Recycling-Rad aus Israel: Die Pappmaschine

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Dieser Drahtesel macht seinem Namen keine Ehre. Warum? Weil er komplett ohne Metall funktioniert. Ein israelischer Erfinder konstruierte in jahrelanger Tüftelei ein Fahrrad fast nur aus Pappe. Nun soll das neun Kilo leichte Teil in Produktion gehen.

Recycling: Israeli erfindet Papprad Fotos
REUTERS

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Mit neun Kilogramm wiegt das Fahrrad zwar kaum mehr als ein Kasten Bier, doch seine Erfindung war alles andere als leicht. Wie kriegt man einen Rahmen aus Pappe stabil? Wie strapazierfähig sind Speichen aus Altpapier? Guckt man sich auf den Straßen dieser Welt um, kommt man zu dem Schluss, ein Fahrrad müsse aus Karbon, Alu oder Stahl bestehen.

Izhar Gafni war anderer Meinung. Er schloss sich in seiner Werkstatt ein, um an einem Rad zu tüfteln, das fast nur aus Karton besteht. Der 50-jährige Israeli hatte schon jahrelang mit der Idee eines Rahmens aus recycelten Materialien gespielt. Er zeichnete Skizzen, bastelte, verzweifelte, warf Skizzen über den Haufen, machte neue, bastelte - und hatte schließlich Erfolg.

Der bisher präsentierte Prototyp seines Papprads besteht zwar noch in Teilen aus Metall - aber das ist nur Fassade. Gafni lässt sich seine Erfindung derzeit patentieren und will aus Angst vor Ideenräubern nicht allzu viele Details in der Öffentlichkeit preisgeben. "Wenn wir erst in der Produktionsphase sind, wird das Rad keine Metallteile mehr haben", sagt Gafni. Nicht nur die Speichen, der Rahmen und die Gabel sollen dann aus Karton sein, sondern auch der Bremsmechanismus, die Laufräder und die Pedalhalterung.

Zuerst entwarf er den Rahmen. "Ich probierte viel herum, faltete die Pappe in verschiedenen Richtungen und brauche eineinhalb Jahre, bis ich den richtigen Kniff raus hatte." Als erst die Form für sein Recycling-Rad und die Schnitttechnik erprobt waren, hatte Gafni jedoch ein neues Problem: Was, wenn der Radler mit seiner Erfindung patschnasses Opfer eines Wolkenbruchs wird? Ein Regencape für das Rad konnte nicht die Lösung sein, also grübelte Gafni über einer Idee, wie seine Erfindung wasserfest werden könnte.

Er braute sich einen Lack aus biologischen Materialien - das Rezept hält er streng geheim -, strich die Farbe über die Pappe und war mit seinem Ergebnis zufrieden: Nicht nur das Nässeproblem war beseitigt, auch Flammen hielt das Papprad nun besser stand. Dass die Pappe nun zudem fest genug war, um einen Mann seiner Statur zu tragen, erstaunte sogar den Erfinder. "Ich bin überrascht, wie stark das Material ist."

Um die Strapazierfähigkeit der beschichteten Pappe zu testen, versenkte Gafni aufgeschnittene Stücke für Monate in einem Wassertank. Das Ergebnis: Das Material überstand den Tauchgang gut, nur wenig löste sich auf. An den Schwachstellen musste er dennoch weitere vier Jahre arbeiten.

"Es ist aufregend, Nützliches zu gestalten", sagt Gafni, der selber einige Räder besitzt, die jeweils mehrere tausend Dollar kosten. Der Fahrradenthusiast liebt es, in seinem staubigen Schuppen zu werkeln. Einmal ging er in einen Laden, um ein paar Ersatzteile zu kaufen. Jemand erzählte ihm von einem Bastler, der ein Kanu aus Pappe erfunden hatte. "Fortan musste ich immerzu an ein Rad aus Pappe denken", sagt Gafni. Seine Frau fragte ihn, warum er so nachdenklich dreinschaue, er erzählte ihr von seinem Plan, doch zunächst träumte er weiter. "Du machst noch die ganze Familie verrückt, wenn du nicht endlich dieses Rad baust", sagte seine Frau schließlich. Also machte er sich an die Arbeit.

"Izhar, du bist eine Inspiration für mich"

In Internetblogs wird seine Erfindung nun von Radlern aus der ganzen Welt diskutiert. "Was für eine schöne, grüne Innovation", schreibt ein Geschäftsmann aus New York. Eine Frau namens Veronica schreibt: "Izhar, du bist eine Inspiration für mich. Wenn nur die Politiker einen Funken von deiner Kreativität hätten, würden wir es weit bringen."

In der Tat hat Gafnis Erfindung eine gesellschaftspolitische Komponente. Der Israeli wünscht sich eine weltweite, aber nachhaltige Produktion. "Die Räder sollen in kleinen Betrieben gefertigt werden, am besten von Menschen mit Behinderungen", sagte Gafni dem Online-Magazin Green Prophet. Er sei nicht interessiert daran, dass später ein "Made in China"-Aufkleber unter dem Pappsattel klebe, der den beliebten britischen Brooks-Satteln nachempfunden ist. Zwar streift Gafni keine Lederhaut über die Sitze, aber der braune Speziallack lässt eine gewisse Ähnlichkeit entstehen.

Ein Luxusprodukt ist Gafnis Erfindung allerdings nicht. Die Materialkosten belaufen sich auf neun Dollar, im Verkauf soll das Rad nur rund 20 Dollar kosten - so könnten es sich auch Menschen in ärmeren Ländern leisten.

Im Green Prophet-Blog schreibt ein Mann aus dem US-Staat Neu-Mexiko, er wolle einer der ersten Amerikaner sein, der so ein Papprad besitzt. Vielleicht hat er ja Glück. In wenigen Monaten will Gafni in die Massenproduktion gehen. "Wir hoffen, das Rad in Israel, Europa und in den USA verkaufen zu können. Ich will es überall sehen, wo ich hinreise."

Mit Material von Reuters

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insgesamt 49 Beiträge
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1. Cool !
jazzworks 18.10.2012
Nicht schön aber cool. Geniale Idee.
2. netter Versuch
holzhörnchen 18.10.2012
nur ob ich wirklich mein Leben Bremselementen aus Pappe anvertrauen möchte...
3.
michi0610@t-online.de 18.10.2012
Zitat von sysopDieser Drahtesel macht seinem Namen keine Ehre. Warum? Weil er komplett ohne Metall funktioniert. Ein israelischer Erfinder konstruierte in jahrelanger Tüftelei ein Fahrrad fast nur aus Pappe. Nun soll das neun Kilo leichte Teil in Produktion gehen. Israelischer Erfinder baut Fahrrad aus Pappe - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/aktuell/israelischer-erfinder-baut-fahrrad-aus-pappe-a-861753.html)
Die Idee mag ja ganz nett sein, aber wenn ich mir im Video anschaue wie er sich abmüht, wärend die Kinder neben ihm total leicht mitradeln... Na ja, ich kann mir nicht vorstellen, dass das was wird. Und was soll der Quatsch, dass ein Durchschnittliches Fahrrad (nur) eine Lebensdauer von 5 Jahren hätte? P.S. Fährt das Rad auch bei Regen? ;)
4.
blurps11 18.10.2012
Nette Idee, aber wie praxistauglich ist das Ding denn tatsächlich ?
5. Einfach genial!
target-kenner 18.10.2012
Eine wirklich super Sache! Die Optik sieht meiner Meinung nach ebenfalls toll aus! Aus stabiler belastbarer Pappe... dem Erfinder ist etwas ganz außergewöhnliches gelungen.
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