Istanbul Türkei eröffnet ersten Straßentunnel zwischen Europa und Asien

Die türkische Regierung hat ein Weiteres ihrer umstrittenen Mammutprojekte eröffnet. Der Eurasien-Tunnel in Istanbul verbindet als erster Straßentunnel die beiden Kontinente.

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In Istanbul ist der erste Straßentunnel zwischen Asien und Europa eröffnet worden. "Der Eurasien-Tunnel war einer unserer größten Träume", sagte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim bei der Eröffnungszeremonie, an der auch Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan teilnahm. Yildirim verkündete zugleich, der neue Mega-Flughafen Istanbuls, der "der größte der Welt" werden solle, werde am 26. Februar 2018 in Betrieb gehen.

Der Avrasya-Tunnel (Eurasien-Tunnel), den nur Autos und Kleinbusse befahren dürfen, soll der staugeplagten Millionenmetropole Erleichterung verschaffen. Istanbul ist die einzige Stadt weltweit, die auf zwei Kontinenten liegt. Die beiden Stadthälften sind nun durch fünf Verkehrswege miteinander verbunden: Im vergangenen August wurde die dritte Brücke über den Bosporus eröffnet. Seit Oktober 2013 verkehrt eine U-Bahn unter der Meerenge.

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Eurasien-Tunnel: Mit dem Auto unter den Bosporus

Die Regierung der Türkei nennt den Eurasien-Tunnel ein "Jahrhundertprojekt". Künftig sollen bis zu 130.000 Fahrzeuge pro Tag den zweistöckigen Tunnel passieren. Die Fahrtzeit zwischen den beiden Punkten, die die Röhren verbinden, soll von 100 auf 15 Minuten verkürzt werden. Ein 5,4 Kilometer langer Abschnitt des 14,6 Kilometer langen Straßentunnels verläuft unter dem Bosporus - teilweise in einer Tiefe von mehr als 100 Metern.

Nach offiziellen türkischen Angaben handelt es sich um den tiefsten und breitesten Tunnel weltweit. Er soll zugleich erdbeben- und tsunamisicher sein und bei Bedarf als Schutzbunker genutzt werden können. Der Tunnel wurde in weniger als drei Jahren fertiggestellt: Der Grundstein wurde am 19. April 2014 gelegt. Verkehrsminister Arslan sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Regierung erwäge nun einen dritten Bosporus-Tunnels mit drei Etagen für eine Bahn- und Straßenverbindung.

Der Eurasien-Tunnel wurde von einem Konsortium aus der türkischen Baufirma Yapi Merkezi und der südkoreanischen SK Group für umgerechnet 1,19 Milliarden Euro gebaut. Eine Bohrmaschine grub die Röhren mit einer Geschwindigkeit von acht bis zehn Metern pro Tag durch den Untergrund. Laut den Ingenieuren könnte man mit dem verbauten Zement 18 Stadien füllen und mit dem verwendeten Stahl zehn Eiffeltürme errichten.

Erdogans umstrittene Jahrhundertprojekte

Die Tunnel gehören zu einer Reihe von Megaprojekten, mit denen Erdogan seit seinem Amtsantritt als Regierungschef 2003 danach strebt, die Infrastruktur des Landes zu erneuern und eine "neue Türkei" zu erschaffen. Während die ehrgeizigen Vorhaben bei vielen Türken Grund für Stolz sind, stoßen sie wegen ihrer hohen Kosten und ihrer Auswirkungen auf die Umwelt auch auf Kritik. Hier eine Übersicht der weiteren Projekte, von denen mehrere noch im Bau sind:

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Neuer Istanbuler Flughafen: Eine Tulpe als Kontrollturm
  • Marmaray-Tunnel: Der Bahntunnel unter dem Bosporus, der im Oktober 2013 eröffnet wurde, war von großer symbolischer Bedeutung, da er die erste unterirdische Verbindung zwischen Europa und Asien darstellte. Der Schnellzug, der seit der Eröffnung laut den Behörden bereits 172 Millionen Passagiere befördert hat, ist mit dem Istanbuler Metrosystem verbunden.
  • Osman-Gazi-Brücke: Die im Juni 2016 eröffnete Brücke führt über den Golf von Izmit am nordöstlichen Ende des Marmara-Meeres. Mit 2,6 Kilometer Länge ist sie die viertlängste Hängebrücke der Welt. Die Brücke, über die die Autobahn von Istanbul nach Izmir verläuft, wurde nach dem Gründer und ersten Herrscher des Osmanischen Reichs benannt.
  • Sultan-Selim-Der-Gestrenge-Brücke: Mit einer Breite von 58,5 Metern ist die im August 2016 eingeweihte dritte Bosporus-Brücke im Norden von Istanbul die breiteste Hängebrücke der Welt. Die anderen beiden Brücken wurden 1973 und 1988 eröffnet. Die Brücke ist nach einem Sultan im 16. Jahrhundert benannt, der große Gebiete im Nahen Osten für das Osmanische Reich eroberte.
  • Dritter Istanbuler Flughafen: Der neue dritte Flughafen am Rande des Schwarzen Meeres im Norden von Istanbul soll am Ende Februar 2018 in Betrieb gehen. Er soll Istanbul zu einem weltweiten Luftdrehkreuz wie Dubai machen. Umweltschützer werfen den Behörden jedoch vor, mit dem Großprojekt eine der letzten verbleibenden Grünflächen außerhalb der Metropole zu ruinieren.
  • Dardanellen-Brücke: Die Brücke über die Meerenge der Dardanellen würde die großen Hängebrücken über den Bosporus noch deutlich in den Schatten stellen. Der Bau soll laut Erdogan am 18. März beginnen und 2023 fertig sein. Die Region an der Gallipoli-Halbinsel ist von großer historischer Bedeutung, da die Türken im Ersten Weltkrieg dort eine Invasion der Alliierten zurückschlugen.
  • Istanbul-Kanal: Das wohl ehrgeizigste Vorhaben ist der Bau eines riesigen Kanals, der das Marmara-Meer mit dem Schwarzen Meer verbinden soll. Er soll den Bosporus entlasten, der eine der verkehrsreichsten Schifffahrtsstraßen der Welt ist. Kritiker halten das Projekt für unrealisierbar, doch Erdogan will 2017 mit der Ausschreibung für das Vorhaben beginnen.

abl/dpa/AFP



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