ICE-Verkehr vor dem Kollaps "Nicht einmal Platz zum Stehen"

Streckenweise ging nichts mehr: Bahnkunden haben im ICE-Verkehr am Dienstag massive Behinderungen hinnehmen müssen. Grund sind Sicherheitsüberprüfungen der Zugflotte, die noch bis Ende der Woche dauern werden.


Berlin - Am schlimmsten traf es Fahrgäste zwischen der Rhein-Main-Region und dem Rhein-Ruhr-Gebiet: Die Bahn konnte ihr Versprechen, alle Fahrplanverbindungen zu bedienen, offensichtlich nicht einhalten. Zwischen Montabaur und Frankfurt-Flughafen setzte die Bahn sogar Busse ein, was die Fahrzeit von etwa 20 Minuten auf gut eine Stunde verlängerte.

Anzeigentafel im Hauptbahnhof in Nürnberg: "Es kommt zu Komforteinschränkungen"
DPA

Anzeigentafel im Hauptbahnhof in Nürnberg: "Es kommt zu Komforteinschränkungen"

ICE-Züge, die diese Unterwegshaltestellen der Schnellstrecke Köln-Rhein-Main bedienten, fielen ebenso aus wie Züge zwischen Mainz und Wiesbaden einerseits und dem Rhein-Ruhr-Raum andererseits. Zwischen Frankfurt am Main und München wurden lokbespannte Einheiten eingesetzt, die deutlich langsamer fahren müssen.

Schon am vergangenen Freitag waren einzelne Züge zwischen Dortmund und München ausgefallen, die vielfach mit den 66 von den Untersuchungen betroffenen ICE-3 bedient wird. Diese müssen seit 1. Oktober im Abstand von 30.000 statt 60.000 Kilometer Laufleistung auf eventuelle Risse in den Radsatzwellen untersucht werden. Hintergrund ist ein Unfall wegen Achsbruchs mit einem ICE-3 Anfang Juli im Kölner Hauptbahnhof.

Vorletzte Woche war auch bei dem Typ ICE-T ein Riss in einer Achse entdeckt und für diesen ebenfalls das verkürzte Intervall angeordnet worden. Die 70 ICE-T-Züge bedienen unter anderem die Strecke Hamburg-Berlin-Leipzig-München. Reisende berichteten, in kritischen Zeiten hätten sie in den Zügen "nicht einmal richtig Platz zum Stehen" gehabt. Am Dienstag kam teilweise auch noch Pech dazu: Personen im Gleis und eine nicht funktionierende Klimaanlage verursachten weitere Verspätungen und Ausfälle.

Offenheit und Transparenz

Bahnindustrie und Schienenlobby wiesen erneut darauf hin, dass die Bahn nach wie vor das sicherste Verkehrsmittel sei. Andreas Geißler von der "Allianz pro Schiene" nannte die Sicherheitskontrollen unverzichtbar. "Der richtige Weg für die Bahn, damit umzugehen, ist Offenheit und Transparenz", sagte er. Auf der Internet-Seite der Bahn ist unter der Rubrik "ICE-Überprüfung - es kommt zu Komforteinschänkungen" eine Liste der nicht oder nur eingeschränkt verkehrenden Züge abrufbar.

Der Verband der Bahnindustrie erklärte, "dass Züge in Deutschland den höchsten Sicherheitsanforderungen unterliegen, die bereits in der Konstruktion und Fertigung von Schienenfahrzeugen umgesetzt werden". DB-Personenverkehrsvorstand Karl-Friedrich Rausch hatte vergangene Woche den Verdacht geäußert, ein Materialfehler könne Ursache des Kölner Unfalls sein, dies aber ausdrücklich unter den Vorbehalt einschlägiger Untersuchungsergebnisse gestellt.

Der Hersteller habe jedenfalls ein Inspektionsintervall von 300.000 Kilometer vorgesehen. Die Radsätze eines ICE-3 sind offiziell für eine Haltbarkeitsdauer von 1,3 Millionen Kilometer ausgelegt, eine Distanz, die ein Zug in etwa anderthalb Jahren zurücklegt. Klaus Peter Naumann, der Vorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn, äußerte Verständnis für Überprüfungen aus Sicherheitsgründen.

Er kritisierte jedoch das Krisenmanagement der Bahn. "Ich würde mir wünschen, den ICE-3 nur noch zwischen Dortmund und Frankfurt einzusetzen", sagte er. "Dann müssten die Fahrgäste zwar in Frankfurt umsteigen, aber das wäre sicher besser, als zu stehen."

Thomas Rietig, AP



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