Abenteuer vor der Haustür Spring in den Fluss - und ab ins Büro

Unter Sternen schlafen, auf dem Fluss dahintreiben oder im Garten zelten - Abenteuer gibt es direkt um die Ecke. Der Brite Alastair Humphreys berichtet über das Glück, dem Alltag im Alltag zu entfliehen.

Ein Interview von

Alastair Humphreys

Zur Person
  • Alastair Humphreys
    Alastair Humphreys, Jahrgang 1976, ist ein britischer Abenteurer, Blogger, Redner und Buchautor. Über ein Jahrzehnt lang reizten ihn nur große Trips. Bekannt wurde Humphreys jedoch durch eine Reihe von Mini-Expeditionen in seiner Heimat. 2014 erschien sein Buch "Microadventures", das in England zum Bestseller wurde.
  • Website Alastair Humphreys
  • Alastair Humphreys: "Microadventures"
SPIEGEL ONLINE: Sie sind mehr als 74.000 Kilometer um die Welt geradelt, durch die Sahara gerannt und quer durch Indien gewandert. Und plötzlich wurden Sie bekannt für Ihre Ausflüge in der Heimat. Ist das nicht irgendwie ironisch?

Humphreys: Sie haben recht, das ist albern. All die Jahre verbrachte ich damit, ein knallharter Abenteurer zu sein. Dann schlafe ich einmal auf einem Hügel vor der Haustür - und die Leute werden hellhörig.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr erstes sogenanntes Mikroabenteuer?

Humphreys: Eine Winterwanderung entlang der M25, die London umkreist. Jeder hasst diese Autobahn. Sie ist fast schon berühmt dafür, langweilig, hässlich und schrecklich zu sein. Ich wollte herausfinden, ob ich auch dort ein Abenteuer erleben kann.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Humphreys: Ja, das ging - genauso wie an jeder anderen beliebigen Straße, die rund um eine Stadt führt. Dort lassen sich Wildnis und Schönheit in all dem Hässlichen und Langweiligen entdecken. Wenn du 50 oder 100 Meter von der Straße entfernt unter Bäumen schläfst, hörst du zwar noch die Autos, aber die Vögel zwitschern. Der Ausflug gefiel so vielen Leuten auf meinen Social-Media-Kanälen, dass ich beschloss, damit weiterzumachen.

Winterwanderung rund um London: Mikroabenteuer zu Hause
Alastair Humphreys

Winterwanderung rund um London: Mikroabenteuer zu Hause

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Erfolgsgeheimnis dieser Kurztrips?

Humphreys: Sie helfen, den Kopf freizubekommen. Wir sind heute so beschäftigt, so abhängig von Internet und Smartphone. Das alles einfach mal abzuschalten, rauszugehen, ein bisschen Stille zu genießen, den Sonnenuntergang anzuschauen, den Vögeln zuzuhören - das ist wichtig, vor allem für vielbeschäftigte Städter, die den Bezug zur Natur verloren haben. Ich fühle mich danach immer glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre denn ein geeignetes Abenteuer für den Einstieg - ein Mikroabenteuer light?

Humphreys: Als ich ein kleiner Junge war, liebte ich es, im Garten zu campen und unter den Sternen zu schlafen. Und warum sollte man das als Erwachsener nicht mehr machen? Nimm dein Bettzeug mit in den Garten, eine heiße Schokolade oder ein Glas Wein, genieße die Nacht unter freiem Himmel und wache mit dem Sonnenaufgang auf. Vielleicht gibt dir das so viel Energie, dass du schon am nächsten Wochenende auf einem Hügel übernachtest.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich aber keinen Garten habe und dazu einen Vollzeitjob - wie kann ich im Alltag Mikroabenteuer einbauen?

Humphreys: Du stellst einfach deine Denkweise auf den Kopf. Statt zu sagen: Ich kann keine Abenteuer wegen meines Jobs erleben, stellst du dir die Frage: Was für Möglichkeiten habe ich, wenn ich um 17 Uhr gehe und um 9 Uhr am nächsten Morgen wieder in der Arbeit sein muss?

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Humphreys: Pack nach Feierabend deine Sachen - auch ein Abendessen -, schwing dich aufs Fahrrad und fahre irgendwo hin, wo du noch nie warst. An einen Fluss zum Beispiel, in dem du morgens baden kannst. Am nächsten Morgen radelst du nach Hause, machst Frühstück und gehst ins Büro. Gerade jetzt, wo es so lange hell ist, kann man die Zeit gut nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Warum lieben Sie es, draußen zu übernachten?

Humphreys: Eine Nacht im Freien hat einfach einen starken Effekt. Vor allem ohne Zelt unter dem Sternenhimmel - das ist eine pure und wilde Erfahrung.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland darf man ja nicht überall wild campen - im Gegensatz zu Skandinavien mit seinem Jedermannsrecht.

Humphreys: Dasselbe gilt für England. Alle weisen mich darauf hin, gleichzeitig fahren alle zu schnell mit dem Auto durch die Stadt. Natürlich könntest du einen Bauern um Erlaubnis fragen, aber die meisten von uns kennen ja keinen. Wenn du abends jedoch aufs Land in eine einsame Gegend fährst, keinen Müll hinterlässt und am frühen Morgen wieder aufbrichst, verursachst du ja in der Regel keine Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Schleicht sich da nicht manchmal Unbehagen ein?

Humphreys: Ja, manchmal geht auch meine Fantasie mit mir durch, und ich sinniere über Geister und Mörder, die in den Wäldern herumstreichen. Wer nervös ist oder Angst hat, kann sich aber mit Freunden zusammentun. Das hat noch einen zweiten Vorteil: Wenn man sich verabredet, gibt es keine Ausreden mehr.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein Buch über Mikroabenteuer in England geschrieben, haben Sie auch Tipps für Deutschland?

Humphreys: Abenteuer kann man überall erleben - unabhängig davon, wo man lebt. Es gibt eine dänische Redewendung: Wer über die Türschwelle gekommen ist, hat die Reise halb getan.

Wintersonnenwende mit Espresso: Five-to-nine-Abenteuer
Alastair Humphreys

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SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Tipp für fortgeschrittene Mikroabenteurer?

Humphreys: Viermal im Jahr an bestimmten Tagen am selben Ort übernachten - nur um zu sehen, wie er sich mit den Jahreszeiten verändert. Zum Beispiel zur Tagundnachtgleiche im März und im September und zu den Sonnenwenden im Juni und Dezember.

SPIEGEL ONLINE: Was waren Ihre eigenen schönsten Alltagsabenteuer?

Humphreys: Auf und im Fluss. Ich mag es, mein Leben zu entschleunigen, und Schwimmen ist die langsamste Form des Reisens. Außerdem sieht die Natur vom Wasser aus immer wilder aus. Einmal habe ich mit Freunden zusammen sehr günstige Schläuche von Traktorreifen gekauft, und wir ließen uns damit auf dem Teifi in Wales treiben. Nachts haben wir uns einen Rastplatz gesucht, Feuer gemacht, gegessen und auf den Reifen gesessen. Das war ein kindliches Vergnügen, und es war herrlich.


Alastair Humpreys: "Microadventure" (Englisch). HarperCollins; 256 Seiten; 25,63 Euro

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
nuramnoergeln 07.07.2015
1. mit sowas kann man Geld machen?
Mit so banalen Sachen bekommt man heute bereits teure Bücher verkauft und schaffts zu SPON. Was ist das nächste? "Meine täglicher Gang zur Toilette. - Das große Abentuerer"? Ehrlich, wie verweichlicht muss man sein bzw. wie fantasielos, um solche Ratgeber zu benötigen. Ich lebe in Deutschlands größter Stadt, trotzdem schaffe ich es jede Woche die Natur zu erleben. Einfach nur den Ars.. hochbekommen und los.
thomas.d. 07.07.2015
2. Spring in den Fluss
Spring in den Fluss..........haben dieses Jahr schon viele gemacht und einige sind nie wieder ( oder erst Tage später) aufgetaucht. Man sollte sich dieses "Abenteuer" genau überlegen!
dr3i 07.07.2015
3. Sprung-Selfie / Bild 4
Tolles "Sprung-Selfie"auf Bild Nr.4...... Auslöser drücken und Kamera wegwerfen? Oder wie wird so ein "Sprung-Selfie" gemacht?
wolleb 07.07.2015
4.
Und wieder arbeiten alle im Büro.
adhortator 07.07.2015
5. ja...
Froh zu sein bedarf es wenig....
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