Türkei-Reisen nach dem Anschlag "Der Terrorismus wendet sich direkt gegen Touristen"

Die Türkei ist bei Deutschen seit Jahren ein Boom-Urlaubsziel. Nach dem Anschlag auf eine deutsche Reisegruppe in Istanbul könnte sich das ändern: Experten sehen in dem Terror "eine neue Dimension".

Einsamer Händler vor der Neuen Moschee: Bleiben jetzt die Touristen weg?
REUTERS

Einsamer Händler vor der Neuen Moschee: Bleiben jetzt die Touristen weg?


In Istanbul packen Urlauber ihre Koffer, Reiseveranstalter bieten kostenloses Umbuchen an. Nach dem Terroranschlag am Dienstag, bei dem zehn Menschen ums Leben kamen, fühlen sich viele Besucher in der türkischen Metropole nicht mehr sicher. Welche Folgen wird das für den Tourismus haben? Werden Städtereisende das bisherige Trendreiseziel Istanbul künftig meiden?

Tourismusexperten erwarten einen Rückgang der Buchungen. Meist sei die Wirkung solcher Anschläge regional und zeitlich begrenzt, sagt Martin Lohmann vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Kiel. Allerdings könnte es diesmal anders kommen: "Der Terrorismus wendet sich direkt und ohne Umschweife gegen Touristen. Das ist eine neue Dimension."

Der Selbstmordattentäter hatte sich im Touristenviertel Sultanahmed inmitten einer deutschen Reisegruppe in die Luft gesprengt. Es war der zweite Anschlag auf Urlauber binnen Tagen: Am Wochenende hatten zwei junge Männer ein Hotel im ägyptischen Badeort Hurghada am Roten Meer angegriffen und drei Touristen verletzt.

Fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling kommt der südliche und östliche Mittelmeerraum nicht zur Ruhe. In der Reisebranche ist von "Unsicherheiten" die Rede. Im Fachmagazin FVW hieß es im Dezember, der Ausblick falle deutlich vorsichtiger aus als im Vorjahr. Ziele im östlichen Mittelmeer liefen deutlich schleppender an als etwa Spanien und Portugal.

Auch in der Türkei hat der Tourismus in jüngster Zeit gelitten - vor allem unter dem Ausbleiben der russischen Urlauber, die seit den Sanktionen nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch das türkische Militär nicht mehr kommen. Die Russen waren die wichtigste Urlaubernation für die Türkei. Nun sind es wieder die Deutschen.

"Mit der Unsicherheit leben"

Seit 2012 strömten jedes Jahr mehr Bundesbürger in das Land. 2015 waren es nach türkischen Behördenangaben 5,5 Millionen Gäste aus Deutschland - nach Angaben des Deutschen Reise-Verbands (DRV) ein Umsatzplus von vier Prozent für Reisen in die Türkei. Das Land war nach Spanien und Italien zuletzt das beliebteste Auslandsreiseziel der Deutschen. Ob das allerdings nach dem tragischen Jahresauftakt so bleiben wird, ist unklar. Derzeit laufen die Buchungen für den Sommer.

"Eigentlich ist jetzt die Zeit, in der Familien ihren Sommerurlaub in der Türkei buchen. Nun werden wohl viele erst einmal abwarten", sagte TUI-Chef Fritz Joussen. Es gleiche einem Blick in eine Glaskugel, voraussagen zu wollen, was mit dem Reiseziel Türkei in diesem Sommer passieren werde. "Wir müssen mit der Unsicherheit leben und Alternativen anbieten."

Das Auswärtige Amt sprach am Dienstag keine Reisewarnung aus, verschärfte aber seinen Reisehinweis. Reisenden in Istanbul und anderen Großstädten der Türkei werde dringend geraten, Menschenansammlungen auf öffentlichen Plätzen und vor touristischen Attraktionen zu meiden.

Fotostrecke

13  Bilder
Terror in Istanbul: Anschlag mitten im Touristenviertel
Nach Untersuchungen im Auftrag des Welttourismusverbands WTTC hängen in der Türkei zwar rund zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts und mehr als zwei Millionen Jobs direkt oder indirekt am Tourismus. Aber die relative Bedeutung der Sparte ist geringer als anderswo: In immerhin 66 Ländern dieser Erde ist der Tourismusanteil an der Volkswirtschaft höher. 2014 brachte das Geschäft mit den Urlaubern Einnahmen von rund 34,3 Milliarden US-Dollar.

Mehr als 95 Prozent des Tourismus spiele sich an den Mittelmeerstränden im Westen der Türkei ab, sagt ein Sprecher des größten deutschen Reiseveranstalters TUI. Istanbul sei in der Vergangenheit schon häufiger Zielscheibe von Anschlägen gewesen. Trotzdem habe sich die Türkei sehr gut entwickelt. Ob das in diesem Fall genau so sein wird, sei allerdings "schwer zu sagen".

Ägypten regeneriert sich, Marokko boomt

Den Hoteliers, Wirten und Shopbetreibern an der türkischen Riviera dürfte der Anschlag große Sorgen bereiten. Wie schnell sich Urlauber von einem Reiseland abwenden können, zeigt das Beispiel Tunesien: Das Land zählt mit mehr als 400.000 Urlaubern aus Deutschland in den vergangenen Jahren zu den beliebtesten Reisezielen in Nordafrika und erholte sich nach einem Einbruch im Jahr des Arabischen Frühlings schnell wieder.

Nach den Attacken im Bardo-Museum in Tunis und auf wehrlose Urlauber am Strand von Sousse im vergangenen Jahr blieben die für Tunesien so wichtigen Touristen allerdings erneut weg. Einen Rückgang im zweistelligen Prozentbereich sieht der Deutsche Reise-Verband (DRV) für 2015 - dabei hatte Deutschland keine Reisewarnung für das Land ausgesprochen. Und das Land hätte nach Einschätzung des TUI-Sprechers durchaus Chancen: "Die Hotels sind besser geworden, das Angebot ist besser geworden."

Auch Ägypten hatte sich von den Einbrüchen nach dem Arabischen Frühling in der Vergangenheit wieder erholt. Die aus Deutschland gebuchten Reisen legten im vergangenen Jahr trotz des Flugzeugabsturzes auf der Sinai-Halbinsel zweistellig zu. Ob das Attentat in Hurghada Wirkung zeigen wird bleibt abzuwarten, sagt ein TUI-Sprecher. Zeigt sich ein Effekt, könnte dieser verheerende Wirkung haben. Mehr als 90 Prozent der deutschen Urlauber reisen nach Angaben eines Sprechers des DRV an die Strände der Festlandregion am Roten Meer um Hurghada und Marsa Alam.

Das relativ stabile Marokko profitierte dagegen von der Unsicherheit anderer Länder in der Maghreb-Region. Die Zahl der deutschen Urlauber hat sich von 2012 bis 2014 mehr als verdoppelt. Im vergangenen Jahr notierte der DRV noch einmal zehn Prozent Plus. Trotzdem steht es nicht gut um die nordafrikanische Destination. Zahlen des marokkanischen Tourismusministeriums zeigen, wie stark sich die Franzosen abwenden - mit rund 40 Prozent die größte Touristengruppe. Sie buchten im ersten Halbjahr 2015 um 15 Prozent weniger Reisen als im Vorjahr.

Auf Urlaub ganz verzichten werden die Deutschen nicht - das zeigen die stetig wachsenden Ausgaben für Reisen in den vergangenen Jahren. "Terror, Naturkatastrophen oder Kriege hindern die Menschen nicht grundsätzlich am Reisen", sagt Tourismusforscher Lohmann. Allerdings ist man sich in der Branche jetzt schon sicher, dass sich die Reiseströme am Mittelmeer in diesem Jahr weiter nach Westen verlagern werden. Spanien dürfte von der Unsicherheit in den arabischen Ländern profitieren - und auch das liebste Reiseland der Deutschen: Deutschland selbst.

Video zur Explosion in Istanbul: "Angriff auf das Herz der Türkei"

SPIEGEL ONLINE

Annika Grah/dpa/jus

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
m.gu 13.01.2016
1. Der Anschlag war zu erwarten gewesen
Die Türkei hat heute immer noch einen 98 km langen Grenzabschnitt zwischen der Türkei und Syrien nicht in ihrem Besitz. Der IS kontrolliert diesen Grenzabschnitt. Weiterhin können Kämpfer für den IS ungehindert von der Türkei nach Syrien über diesen Grenzabschnitt einsickern. Der Öl Handel zwischen der Türkei und dem IS kann weitergehen, siehe Quelle: "Washington bestätigt-Türkei kauft IS Öl." Es liegt auf der Hand, siehe Quelle: "Türkei und IS-Terroristen machen gemeinsame Sache." Durch den kleinen Dämpfer, Anschlag in Istanbul, werden natürlich weniger deutsche Urlauber in die Türkei einreisen. Für Jedermann unverständlich, dass eine schwerbewaffnete türkische Armee mit 700 000 Soldaten nicht in der Lage ist, die geschätzten IS - Barbaren von ca 50 000 Mann von der Grenze zu verjagen. Wann endlich beginnt die Türkei den wahren Kampf gegen die IS - Mörderbanden?
wille17 13.01.2016
2. Türkei uninteressant
Man sollte wieder in Richtung Griechenland, der Wiege der Demokratie, abwandern. Türkei war politisch ohnehin nicht mehr tragbar (Verfolgung, Folter, etc.)
a.c.a.thaler 13.01.2016
3. naheliegendes Ziel
Wenn man ein Touristenland kurzfristig schädigen will, ist es naheliegend, diese Einkommensquelle zu terrorisieren. Wer diesen terroristischen Akt begangen hat, scheint mir noch nicht eindeutig geklärt, denn auch innertürkisch gibt es den Wunsch, der Türkei zu schaden.
Leto13 13.01.2016
4. hm
Nach Griechenland gehen bislang jaehrlich ca 3-4 Mio deutsche Touristen pro Jahr. Nach der Kampagne deutscher Medien zu Beginn der Krise hat man nur 2012 einen grossen Einbruch verzeichnet, die Zahlen steigen seitdem, auch dank der Unsicherheit in Nordafrika. Nun wird die Tuerkei wieder zum Ziel von Bombenanschlaegen gegen Touristen und die Russen gehen auch nicht mehr dorthin. Griechenlands Tourismusbranche wird davon profitieren.
Worldwatch 13.01.2016
5. Türkei - seit Jahren ein Boom-Urlaubsziel
"Nach dem Anschlag auf eine deutsche Reisegruppe in Istanbul könnte sich das ändern" Eines der Ziele der weltanschaulich verkleideten Mörderbanden ist die "Krankheiten der Verwestlichung" aus islamisch geprägten Ländern hinaus-zu-terrorisieren. Mit "Erfolg", wie man -jeweils und dort- an den zurückgehenden Touristenzahlen, wie auch zunehmenden Extremismen sieht. Gespannt schaut man auf die politisch-administrielle Türkei, und vor allem die Reaktion der türkischen Bevölkerung, sowie den Willen der türkischen Bürger, sich ihre -rudimentierenden- Freiheiten erhalten zu wollen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.