Isländische Mentalität Wird schon

Wo die Erde brodelt, Vulkane ausbrechen und das karge Land nur wenige Nahrungsmittel hergibt, muss man stark sein. Mental und körperlich. So sind die Isländer.

Isländische Flagge im Wind
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Isländische Flagge im Wind

Von Alva Gehrmann


Die Aufmerksamkeit für ihre Fußballstars ist riesig, doch im Prinzip ist in Island fast jeder bekannt. Sei es nun, dass er einer der berühmtesten Schlagzeuger, eine der mutigsten Künstlerinnen oder einer der besten Klempner ist. In einer kleinen Gesellschaft mit rund 330.000 Einwohnern zählt jeder Einzelne. Einer muss ja die Bücher schreiben oder Fußballer werden, da kommt man recht schnell in die Nachrichten - oder in die Nationalmannschaft.

Wichtiger aber als auf ihrer Insel bekannt zu sein, ist es, im Ausland wahrgenommen zu werden. Vor 25 Jahren musste Popstar Björk noch erklären, dass die Isländer nicht in Iglus leben. Heute weiß man mehr über das Inselvolk, das bis zur Unabhängigkeit fast 600 Jahre lang unter dänischer Herrschaft unbeachtet vom Rest der Welt im fernen Atlantik lag.

Bis heute sind die Isländer aber geprägt von einer Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und (teilweise ironischem) Größenwahn. Der Betreiber einer Whale-Watching-Firma etwa reservierte der englischen Mannschaft schon vor dem Spiel 23 Freikarten. "Als Trostpflaster für den angeschlagenen Stolz nach der Niederlage gegen Island", so Guðbjartur Jónsson. Bisher wurden die Tickets nicht eingelöst.

Die Isländer lieben Superlative und im Kreieren von "per-capita"-Vergleichen sind sie längst Europameister: Sie haben die höchste Dichte an Literaturnobelpreisträgern (genau einer, Halldór Laxness), sie hatten die erste demokratisch vom Volk gewählte Präsidentin der Welt und sie sind die kleinste Nation, die je an einer Fußball-EM teilgenommen hat. Und worauf sie ganz stolz sind: Ihre Fußballjungs haben bisher noch nie bei einer EM verloren. (Es ist ja ihre erste Teilnahme.)

Isländischer Dreiklang: Stärke, Wille und Mut

Das Lebensmotto der Isländer lautet "Þetta reddast" - das wird schon irgendwie klappen. Nach der Finanzkrise 2008 und zuletzt durch die Enthüllungen der Panama Papers, wurde dieser Optimismus zwar leidgeprüft. Aber die Isländer sind seit jeher Krisen gewohnt - wo jederzeit die Erde brodelt, Vulkane wie Eyjafjallajökull ausbrechen und die unwirtliche Natur nur wenige Nahrungsmittel hergibt, muss man stark sein. Mental und körperlich.

"Wir sind verdammt harte Arbeiter", sagt Geir Þorsteinsson, der Präsident des Isländischen Fußballverbandes im Interview mit dem SPIEGEL. Wenn der gefangene Fisch auf den Kuttern im Hafen einlief, galt es ihn sofort zu verarbeiten. "Das hat sich in unsere Mentalität eingebrannt", sagt Þorsteinsson. Und so kämpften sie im Spiel gegen England um jeden Ball, als ginge es ums Überleben. "Áfram, áfram" - vorwärts, vorwärts.

Nach dem letzten Sieg postete Torwart Hannes Þór Halldórsson auf Facebook einen Dank an seinen Vater, der unter anderem 1400 Kilometer um Island geradelt sei und zwei Berge-Marathons absolvierte. "Er gibt nie auf, er ist für mich eine große Inspiration."

Die Verbundenheit und familiäre Nähe

Halldórssons Vater steht natürlich ebenfalls im Stadion. Es heißt, dass gerade zehn Prozent der Isländer in Frankreich seien. Dort zelebrieren sie ihre "Huh hu"-Rufe und das sich steigernde rhythmische Klatschen. Manche Journalisten animierte es dazu, es mit dem neuseeländischen Kriegstanz Haka oder Wikingerrufen zu vergleichen. Tatsächlich haben sich die Isländer die Choreografie von einem schottischen Verein abgeschaut und mit der ausgedehnten Stille ihre Version daraus gemacht. "Dieses Schweigen hat genauso viel Kraft wie das Klatschen", sagt Styrmir Gíslason vom Fanverband Tólfan (sinngemäß: der zwölfte Mann).

Der zwölfte Mann, das ist quasi die ganze Nation. In Island hält die weitverzweigte Familie traditionell zusammen, bis zu einem gewissen Grad sind sie alle miteinander verwandt. Das ist kein Klischee. Und so steht auf dem Platz ihre Familie und auf den Rängen die Verwandtschaft. Beeindruckend sind auch die Gesänge, mit denen sie ihre Mannschaft beim Aufwärmen emotional aufputschen.

Nach dem Spiel suchen die Isländer ebenso leidenschaftlich jeden noch so kleinen Bericht, in dem die Welt über sie berichtet und verbreiten sie stolz in den sozialen Netzwerken.

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11  Bilder
Island: Vulkane, Gletscher, Fußballplätze

Sie lieben neue Herausforderungen und nutzen den Moment

Auf Facebook meldete ein Isländer vor einigen Tagen, dass er nach dem Einzug ins Viertelfinale spontan ein Flugzeug gechartert hat. Jeder kann für rund 1150 Euro mit ihm am Sonntag nach Paris fliegen, um den größten sportlichen Erfolg zu erleben.

Im Handball hat die kleine Nation schon viel erreicht. 2008 holten die Männer bei den Olympischen Sommerspielen die Silbermedaille. Und waren damit, klar, das kleinste Land, das jemals eine olympische Medaille im Teamsport gewonnen hat. Im Finale unterlagen sie nur den Franzosen.

Mitten in der Einsamkeit steht das Häuschen mit Cola-Automat von Kristinn G. Kristmundssson
Alva Gehrmann

Mitten in der Einsamkeit steht das Häuschen mit Cola-Automat von Kristinn G. Kristmundssson

Dank einer neu aufgebauten Trainerstruktur (es gibt nun 770 Trainer mit Uefa-A- oder -B-Lizenz) und guter Jugendarbeit konnten die Fußballer endlich international aufholen. "Wenn du das Beste im Leben erreichen willst, musst du bereit sein, wenn die Chance dazu kommt", sagte Co-Trainer Heimir Hallgrímsson. Und sie sind bereit.

Im Video - hören Sie hier noch einmal den Kommentator beim Siegtor gegen England:

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Apropos Hallgrímsson. Es wird immer wieder erzählt, dass er ja weiterhin als Zahnarzt arbeite und Torwart Halldórsson als Regisseur Videos dreht. In Island ist es üblich, mehrere Berufe in unterschiedlichen Branchen auszuüben. Zum einen ist es notwendig, um den hohen Lebensstandard zu halten, zum anderen ist es eine Bereicherung: Ein Banker jobbt nebenbei als Hochlandbusfahrer, eine Ingenieurin ist erfolgreiche Krimiautorin und ein Sargbauer betreibt einen solarbetriebenen Cola-Automaten in der Einsamkeit.

Auch Guðmundur Benediktsson, der ekstatische Fernsehkommentator, arbeitete zuletzt in seiner Heimat noch als Fußballtrainer. Vor einer Woche jedoch verlor er seinen Job. Sicherlich wird er bald neue Angebote bekommen. Eines hat ihr geliebter Gummi Ben jetzt schon erreicht: Er ist der berühmteste Kommentator der EM.

Zur Autorin
  • Tina Bauer
    Alva Gehrmann ist freie Journalistin aus Berlin. Seit über zehn Jahren berichtet sie vor allem aus Nordeuropa - sie lebt jeweils mehrere Monate des Jahres in Island und in Norwegen. Gehrmann ist Autorin des Buches "Alles ganz Isi - Isländische Lebenskunst für Anfänger und Fortgeschrittene"
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insgesamt 15 Beiträge
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DerMeikel 03.07.2016
1. Einfach nur sympathisch
es macht Spaß zuzusehen. Völlig unverkrampft mit viel Energie. Als Sie nach dem gewonnen Spiel auf Ihre Fans zugegangen sind das war richtig ehrlich und keine Pflichtübung. Neben allen schlimmen Bildern aus Frankreich zu Beginn tut es so richtig gut die Isländer so positiv gestimmt zu erleben. Fußball kann mehr als überteuerte Spieler, Korruption und Hooligans hervorbringen. Island erlebt sein Sommermärchen und das gönne ich den Menschen dort von ganzem Herzen. Weiter so.
ffmfrankfurt 03.07.2016
2. @DerMeikel
Streichen Sie bitte überteuert durch überbezahlt und überbewertet. Man darf nicht vergessen dass es hier um erwachsene Männer gibt, die einem Lederball hinterher rennen. Mehr können die meisten ja leider nicht – das zeigt sich dann in den Interviews. Zu Island: ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen dass sie die EM gewinnen und als Sieger hervor gehen. Ein tolles Team, ein tolles Land.
ffmfrankfurt 03.07.2016
3. @DerMeikel
Streichen Sie bitte überteuert durch überbezahlt und überbewertet. Man darf nicht vergessen dass es hier um erwachsene Männer gibt, die einem Lederball hinterher rennen. Mehr können die meisten ja leider nicht – das zeigt sich dann in den Interviews. Zu Island: ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen dass sie die EM gewinnen und als Sieger hervor gehen. Ein tolles Team, ein tolles Land.
neanderspezi 03.07.2016
4. Einsamkeit wie auf Island schweißt eine Gesellschaft eben tragfähiger zusammen als unüberschaubare Massenzusammenkünfte in Ballungszentren
Wenn auf einen Quadratkilometer drei Menschen kommen, kann das Verarbeiten von Einsamkeit und Pflege gegenseitigen Respekts sich zu einem Kulturmerkmal entwickeln und Potential freisetzen, das in Ländern mit wesentlich höherer Bevölkerungsdichte eine Ausprägung dieser Art nicht aufkommen lässt. Es bringt solchen Ländern auch keinen Gewinn, den unverstellten Fernblick mittels selektiver Wahrnehmungstechnik adaptieren zu wollen, denn dem steht eine sich ständig ins Bild schiebende höhere reale Dichte an Egos und Barrikaden im Weg. Daher dürfte das pro Kopf Vermögen der Insulaner zur Ausbildung von Talenten im Vergleich zu Megaansammlungen auf beschränktem Raum wesentlich günstigere Resultate zeigen, was bei dieser dem Fußball gewidmeten Europameisterschaft zur allgemeinen Verwunderung geradezu auffällig in Erscheinung tritt.
DerMeikel 03.07.2016
5.
Zitat von ffmfrankfurtStreichen Sie bitte überteuert durch überbezahlt und überbewertet. Man darf nicht vergessen dass es hier um erwachsene Männer gibt, die einem Lederball hinterher rennen. Mehr können die meisten ja leider nicht – das zeigt sich dann in den Interviews. Zu Island: ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen dass sie die EM gewinnen und als Sieger hervor gehen. Ein tolles Team, ein tolles Land.
akzeptiert - ich war da zu freundlich
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