ICE-Zugausfall Hunderte Passagiere in Frankfurt betroffen

Die Deutsche Bahn hat fast alle ihrer ICE-T-Züge aus dem Verkehr gezogen. Auf etlichen ICE-Strecken sind die Verbindungen eingeschränkt, in Frankfurt sind Hunderte Passagiere von Ausfällen betroffen. Bisher bleibt das befürchtete Chaos auf den Bahnhöfen aber aus.


Frankfurt/Main - Ratlose Reisende an den Infoschaltern, Zugausfall-Meldungen an den Anzeigetafeln: Am Frankfurter Hauptbahnhof waren am Samstag Hunderte Reisende von Ausfall und Verspätung etlicher ICE-Züge betroffen. Am Hamburger Hauptbahnhof war der Andrang an den Schaltern nach Angaben von Beobachtern allerdings nicht größer als an einem normalen Samstag.

Von Chaos könne keine Rede sein, sagte ein Bahnsprecher. "Wir fahren das angekündigte Ersatzprogramm." An den wichtigen deutschen Verkehrsknotenpunkten gebe es am Vormittag "keine größeren Verspätungsprobleme". Auch der Ersatzverkehr laufe bisher planmäßig.

Wegen Zweifeln an der Sicherheit der Achsen hatte die Bahn fast alle 67 Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ ICE-T mit Neigetechnik kurzfristig aus dem Verkehr gezogen. Nach Bahnangaben vom Freitag sind bei den Zügen weitere technische Überprüfungen der Radsatzwellen erforderlich, da die Hersteller Siemens, Alstom und Bombardier keine klaren Sicherheitsgarantien abgäben. Die Hersteller Siemens und Bombardier wehrten sich derweil gegen die Vorwürfe der Bahn, ihre Leistungsversprechen nicht eingehalten zu haben.

Mehr als 30 Zugverbindungen gestrichen

Auf den betroffenen Strecken fahren nach Angaben des Unternehmens derzeit verkürzte Züge in zum Teil erheblich ausgedünnter Taktfolge. Zudem komme es wegen der geringen Geschwindigkeit der Ersatzzüge zu mitunter deutlichen Verspätungen. Allein am Samstag sind mehr als 30 Zugverbindungen ersatzlos gestrichen. Betroffen sind vor allem die Linien Hamburg-Berlin-München, Dortmund-Frankfurt/Main-Wien, Wiesbaden-Frankfurt/Main-Leipzig-Dresden und die Verbindungen zwischen Stuttgart und Zürich.

Als Konsequenz aus dem Ausfall eines Großteils der ICE-Flotte der Bahn sieht der Fahrgastverband "Pro Bahn" die Bundesregierung in der Pflicht. "Der Bund muss mindestens 50 Reservezüge vorhalten", sagte Verbandsvorstand Karl-Peter Naumann der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Der Bund trage laut Grundgesetz eine Verantwortung für den Fernverkehr. "Das ist eine öffentliche Aufgabe", sagte Naumann. Anders als früher, als die Bahn noch Zugreserven von 10 bis 15 Prozent der Flotte bereitgehalten habe, seien es heute "nicht mehr viele", kritisierte er.

Die "HAZ" zitierte eine Bahn-Sprecherin, wonach das Unternehmen nur noch "eine geringe Anzahl" von Ersatzzügen "für Verkehrsspitzen" an Feiertagen wie Weihnachten bereithält. Die genaue Zahl wollte sie demnach nicht nennen.

Mehdorn schreibt Brandbrief

Am Freitag hat Bahnchef Hartmut Mehdorn den ICE-Herstellern nach einer Krisensitzung im Berliner Bahn-Tower "Inkompetenz" vorgeworfen. Es dränge sich die Frage auf, "nach welchen Kriterien sie diese Züge für uns entwickelt und geliefert haben", schrieb Mehdorn nach SPIEGEL-Informationen an den für die Bahntechnik zuständigen Siemens-Zentralvorstand Heinrich Hiesinger. Besonders erbost sei Mehdorn darüber, dass die Hersteller noch "vier bis sechs Wochen" brauchten, um verlässliche Angaben über die Haltbarkeit der Bauteile zu machen.

Eine Sprecherin des ICE-Konsortiums in Erlangen hatte diese Vorwürfe noch am Freitagnachmittag zurückgewiesen. Dass Hersteller keine Garantien lieferten, stimme "nur bedingt": Die Hersteller hielten normalerweise Prüfintervalle zwischen 200.000 und 300.000 Kilometern für sinnvoll, so wie sie die Deutsche Bahn bisher auch vorgenommen habe. Aber solange das Untersuchungsergebnis des Eisenbahnbundesamtes zu dem Achsbruch von Köln nicht vorliege, "halten wir es genauso für sinnvoll, dass vorbeugend Prüfintervalle verkürzt werden", sagte die Sprecherin.

Ein Siemens-Sprecher in München verwies zudem darauf, dass das Unternehmen sein Knowhow dem Amt für die technische Analyse des Schadens zur Verfügung gestellt habe, am Untersuchungsprozess aber nicht beteiligt sei.

abl/dpa/AFP/ddp



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Meinungsmarktbeiträger 11.07.2008
1. Erfahrungen mit der Bahn
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Über "Service, Sicherheit, Komfort" konnte ich mich nie beklagen. Wenn ich - meist wiederwillig und aus beruflichen Gründen - mit dem ICE unterwegs war, dann fand ich es im nachherein immer wieder sehr angenehm. Bahnfahren ist nach meinem Empfinden allerdings nach wie vor viel zu teuer und deswegen so wenig attraktiv.
der_durden 11.07.2008
2. Nichts gelernt...
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Die DB hat nichts gelernt. Der arrogante Abschluss von Eschede ist das Eine, dass die Bahn aber ein weiteres Mal gewillt ist, solche Risiken auf Kosten der Reisenden auf sich zu nehmen verschlägt mir die Sprache...
Rochus 11.07.2008
3. Entgleisung in Köln
Zitat von sysopService, Sicherheit, Komfort: bei der Bahn stets Argumente, auf der Schiene zu reisen. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Da ist die Bahn mal wieder erwischt worden: Profit geht über Sicherheit. Radreifen werden erneuert, wenn sie den Kunden um die Ohren fliegen, verrottete Bahnschwellen, wenn sie endlich zerbröseln und defekte Lager, wenn's nicht anders mehr geht. Bahnkunden brauchen einen sehr guten Draht zu einem leistungsfähigen Schutzengel. Jeder anderer Spediteur hätte schön längst seine Lizenz verloren. Rochus
derweise 11.07.2008
4. Würzburg, Köln
Vor Würzburg entgleiste der Hochgeschwindigkeitszug (!) ICE, weil einige Schafe auf dem Gleis waren. Das hätte schon stutzig machen müssen bezüglich der Erfüllung von sicherheitstechnischen Anforderungen. Nun ist wieder eine Engleisung: wegen Materialproblemen. Hier scheint die Routineüberprüfung nicht ausreichend. Gab es bei der Konstruktion des ICE überhaupt ein Sicherheitskonzept? Gibt es eine laufende Überwachung von Materialverschleiß usw.? Der ICE stellt eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit dar!
fraunicole 11.07.2008
5.
Zitat von der_durdenDie DB hat nichts gelernt. Der arrogante Abschluss von Eschede ist das Eine, dass die Bahn aber ein weiteres Mal gewillt ist, solche Risiken auf Kosten der Reisenden auf sich zu nehmen verschlägt mir die Sprache...
Mit der Privatisierung wird das Risiko noch größer werden. Profit ist Profit. Sicherheit kostet...
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