Rekordversuch in Kuba 55 Stunden Radfahren. Ohne Pause

Jacob Zurl will Kuba durchqueren - 1450 Kilometer mit dem Fahrrad, ohne Schlaf, rund 30.000 Kalorien wird er verbrennen. Dabei geht es dem Extremsportler nicht einmal nur um einen neuen Rekord.

DPA

Ein Interview von


Mehr als 150.000 Kilometer hat Jacob Zurl in seinem Leben schon auf seinem Rennrad zurückgelegt. Wie sein Hintern das verträgt? Recht gut, sagt er. Der habe sich inzwischen an den harten Fahrradsattel gewöhnt. Der Österreicher aus Graz ist Langstreckenradfahrer und liebt das Extreme.

2012 landete er im Guinnessbuch der Rekorde, indem er im Grazer Bergland binnen 48 Stunden 28.789 Höhenmeter mit dem Rad überwand. Zwei Jahre später fuhr er als erster Mensch mit dem Fahrrad nonstop über den Manali-Leh-Highway im Himalaya - eine der abenteuerlichsten und höchstgelegenen Straßen der Welt.

Nun soll ein weiterer Rekord dazukommen. Der 28-jährige Student, der inzwischen seinen Lebensunterhalt durch den Extremsport finanziert, will Kuba durchqueren. Der Plan: 1450 Kilometer über unbefestigte Straßen von Osten nach Westen, in 55 Stunden, ohne Schlaf.

Vor gut einem Jahr wollte Zurl die Strecke schon einmal fahren - doch kurz vor dem 19. April will er es noch einmal versuchen.

Zur Person
  • Jaime Santos Menendez
    Jacob Zurl, 28, ist ein Profisportler aus Österreich. In Graz studiert er Vermessungswesen und Geoinformation. Er hat 2012 einen Weltrekord aufgestellt, als er in 48 Stunden 28.789 Höhenmeter überwand. 2014 überquerte er als erster Mensch mit dem Fahrrad nonstop den Manali-Leh-Highway im Himalaya.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich darauf vorbereitet, mehr als 50 Stunden am Stück Fahrrad zu fahren?

Jacob Zurl: Es ist eigentlich gar kein großer Unterschied zum Hobby-Radfahren. Ich trainiere etwa 20 Stunden pro Woche. Egal, wo ich hinfahre, ich bin immer mit dem Fahrrad unterwegs. Oft sind das auch längere Touren mit rund 250 Kilometern, zum Beispiel von meinem Wohnort Graz über die ungarische Grenze. Dort esse ich dann zu Mittag und fahre wieder zurück. Um mich auf die Hitze in Kuba vorzubereiten, war ich im Winter häufig in der Sauna. Ich werde auch schon einige Tage vor dem Start nach Havanna reisen, um mich zu akklimatisieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie halten Sie eine so lange Strecke am Stück durch?

Zurl: Die Kunst liegt darin, die Pausenzeiten zu verringern. Wenn ich mal pinkeln muss, bleibe ich natürlich stehen. Aber echte Schlafpausen brauche ich nicht. Ich mache höchstens einen kurzen Powernap zur Erholung des Geistes. Auch zum Essen bleibe ich in der Regel nicht stehen. Mein Team wird mich mit dem Auto begleiten und darauf achten, dass ich etwa 450 Kalorien pro Stunde zu mir nehme. Der Verbrauch liegt mit knapp 30.000 Kalorien für die gesamte Fahrt zwar etwas darüber, aber zu viel essen ist auch anstrengend.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie während der Fahrt überhaupt richtige Mahlzeiten zu sich nehmen?

Zurl: Meine Nahrung besteht aus hochkalorischen Riegeln, lokalen warmen Speisen, jeder Menge Bananen und kalorienreichen Getränken - Cuba Libre ist aber nicht dabei. Die warmen Speisen werden Reis- und Kartoffelgerichte sein, die ich mir von Kubanern vorher zubereiten lasse. Meiner Erfahrung nach ist es bei einem Projekt wie diesem, bei dem man viele Stunden ununterbrochen auf dem Rad sitzt, wichtig, neben der Hightech-Nahrung auch gewöhnliche Speisen mit Ballaststoffen zu sich zu nehmen. Dann funktioniert die Verdauung gut und der Magen gibt nicht schon nach wenigen Stunden auf.

SPIEGEL ONLINE: Welches Fahrrad kommt ins Gepäck?

Zurl: Ich werde ein sogenanntes Cyclocross-Rad mitnehmen. Das ist eine Mischung aus Rennrad und Mountainbike mit etwas breiteren Reifen. Dazu habe ich auch noch zwei Wechsel-Bereifungen. Einmal dünnere Räder für die ebenen Streckenabschnitte und dann noch Mountainbike-ähnliche Reifen für holprige Straßen, die ich innerhalb von wenigen Minuten tauschen kann.

SPIEGEL ONLINE: Vor einem Jahr mussten Sie das Projekt kurz vor dem Start wegen Dengue-Fieber abrechen. Haben Sie Angst, noch einmal daran zu erkranken?

Zurl: Ja, manchmal habe ich sogar Albträume. Auch wenn das nicht sehr wahrscheinlich ist - wenn man sich ein zweites Mal infiziert, verläuft die Krankheit in der Regel noch gefährlicher, sie kann tödlich sein. Es hat Monate gedauert, bis ich wieder fit war. Ich habe stark abgenommen, durfte mehr als acht Wochen gar keinen Sport machen und war oft kränklich. Das hat sich länger hingezogen, als ich dachte. Doch bereits als ich Kuba verlassen musste, war für mich klar, dass ich wiederkommen würde. Ich habe noch nie etwas aufgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Ist es der Ehrgeiz, der Sie motiviert, solche extremen Projekte durchzuhalten?

Zurl: Auch. Ich investiere sehr viel Zeit, nicht nur in das Training, sondern auch in die Planung und Organisation von solchen Abenteuerprojekten. Es ist mir wichtig, die dann auch umzusetzen, vor allem weil meine Familie mich sehr unterstützt. Das Radfahren ist inzwischen zu meinem Lebenstil geworden. Momentan möchte ich nicht in einem 40-Stunden-Büro-Job gefesselt sein. Wenn ich später einmal Familie habe, muss natürlich ein geregelter Beruf her. Ich weiß aber noch nicht, wohin es mich verschlägt. Zurzeit sieht mein Tag immer anders aus. Für mich zählen vor allem die Eindrücke, die Emotionen, das Erlebnis und das Abenteuer an sich. Wenn ich in anderen Ländern bin, habe ich eine ganz andere Verbindung zu den Menschen als ein klassischer Tourist: Ich bin einer von ihnen.

Erste Luftaufnahmen

SPIEGEL ONLINE: Und warum ausgerechnet Kuba?

Zurl: Das Land fasziniert mich, seit meine Eltern einmal dort waren und davon erzählt haben. Ich möchte die Kultur und die Menschen kennenlernen, ihr Freund werden. Aber ich möchte natürlich auch eine sportliche Höchstleistung erbringen.

SPIEGEL ONLINE: Woran könnte die denn scheitern?

Zurl: Kuba birgt viele Herausforderungen: Vor allem die klimatischen Bedingungen werden mir zu schaffen machen. Die Luftfeuchtigkeit beträgt dort fast 100 Prozent. Außerdem sind die Straßen teilweise sehr schlecht ausgebaut, was das Fahren deutlich erschwert. Schon die Organisation der gesamten Reise ist eine Herausforderung - die Menschen dort ticken ganz anders, alles läuft langsamer. Aber genau deswegen habe ich mir auch Kuba ausgesucht.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Tipps haben Sie für Hobbyradfahrer, die nicht so weit reisen möchten?

Zurl: Auch wenn es ziemlich bekannt ist, ist Gran Canaria immer noch eines der besten Gebiete zum Radfahren in Europa. Das Klima ist hervorragend, gerade wenn es bei uns zu kalt ist, und die Landschaft ist wunderschön und abwechslungsreich. Vor allem sind die Straßen perfekt zum Radfahren. Auch das Balkangebiet ist sehr zu empfehlen, gerade weil es noch nicht so bekannt ist. Als ich in Bosnien, Serbien, Albanien und Kosovo unterwegs war, sind mir die Menschen mit so viel Freundlichkeit begegnet - das ist ein echter Geheimtipp.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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vulcan 14.04.2017
1.
Also ob er mit der Aktion, hi-tech Fahrrad und Begleitfahrzeug nun gerade 'einer von ihnen' (der Bevölkerung) ist, wage ich zu bezweifeln - eher ein Kuriosium. Aber sicher immer noch mehr als der Pauschaltourist im Resort. Das wohl schon. Ansonsten: Gute Aktion - dann mal viel Erfolg.
didi2212 14.04.2017
2. Na, dann mal viel Erfolg!
Eine Durchschnittsgeschwindigkeit von gut 26 km/h bei den klimatischen, und für ein Rennrad teilweise untauglichen Straßen einzuhalten, ist schon, da ja auch noch Toilettengänge und das Wechseln der Räder einberechnet werden muß, mehr als eine Herausforderung. Würde gerne mit meinem E-Bike mitfahren. Aber wo soll ich ca. 20 aufgeladene Akkus unterbringen? ;-)
f36md2 14.04.2017
3. Umweltfreundlich? Eher nicht!
55 Stunden ohne Schlaf? Wer soll das denn glauben? Dazu fährt er durch Kuba mit einem Begleitfahrzeug (Auto). Nicht gerade umweltfreundlich. Was soll das denn? Brauchen die Sponsoren den besonderen "Kick", damit sie die Tour vermarkten können? Ostersonntag unternehme ich mit dem Rad eine Tagestour durch Westfalen - ohne Begleitfahrzeug, Ersatzreifen und Sponsorenunterstützung - danach schlafe ich mich aus!
Schnulli 14.04.2017
4. Wahnsinn: Kuba in 50 Stunden mit dem Wohnmobil.
Kann mich noch gut an meine Enttäuschung als kleiner Junge erinnern, als ich erfuhr, daß die Kanalschwimmer in Wirklichkeit gar nicht ohne fremde Hilfe durch den Kanal schwimmen, sondern tatsächlich oft mehrere Begleitboote benötigen, um ihren "Rekord" durchzuführen. "Dann können die doch direkt das Boot nehmen", habe ich mir damals gedacht. Genauso verhält es sich mit zeitgenössischen Lauf- und Fahrradrekorden. Teilweise sind ganze Flotten von motorisierten Fahrzeugen und vielköpfige Teams unterwegs, um ein Menschlein von A nach B zu bringen, das sich dann seiner großen Leistung rühmt. Schafft natürlich nicht jeder, aber man sollte doch nicht so tun, als wäre da jemand allein und vermittels eigener Kraft angekommen. Nach wie vor allerdings bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich mir den Wahnwitz vorstelle, der Menschen wie die Gruppe um Thor Heyerdahl geritten haben muss. Die haben sich ohne jede motorisierte Hilfe auf eine Wahnsinnstour begeben, nur auf die eigene Kraft vertrauend.
Ge-spiegelt 14.04.2017
5. Bei uns ist es nicht zu kalt.
Mit der passenden Kleidung ist Radfahren kein Problem. Nur bei Eis wird es gefährlich, vor Allem ohne Spikes. Diese Tour ist übermenschlich. Wie kann man so lange wach bleiben und hält das Sitzfleisch? Da wäre übrigens ein Sattel Tausch, gerne auf pumpbar, nicht schlecht um die Belastung zu verteilen.
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