Retrovelo in Leipzig: Ballonreifen für die Dame

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Der Rahmen im DDR-Design, Ballonreifen wie beim kalifornischen Strandcruiser: In Leipzig montieren zwei Enthusiasten Alltagsräder für Nostalgiker. Die Retroteile vereinen das Lebensgefühl aus zwei Welten - und sind bei Frauen besonders beliebt. Ein Werkstattbesuch.

Retrovelo in Leipzig: Mischung aus DDR und Kalifornien Fotos
Retrovelo

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Frank Patitz steht in seiner Werkstatt und zerreißt Pappen. Der Winter hat Leipzig noch fest im Griff, und der Mittvierziger muss erst mal den Ofen anwerfen. Alte Kartons zum Anfeuern hat er glücklicherweise genug. Regelmäßig werden große Kisten angeliefert, deren Inhalt Patitz und seine Kollegen zu eigenwilligen Fahrrädern der Marke Retrovelo zusammenschrauben.

Klassischer Stahlrahmen, Ledersattel, breiter Lenker und Ballonreifen - das sind die Markenzeichen der Leipziger Fahrradmanufaktur. Die gemufften Rahmen kommen aus Taiwan. Lackiert und montiert wird vor Ort, genau so, wie der Kunde sein Rad wünscht. Ein Retrovelo ist teuer, 1200 Euro kostet das billigste Rad aus der Klassikserie mit Fünfgang-Nabenschaltung. Das ist viel Geld, aber die Geschäfte laufen gut, sagt Patitz. "Wir können uns nicht beklagen."

Kaufen kann man Retrovelos nur in wenigen ausgewählten Geschäften, etwa bei Stilrad in München, Wien, Zürich und Berlin. Immer wieder trudeln Bestellungen aus den USA ein. "Vom deutschen Markt allein könnten wir kaum leben", sagt Patitz.

Die Geschichte von Retrovelo beginnt nach der Wende: In den neunziger Jahren bauen Frank Patitz und sein Kompagnon Mathias Mehlert alte DDR-Räder für sich und ihre Freunde zu schnittigen Flitzern um, mit denen man sich auch steilere Berge hinunterstürzen kann. Vorbild dabei sind die sogenannten Klunkerz, die in den siebziger Jahren die Hänge bei San Francisco hinabrasten und dabei das Mountainbike erfanden.

"Wir haben damals 26-Zoll-Diamant-Räder mit fetten Reifen und breiten Lenkern umgebaut", sagt Patitz. "Die Gabeln und Hinterbauten mussten wir aufbiegen, damit die dicken Reifen überhaupt reinpassten." Die Ballonreifen sind eine Anleihe beim amerikanischen Cruiser ebenso wie der breite Lenker. In einem Retrovelo kommen, wenn man so will, DDR-Einheitsdesign und das Lebensgefühl Kaliforniens zusammen.

"Ein cooles Rad für den Alltag"

"Irgendwann haben wir uns gefragt: Warum bauen wir solche Räder nicht gleich selbst - und zwar richtig." Damals gab es in den Geschäften fast nur noch Bikes mit Alurahmen. "Wir wollten ein cooles Rad für den Alltag, das die Zeit überdauert." Um Naben, Felgen und Sattel bestellen zu können, brauchten Mehlert und Patitz eine Firma, und so gründeten sie vor zehn Jahren Retrovelo.

Die beiden Radenthusiasten sind Perfektionisten und Puristen zugleich. Es gibt für jedes Modell nur eine Rahmengröße - genau wie bei den 26-Zoll-Diamant-Rädern in der DDR. Eine Kettenschaltung ist tabu - das würde dem Look schaden. Um die Felgen in beliebigen Farben lackieren zu können, verzichtet Retrovelo zudem auf Felgenbremsen. Bei den Einstiegsmodellen Paul und Klara werden Rollenbremsen verbaut, ansonsten kommen Scheibenbremsen zum Einsatz. Die extrabreiten Ballonreifen sollen für Stabilität und das ganz besondere Fahrgefühl sorgen.

Fat Frank heißen die dicken Schlappen, und der Name ist kein Zufall. Frank Patitz ist Namenspate. Er hat den Ballonreifen für den Hersteller Schwalbe gestaltet und auch auf die Farbgebung Einfluss genommen. 2003 gab es nur den Big Apple, der den Retrovelo-Gründern aber passend zu ihrem Konzept erschien. Etwa 500 Bikes stellt die kleine Leipziger Manufaktur mittlerweile pro Jahr her - zwei Drittel davon Damenmodelle.

In der Werkstatt ist es mittlerweile warm geworden, die ersten Mechaniker sind eingetrudelt. Aber das ist noch lange kein Grund, den alten Wollmantel auszuziehen und die Schiebermütze abzusetzen. Patitz und sein Kollege Mehlert sind Nostalgiker - in jeder Hinsicht. In der Garage nebenan hängen alte Fahrräder an den Wänden, alles Lieblingsstücke. Davor stehen ein Volvo 142 (Baujahr 1972) und ein Opel Rekord (Baujahr 1966). An den Oldtimern schrauben die beiden genauso gern herum wie an ihren Rädern.

Was heißt eigentlich retro?

Wenn Patitz erst mal angefangen hat zu reden, ist er kaum noch zu stoppen. Er hat an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Grafikdesign studiert. Nicht alle Künstler sind so gesprächig, aber er könnte stundenlang über Begriffe philosophieren. Was genau ist retro? Was ist originell, und wer in der Fahrradbranche kopiert bei wem?

Nachahmer gibt es inzwischen einige. Der branchenweite Trend zu klassischen Formen und Materialien ist offensichtlich. Ein wenig scheint Patitz die Namenswahl "Retrovelo" zu bedauern. Vor zehn Jahren sei das noch etwas Besonderes gewesen. "Heute schmücken sich viele mit dem Stempel 'Retro', um zu verkaufen", echauffiert er sich. Man denke kaum darüber nach, was sich eigentlich hinter dem Begriff verberge.

Ganz losgelöst von Moden und Trends ist man aber auch in der Hinterhofmanufaktur im Leipziger Stadtteil Lindenau nicht. Mittlerweile hat die Firma auch sportliche 28-Zoll-Räder mit schmaler Bereifung im Programm. Eine Abkehr von der Retrovelo-Formel "26 Zoll plus breite Schlappen"? Die Nachfrage nach sportlich-schlanken Modellen sei einfach da, sagt Patitz.

Dass man bei Retrovelo das Rad noch mal ganz neu erfindet, glaubt er nicht. Die einzige Neuerung zum zehnjährigen Firmenjubiläum wird ein Tandem sein - gebaut in einer Stückzahl von zehn. "Unser fettes 26-Zoll-Format ist im Grunde ausgereizt", resümiert Patitz. "Da kann man nicht mehr viel rausholen. Das würden wir gern so bis an unser Lebensende weiterbauen, wenn es möglich wäre."

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1. So wird der Radfahrer verarscht!
tweet4fun 04.04.2013
Zitat von sysopDer Rahmen im DDR-Design, Ballonreifen wie beim kalifornischen Strandcruiser: In Leipzig montieren zwei Enthusiasten Alltagsräder für Nostalgiker. Die Retroteile vereinen das Lebensgefühl aus zwei Welten - und sind bei Frauen besonders beliebt. Ein Werkstattbesuch. In Leipzig montiert Retrovelo Fahrräder mit Historie - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/aktuell/in-leipzig-montiert-retrovelo-fahrraeder-mit-historie-a-892364.html)
Der Rahmen kommt aus Taiwan. Vielleicht zu einem Einkaufspreis von 100,- Euro (sehr hoch angesetzt). Dann wird etwas daran gewerkelt. Ballonreifen und so. Und plötzlich kostet das mindestens 1.200,- Euro. Das nenne ich eine erstklassige Geschäftsidee! Wie schön für den Laden, daß es in Deutschland so viele Deppen gibt. Hier in den USA kann ich das Teil für $125.- kaufen. Ehrlich!!!
2. Und dafür einen ganzen Artikel?
Bluecharly 04.04.2013
Die Artikel über Fahrräder werden immer langweiliger. Gibt es nichts wirklich neues, innovatives im Fahrradmarkt?
3. Retro
der_seher59 04.04.2013
ist keine Lösung. Ich freue mich für die beiden Jung-Unternehmer.Ärgerlich ist immer, wenn SPON uns hier alles als Super-Duper-Trend verkauft. Die Räder sind Mode, insofern geht der hohe Preis für wenig Technik o.k. Das wars dann aber auch schon. Habe selbst 25 Jahre Räder gebaut und verkauft und bin immer etwas angesäuert, wenn man uns heute erzählen will, wie ein vernünftiges Rad auszusehen hat (als hätten wir alle auf dem Baum geschlafen) Nein, ein 26" ist für fast alle Erwachsenen zu klein. Nein, Ballonreifen sind aus gutem Grund dem Fortschritt gewichen.Nein, ein Rad mit minderwertiger Beleuchtung ist zwar Retro, aber techn. von vorgestern. Ach..und nein, die Erfindung des Gepäckträgers war kein Teufelswerk. Wie gesagt, als Modeartikel kann ich damit leben. Das Rad des 21. Jahrhunderts sieht definitiv anders aus
4. 1200 Euro...
fatherted98 04.04.2013
...für ein Hundsgewöhnliches Rad mit Nabenschaltung und breiten Lenker bzw. Reifen...naja...die Leute die sowas kaufen, scheinen ja Geld zu haben. Wahrscheinlich ein Schicki Micki Trend...Rad gammelt dann unbenutz im Keller vor sich hin.
5. Rosensträucher und Rollenbremsen ...
susiwolf 04.04.2013
Diese 'retrovertierten' Räder für den Boulevard läuten den Frühling 2013 ein ... Schön anzusehen; mit 'gefühlter Sicherheit' der dicken Schuhe. Im Flachland -wie Holland und in der Norddeutschen Tiefebene- sicherlich eine schöne Investition. Nur im gebirgsähnlichen Arealen ? Da kann schon 'mal die Leistung der ebenfalls neu-propagierten R-o-l-l-e-n-b-r-e-m-s-e (Shimano) ihren Dienst versagen. 'Schwere Geschütze' wie schwere Fahrer und auch Sportliche: "Wer bremst verliert" ... Leider. Da kann schon mal ein Rosenstrauch das Endziel sein. Warm laufen mit Bremseinbuße ... da must Du büssen. Fazit: Als Stadträder okay, aber nicht als Reiserad. Und die Rollenbremse ? Kleine Bedienkräfte aber leider 'schwach auf der Brust und 'butterweich' ... Shimano würde sagen: Trotzdem kaufen. Genau wie die Leipziger Fahrradmanufaktur. Schlussendlich: Man möge nicht von 'Made in China' (hier Taiwan) zurück geschreckt werden. Die Taiwanesen produzieren -erfahrungsgemäss- gute Qualität; wie wohl auch wohl 'Retrovelo' ...
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