als Gewinner des Großprojekts, für das Thüringen nach einem Baustopp Ende der Neunziger Jahre in Vorleistung gegangen war, gilt Erfurt. Die Landeshauptstadt wird sich nach Meinung von Ministerpräsident Bodo Ramelow als Kongressstadt profilieren. "Thüringen wird Deutschlands schnelle Mitte. Wir werden mit diesem Standortfaktor massiv werben", kündigt der Linke-Politiker an. Gleichzeitig will Ramelow, dass Jena in den nächsten Jahren zumindest als IC-Kreuz den Anschluss nicht verliert.

22 Tunnel und 29 Brücken

Rund 80 Fernverkehrszüge halten laut dem thüringischem Verkehrsministerium von kommender Woche an täglich in der Landeshauptstadt. Die Bahn verspricht: "Künftig können Sie ab Erfurt stündlich in alle Himmelsrichtungen reisen." Wie an den anderen ICE-Knoten Nürnberg oder Leipzig fragen sich jedoch Reisende, wie gut die schnellen Verbindungen mit dem Nahverkehr verknüpft werden.

Auch der Fahrgastverband Pro Bahn sieht noch Defizite. Der Anschluss der Regionen sei nicht immer gut gesichert, meint Karl-Peter Naumann von Pro Bahn. Als Beispiele nennt er Erfurt oder Nürnberg. Kritik kommt auch vom BUND - er nennt die Trasse ein Prestigeprojekt auf Kosten von Natur, Landschaft und Mobilität im ländlichen Raum. Allein für den nun fertig gestellten Teilabschnitt zwischen Erfurt und dem fränkischen Ebensfeld bei Bamberg wurden 22 Tunnel durch das Mittelgebirge gesprengt, 29 Brücken führen über Täler des Thüringer Waldes hinweg.

Zumindest die Züge sollen möglichst wenig Lärm machen: An den Portalen der längsten Tunnel seien Schallschutzhauben angebracht worden, die die Luft verwirbeln, erzählt ein Bahnsprecher. "Das verhindert bei dem hohen Tempo den Knall am Tunnelausgang."

abl/dpa

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 155 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bakero 07.12.2017
1.
Schön für die Bahn, dass sie mit vielen Milliarden Euro Steuergeldern die Infrastruktur verbessern kann. Auch gut für deren Kunden. Jedenfalls, wenn man irgendwo in der Nähe einer ICE-Strecke wohnt. 26 Jahre Bauzeit? Was soll‘s. Dass der Bau der Strecke etwas östlicher gelegen viel einfacher und günstiger gewesen wäre ... egal ... nichts im Vergleich zu dem, was gerade in Stuttgart verschwendet wird. Die Folge ist aber leider, dass für die Nebenstrecken viel zu wenig Geld übrigbleibt und die Bahn viel zu selten eine Alternative ist. Beispiel: Ich kann jetzt in 4 Stunden mit RE und ICE nach Berlin fahren. Oder in der gleichen Zeit mit dem Flixbus. Zu einem Viertel des Preises, ohne Umsteigen, mit Sitzplatzgarantie. Schön für die Bahn, diese neue Strecke. Schade, dass die Mehrzahl der (möglichen) Kunden nicht wirklich etwas davon hat.
Neapolitaner 07.12.2017
2. Die ökologische Null-Lösung
IC-Züge sind extreme Stromfresser; der Landschaftsverbrauch und die damit verbundene Naturzerstörung sind enorm. Ebenso die Beeinträchtigung der Anwohner in dichter besiiedelten Gebieten. Es hätte jederzeit absolut ausgereicht, normale Strecken auf ca. 200 km/h zu ertüchtigen, Aber diese Fehlentscheidung geht bereits auf die späten 70er Jahre zurück. Statt riesige Gelder in die Pseudo-Schnellbahnen zu stecken, hätte besser der Ausbau des Gütertransportes forciert gehört.
P.Josph 07.12.2017
3. Das ist schön
Aber leider ist die Preispolitik der Bahn keine wirkliche Alternative zur Mobilität. Ich nehme lieber längere Reisezeiten in Kauf, muss aber nicht für eine einzelne Fahrt (München-Berlin) 153,00 EUR hinblättern. Denn zurückfahren möchte ich ja auch wieder. Und 306,00 € für Hin- und Rückfahrt sind einfach unverschämt. Und nein, Bahncards sind kein wirkliches Ersparnis im Vergleich zu alternativen Reisemöglichkeiten (Auto, Bus).
dr. kaos 07.12.2017
4. Sprinter in 4 h....
... kommt auf einen Schnitt von doch knapp 160 km/h. Der TGV Sprinter Paris - Strasbourg fährt 500 km in 1:45 -> Schnitt etwa 285 km/h. Da herrscht doch bei der Deutschen Bahn ein wenig Nachholbedarf :-)
112211 07.12.2017
5. Über die Grenze schauen
Wenn man über die Grenze schaut, wird man schnell sehen, dass der Bahnschnellverkehr nicht nur ein Segen ist: sowohl in Frankreich als auch in Spanien ist die Region, die nicht so ideal an die Schnellstrecken angebunden sind, komplett abgehängt. Besonders bitter ist es für die Regionen, durch die diese Strecke zwar führen, in denen es aber keinen Haltepunkt gibt. Im dezentral organisierten Deutschland dürfen wir einerseits hoffen, dass uns nicht das selbe Schicksal ereilt, und gleichzeitig muss man dennoch wach sein, und versuchen, diese negativen Entwicklungen schnell zu erkennen und ggf gegenzusteuern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.