ICE-Unglück in Tunnel Bundespolizei leitet Strafverfahren gegen Schäfer ein

19 Verletzte, Millionenschaden, eine der wichtigsten Verkehrsadern Deutschlands lahmgelegt - wegen einer ausgebüxten Schafsherde. Wer ist schuld an dem ICE-Unglück in einem Tunnel bei Fulda? Die Bundespolizei geht jetzt gegen den Hirten vor.


Fulda - Wieso liefen die Schafe frei herum? Wie konnten sie überhaupt auf die Bahnstrecke gelangen? Hätte der Schäfer nicht besser aufpassen müssen? Fragen über Fragen nach dem ICE-Unglück am Samstagabend in einem Tunnel bei Fulda. 19 Personen wurden verletzt, als der Zug in der Röhre mit Tempo 200 in eine Schafherde raste und entgleiste, die Bahn spricht von einem Millionenschaden - die Bundespolizei hat jetzt ein Strafverfahren gegen den Hirten Norbert W. eingeleitet.

In der "Bild"-Zeitung wird W. mit den Worten zitiert, man könne "die Tiere nicht 24 Stunden beaufsichtigen. Aber Schafe laufen nicht einfach auf die Gleise". Möglich sei, dass Hunde die Tiere aufgescheucht hätten. Die Bundespolizei teilte dagegen mit, der Tierhalter müsse sich möglicherweise wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr verantworten. Ein Sprecher sagte, bisher sei noch unklar, wie die Schafe in den Landrückentunnel gelangen konnten. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke sei nur an "neuralgischen Punkten" mit einem Sicherungszaun versehen. Bei der Schuldfrage müsse daher geklärt werden, inwieweit der Schafhirte eine Sicherungspflicht gehabt habe.

Zeugen berichten, dass kurz vor dem Unglück schon ein anderer ICE in der Gegenrichtung mit Schafen aus der Herde kollidiert ist und dadurch erhebliche Verspätung hatte. Die Polizei schweigt dazu "aus ermittlungstaktischen Gründen". Ob man den Lokführer des Unglückszugs nach diesem ersten Zwischenfall mit den Schafen noch hätte warnen können, wird auch bei der Bahn untersucht.

Rund 30 Minuten Verspätung für ICE und IC

Die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Würzburg und Fulda bleibt noch mindestens bis zum Wochenende gesperrt, ICE der Linie Hamburg/Bremen-Würzburg-München und Intercitys der Linie Hamburg-Kassel-Augsburg-München müssen Umwege von 20 bis 40 Minuten fahren. Die Aufräumarbeiten dauern so lange, weil die Gleistrasse schwer beschädigt ist. Außer der Bergung des Zuges mit einem Spezialkran müssen auch Teile der Infrastruktur wie Oberleitung und Kabelschächte erneuert werden.

Die genaue Höhe des Millionenschadens kann der Bahn zufolge erst beziffert werden, wenn der Unglückszug aus dem Tunnel geholt wurde. "Wir arbeiten rund um die Uhr", sagte ein Sprecher. Im Landrückentunnel wurde die Oberleitung abgebaut, um mit Hilfsgerät besser an die Waggons zu kommen und sie wieder auf die Gleise zu stellen. Zwei Spezialkräne sollen von beiden Richtungen in den zweigleisigen Tunnel hineinfahren.

Danach sollte der Zug über das Südportal aus dem Landrückentunnel herausgezogen und zur Reparatur geschleppt werden. Ausbesserungsarbeiten am Tunnel laufen an. 40 bis 50 Fachkräfte sind laut Bahn im Einsatz.

Die zuständige Bundespolizeidirektion in Koblenz konzentriert sich in ihren Ermittlungen auf die Schafherde. Die entscheidende Frage sei, wie und warum die Schafe auf die Gleise kamen, sagte schon am Montagmorgen ein Sprecher. Die Aussagen des Besitzers, die Tiere müssten zu dem Tunnel getrieben worden sein, würden geprüft. Der hessische Schafzüchterverband hatte die Argumentation des Hirten gestützt: "Die Koppel war korrekt eingezäunt und noch dazu durch einen Bach vom Tunnel getrennt. Irgendetwas oder irgendjemand muss die Tiere aufgeschreckt haben", sagte Verbandsgeschäftsführerin Dagmar Rothhämel. Ob die Schafe gezielt in den Tunnel geführt wurden, sei nicht zu sagen, auch das Motiv erschließe sich nicht: "Es können Tiere gewesen sein, Hunde zum Beispiel. Vielleicht haben aber auch Menschen die Herde aufgeschreckt."

abl/AP/dpa/AFP/ddp



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