Kälte-Dezember: "Die Bahn ist überfordert"

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Züge fallen aus, ICE und Intercitys fahren mit reduzierter Geschwindigkeit: Eis und Schnee setzen der Bahn und ihren Fahrgästen zu. Oppositionspolitiker und der Fahrgastverband Pro Bahn werfen dem Konzern schlechtes Krisenmanagement vor - Hauptschuldiger ist aus ihrer Sicht aber die Regierung.

Wintereinbruch: Eiszeit bei der Bahn Fotos
dapd

Hamburg - Schnee und Eis behindern weiter den Bahnverkehr in Deutschland. Auch am Montag gab es erhebliche Verspätungen, teilweise fielen sogar Züge aus. In ganz Deutschland wurde die Höchstgeschwindigkeit der ICE und Intercitys auf 200 km/h begrenzt, um Schäden an den Fahrzeugen zu vermeiden.

Noch am Sonntag hatte die Bahn Reisende wegen der chaotischen Wetterzustände gebeten, die Züge wegen Überfüllung zu den Stoßzeiten nicht zu nutzen und auf Randzeiten auszuweichen. Weil viele Reisende aufgrund der Flugausfälle zur Bahn wechselten, waren die Züge sehr voll, die Deutsche Bahn geriet in erhebliche Kapazitätsengpässe. Einige Züge waren so überfüllt, dass die Fahrgäste gebeten wurden, wieder auszusteigen und den nächsten Zug zu nehmen. Die Lufthansa hatte ihren Passagieren empfohlen, auf die Bahn umzusteigen.

"Die Tatsache, dass die Bahn kommuniziert, 'fahrt nicht mit uns' ist fatal", sagt Matthias Oomen, Sprecher des Fahrgastverbands Pro Bahn zu SPIEGEL ONLINE. Es sei jedoch schon positiv zu bemerken, dass die Bahn das überhaupt kommuniziere. "Die Bahn macht es, so gut sie kann", so der Sprecher. "Aber sie kann es nicht besser, weil die Politik nicht genug in die Schiene investiert. Bei extremen Wetterbedingungen treten eben Schwierigkeiten auf." Der hohe Renditedruck des Bundes aus der Vergangenheit räche sich nun.

"Es wird jedes Jahr einen Sommer und einen Winter geben"

Die Bahn müsse offener kommunizieren und besser über die Rechte aufklären. "Wenn Gäste nach ein Uhr das Ziel erreichen, besteht etwa Anspruch auf eine Taxifahrt im Wert von maximal 80 Euro", erklärt Oomen. "Die Bahn weist die Leute wohl nicht darauf hin, damit sie nicht zahlen muss." Sie versuche mit höherer Gewalt zu argumentieren. "Aber wenn der ICE langsam fahren muss, weil die Bäume mit Eis behangen sind, dann stellt sich die Frage, warum denn überhaupt die Bäume da im Weg sind. Höhere Gewalt kann nicht die Ausrede für Fehlkonstruktionen sein."

Auch Uwe Beckmeyer, verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, kritisiert das Krisenmanagement des Konzerns im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Die Kommunikation auf den Bahnhöfen und im Internet ist unzureichend" bemängelt er. Viele Menschen seien heute vernetzt und hätten die Möglichkeit sich zu informieren. "Da muss nachgearbeitet werden."

Es sei jedoch an allen Ecken und Enden gespart worden, was jetzt zum Tragen komme, so der Sozialdemokrat. "Es gibt nicht genügend Wartungspersonal, wir haben zu wenig rollendes Material", kritisiert er. Wenn die Bundesregierung dann noch der Bahn das Geld zur Haushaltssanierung aus der Tasche ziehe, dann sei sie ein schlechter Eigentümer. "Wir werden jedes Jahr einen Sommer und einen Winter haben. Die Bahn muss dafür gerüstet sein."

Auch Anton Hofreiter, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagfraktion, übt heftige Kritik am Konzern. "Die Bahn hat vollmundig erklärt, sie wäre gut vorbereitet. Es überrascht mich nicht, dass es nicht besser gelingt. Die Bahn hat einfach darauf spekuliert, dass es nicht zwei strenge Winter in Folge gibt. Der ICE 3 ist eine Fehlkonstruktion für die derzeitigen Witterungsverhältnisse."

"Das Verkehrministerium drängt darauf, dass die Kohle stimmt"

Außerdem kämen Durchsagen sehr spät, man stehe oft lange am Gleis, ohne informiert zu werden. Dabei wisse die Transportleitung in Frankfurt am Main auf die Minute genau, wo sich der Zug im Gleisnetz befinde. "Es gibt keinen Grund, warum man die Fahrgäste nicht früher informiert. Damit ist die Bahn wohl organisatorisch überfordert."

Die Bahn mache eine klassische betriebswirtschaftliche Rechnung und biete nur so viel Stabilität, dass sie nicht zu viele Fahrgäste verliert. "Aber sie hat eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung", so Hofreiter. "Und der wird sie nicht gerecht."

"Die Bahn sollte die Passagiere jetzt großzügig entschädigen und langfristig die betrieblichen und personellen Reserven erhöhen", fordert der Grünen-Politiker. Von ganz wenigen Ausnahmen, wie extremen Schneeverwehungen abgesehen, trage die Bahn die Schuld für Verspätungen. "Sie ist nicht auf das Wetter vorbereitet."

Hauptschuldiger sei jedoch das Verkehrsministerium, weil es der Eigentümer der Bahn ist. "Nach außen wird gesagt: Wir wollen eine zuverlässige Bahn. Aber dem Management gegenüber drängt das Verkehrministerium darauf, dass die Kohle stimmt."

"Verzögerungen fast überall unter 30 Minuten"

Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) hob derweil hervor, dass sich die Bahn beim derzeitigen Wetter "trotz vereinzelter Einschränkungen in ihrem Betrieb als das sicherste und zuverlässigste Verkehrsmittel erweist". Zwar seien die Züge teilweise zu spät und häufig überfüllt, "aber die Bahn fährt", erklärte die VCD-Bahnexpertin Heidi Tischmann. Am Montagvormittag etwa seien die Verzögerungen "fast überall unter 30 Minuten" geblieben. "Das ist deutlich besser als die Situation bei allen anderen Verkehrsträgern." Flugreisende warteten teilweise tagelang auf ihren Abflug, Staus und Unfälle bei Autos seien an der Tagesordnung.

Dass die Züge am Wochenende überfüllt gewesen waren, sei aufgrund gleich mehrerer Faktoren der Fall gewesen, erklärte der VCD. Generell reisten am Sonntag - insbesondere am letzten vor Weihnachten - besonders viele Bahnkunden. Zudem seien viele Autofahrer vorsorglich auf die Bahn umgestiegen. Und die Lufthansa habe ihre Passagiere ebenfalls zum Umsteigen auf die Bahn aufgerufen. "Es entspricht einer guten Informationspolitik, wenn die DB AG in diesem Fall auf Kapazitätsengpässe im Bahnverkehr hinweist", erklärte Tischmann.

Ein Bahnsprecher erklärte, es handele sich angesichts der starken Schneefälle um eine "Extremsituation", die Straßen, Flughäfen und die Schiene gleichermaßen treffe. Alle verfügbaren Mitarbeiter seien im Einsatz - an den Bahnhöfen oder zur Räumung von Strecken: "Alles, was wir haben, ist draußen."

"Intercitys sind nicht so schnell ausgebucht"

Wer in den nächsten Tagen plant, mit dem Zug zu verreisen, sollte Folgendes beachten:

  • Vor der Fahrt sollte man einen Sitzplatz reservieren. Der 23. Dezember ist der Hauptreisetag. Am besten sollte man schon am 22. oder erst am 24. Dezember verreisen.
  • Intercity-Züge sind in der Regel nicht so schnell ausgebucht wie ICE. Morgens und abends ist es meist einfacher einen Platz zu bekommen. Fahrgäste, die ihre Fahrt am Sonntag oder den nächsten Tagen bis Weihnachten nicht antreten wollten, könnten die Tickets kostenfrei zurückzugeben.
  • Wenn es zu Verspätungen kommt, sollten sich die Fahrgäste an einen Servicepoint, das Personal am Schalter oder schriftlich ans Servicecenter Fahrgastrechte in Frankfurt am Main wenden. Das entsprechende Formular kann man sich im Internet herunterladen, manchmal wird es auch im Zug verteilt. "Ob es eine Erstattung gibt, muss von Fall zu Fall entschieden werden", so ein Bahn-Sprecher. Bei höherer Gewalt gebe es in der Regel keine Entschädigung. Man solle es jedoch auf jeden Fall versuchen, denn die Bahn sei auch kulant.
  • Ab 60 Minuten Verspätung erhalten Passagiere eine Entschädigung von 25 Prozent des gezahlten Fahrpreises, ab 120 Minuten sind es 50 Prozent.
  • Weitere Informationen gibt es auf der Seite des Tarifverbands der Eisenbahnen oder auf der Seite der Deutschen Bahn.
  • Neu ist, dass Passagiere keine Bestätigung mehr vom Zugpersonal über die Verspätung brauchen, sagt ein Bahnsprecher. "Die Fahrkarte reicht. Noch ein Jahr nach der Verspätung können die Passagiere ihre Entschädigung einfordern." Damit sie einen Beweis haben, sollten sich Zugpassagiere ihre Verspätung dennoch vom Zugbegleiter oder am Servicepoint am Bahnhof schriftlich bestätigen lassen, empfiehlt die Verbraucherzentrale Brandenburg.

mit Material von dpa, AFP und dapd

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1. ..gutinformierte Kreise
schorschclowny 20.12.2010
.... berichten, dass die Bahn das Projekt Stuttgart21 bundesweit ausdehnen und in Deutschland21 umbenennen will. Aus der gleichen Quelle stammt die Information, dass die gegenwärtigen Zustände bei den Grünen bzw. bei den Castor-Blockierer liegt und bei der Bahn keinerlei Schuld zu erkennen ist. Wenn alle Bahnstrecken untertunnelt sind, soca 2110, dann gibt es auf jeden Fall kein Problem mehr mit Eis und Schnee!
2. man kann bei der Bahn auch ausweichen
weltbetrachter 20.12.2010
Letzte Woche bin ich von Dortmund nach Münster gefahren. Am IC-Bahnsteig kam der Hinweis: 70 Minuten Verspätung. Also gehe ich zum nächsten Bahnsteig - zur Regionalbahn. Die kam 10 Minuten später als geplant und am Ende war ich schon in Münster, bevor der IC in Dortmund ankam. Leute, es gibt auch eine Welt neben ICE und IC bei der Bahn. Und die funktioniert.
3. Wer hat denn Mehdron zum Chef gemacht?
gsm900 20.12.2010
Zitat von sysopZüge fallen aus, ICEs und Intercitys fahren mit reduzierter Geschwindigkeit: Eis und Schnee setzen der Bahn und ihren Fahrgästen zu. Oppositionspolitiker und der Fahrgastverband Pro Bahn werfen dem Konzern schlechtes Krisenmanagement vor - Hauptschuldiger ist aus ihrer Sicht aber die Regierung. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,735677,00.html
Roth-Grün und der Bastakanzler: http://de.wikipedia.org/wiki/Mehdorn http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Schr%C3%B6der Läuft wie bei Hartz IV: die Wendehälse waschen ihre hände in Unschuld.
4. ... alle reden vom Wetter - wir nicht ...
weltbetrachter 20.12.2010
Damals bei der Bahn waren die Züge noch nicht so hochtechnisch ausgerüstet - aber die konnten fahren. Heute, wo jeder Zug aus jeder Elektronik besteht, ist das kein Wunder wenn im Schnee nichts mehr geht. Oder hat jemand schon mal einen Ski gesehen, der innen einen Computer hat, um die Uhrzeit anzuzeigen? Das ist nämlich quatsch. Mehr Elektronik heißt nicht gleich besser.
5. Alle Jahre wieder
SocialPlanner 20.12.2010
Diese Nachrichten lesen sich irgendwie wie eine Wiederholung vom Letzten Jahr. Sogar die Bilder sind dieselben: http://www.welt.de/vermischtes/article5806413/Aufraeumen-nach-Daisy.html
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