Kanarische Fähre gestrandet "Schiffbruch der Menschlichkeit"

Jahrelang hatten sie ihre Auswanderung auf die Kanaren geplant - dann platzte ihr Lebenstraum binnen Minuten: Bei der Havarie einer Fähre vor der marokkanischen Küste hat eine Schweizer Familie fast ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Protokoll eines Leidenswegs.

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Ihr Hab und Gut liegt auf einem Wrack. Nur 500 Meter vor der marokkanischen Küste, doch unerreichbar für sie. Peter Toth, 47, aus Zürich, seine Frau Judith, 29, und ihre drei Kinder haben fast alles, was ihnen wichtig ist, verloren. Am Mittwochmorgen vergangener Woche waren die Auswanderer mit ihrem Wohnmobil auf die Fähre "Assalama" (zu Deutsch "Der Friede") gerollt, die sie in ihre neue Heimat auf den Kanaren bringen sollte. Fünf Monate hatte die Autofahrt nach Tarfaya in Südmarokko gedauert, einige Jahre die Planung der Auswanderung. Doch nur zwei Stunden nach der Ankunft auf der Fähre war der Traum der Schweizer Familie geplatzt.

Kanaren: Auswanderziel der Schweizer Familie Toth
GMS

Kanaren: Auswanderziel der Schweizer Familie Toth

Schon kurz nach der Abfahrt stieß das rund 100 Meter lange Schiff der kanarischen Reederei Naviera Armas gegen die Kaimauer, erzählt Toth SPIEGEL ONLINE. Die See sei stürmisch gewesen, das Hafenbecken klein. Der Kapitän traf eine fatale Entscheidung: Nach Absprache mit der Zentrale der Reederei in Las Palmas setzte er die Fahrt in Richtung Fuerteventura fort, berichtet die kanarische Zeitung "Canarias 7". Bei dem Crash hätten sich drei Passagiere verletzt.

Laut der spanischen Zeitung "El País" teilte die Reederei in einer Stellungnahme mit, dass die kubanische Crew den Schaden unterwegs reparieren wollte. SPIEGEL ONLINE sagte die Sprecherin der Reederei, Diana Baéz, dass der Kapitän zunächst von der Küste weggefahren sei, um zu verhindern, dass die Fähre auf Grund lief - dann aber doch Tarfayas Hafen angesteuert habe.

"Ich war ganz ruhig"

Zwei Stunden seien sie mit der Fähre übers Meer getaumelt, berichtet Toth. Dann habe das 41 Jahre alten Schiff an Geschwindigkeit verloren. Der Schaden sei größer gewesen, als es die Besatzung angenommen habe, berichtet "Canarias 7". In der Nähe des Maschinenraums entdeckten die Techniker demzufolge ein Leck. Dann ging alles ganz schnell: Binnen Minuten fuhr die "Assalama" auf Grund - fünf Kilometer von Tarfaya entfernt.

"Ich war ganz ruhig", sagt Toth, "doch um uns herum brach Panik aus. Der Kampf um die Schwimmwesten begann." Hoher Wellengang erschwerte demnach die Rettung der 113 Passagiere. Die "Assalama", ausgelegt für 350 Passagiere, habe nur zwei Rettungsboote gehabt: "Eins hatte ein Loch, der Motor setzte mehrmals aus."

Dutzende marokkanischer Fischer kamen Toths Bericht zufolge mit ihren Boote zu Hilfe: "Sie fuhren bis zu viermal hin und her." Eine Stunde habe die Bootsfahrt bei stürmischer See gedauert. Die Menschen, unter ihnen Marokkaner, Spanier, Tschechen, Senegalesen und Mauretanier, mussten demnach alles - Lkw, Autos, Kleidung, Geld, Dokumente - auf dem Schiff zurücklassen. Die Reederei hingegen teilte mit, dass es auf der Fähre auch aufblasbare Dinghy-Rettungsjollen gegeben habe, die vorhandenen Rettungsboote für die Evakuierung aber ausgereicht hätten.

Allein gelassen in Westsahara

Was auf die dramatische Rettung folgte, versetzt Familie Toth noch heute in Wut. Gegen die Reederei Navieras Armas, die die sieben Hauptinseln der Kanaren verbindet, erheben sie schwere Vorwürfe. Niemand habe sich um sie gekümmert, niemand habe verlässliche Auskunft gegeben - die fünf Schweizer weigerten sich deshalb wie auch 63 der anderen Schiffbrüchige, in den folgenden Tagen Sondermaschinen der kanarischen Fluglinie Bintas Canarias nach Fuerteventura zu besteigen. Sie verlangten eine schriftliche Bestätigung und eine Garantie auf ein Entschädigungsverfahren.

Ohne Geld und trockene Kleidung und mit mangelhafter Versorgung seien sie in El Aaiún im von der Uno kontrollierten Territorium Westsahara gestrandet, sagt Toth - also rund 70 Kilometer von Tarfaya entfernt. Auch andere Passagiere waren verzweifelt. "Bitte bitten Sie Spanien um Hilfe", flehte Olga Quevedo einen Reporter der kanarischen Zeitung "Canarias 7" am Tag nach dem Schiffbruch an, "ich habe keine Milch für mein Baby. Niemand kümmert sich um uns. Wir dürfen im Hotel nicht telefonieren, weil wir kein Geld haben."

"Wir wurden wie Tiere behandelt, uns hat man noch nicht einmal einen Kaffee gegeben", beklagte sich Mustafa el-Kantachi gegegenüber der Zeitung. "Manche Kinder mussten drei Tage lang dieselben Windeln tragen, Menschen mit Diabetes bekamen keine medizinische Versorgung. Zudem bekamen wir erst nach langem Streit Hotelzimmer."

Auch die Toths mussten in den folgenden Tagen um ihre Unterkunft kämpfen, ihnen wurde im Hotel das Essen verweigert, berichten sie - Hilfe fanden sie zeitweise bei Einheimischen. Reederei-Sprecherin Baéz sagte dazu: "Für unseren Teil haben wir alles getan, sie mit allem Notwendigen zu versorgen."

Kostbare Musikinstrumente verloren

Peter Toth schätzt den Wert seines Wohnmobils samt Inhalt auf rund 230.000 Euro. Verloren hat die Familie unter anderem einen Laptop, auf dem der 47-jährige Schriftsteller und Philosoph das Ergebnis dreijähriger Arbeit - Manuskripte für ein Buch - gespeichert hat, sowie wertvolle Geigen seiner Frau, die Musikerin ist, und Fotos, Kinderspielzeug, Künstlerfarben.

In den ersten zwei, drei Tagen wären ihre Besitztümer durchaus zu retten gewesen, meint Toth. Doch die Vertreter der Reederei hätten ihn Tag für Tag vertröstet: "Morgen, morgen", sagten sie demnach, in 14 Tagen "können wir Ihre Sachen bergen". Aus Sicherheitsgründen habe die Polizei den Zutritt zu der gestrandeten Fähre verwehrt.

Das Wohnmobil habe zunächst noch sicher im Trockenen gestanden, doch am vierten Tag habe sich das Schiff bewegt und sei weiter abgesackt. Wasser lief in die Decks und auch in das Auto, die kostbaren Geigen sind damit wohl verloren. In rund 20 Tagen werde das Schiff hoffentlich zurück auf den Kanaren sein, teilt Reederei-Sprecherin Baéz mit. Dann könnten die Toths ihre Besitztümer wiederbekommen. Sie hofft optimistisch: "Obwohl wir nicht den Zustand kennen, in dem sie sein können, sind sicher viele Sachen in einem guten Zustand."

Die marokkanische Regierung bestehe auf der Bergung des Wracks, berichtet "Canarias 7". Auf zwei Millionen Euro hätten Sachverständige der zuständigen Versicherung die Kosten geschätzt. Die Redaktion mit Sitz auf Gran Canaria, die als Einzige in den vergangenen Tagen ausführlich über den Unfall der Fähre berichtete, soll sich inzwischen massiven Einschüchterungsversuchen seitens der Reederei ausgesetzt sehen.

Nach mehrfachen Anrufen und Drohungen habe Naviera Armas ihre Werbeagentur angewiesen, Anzeigen in der "Canarias 7" zurückzuziehen, berichtete der Direktor der Zeitung, Francisco Suárez Álamo, eine Woche nach dem Schiffsbruch: "Wir verstehen nicht, was sie stört. Von einer Kampagne gegen Naviera Armas kann keine Rede sein." Allerdings habe die Zeitung Fragen gestellt: Warum fahre die Fähre unter der Flagge Panamas? Warum stamme die Crew nicht von den Kanaren? Warum sei die erste Reaktion der Reederei gewesen, die Verbindung zwischen Marokko und den Kanaren einzustellen, in die die kanarische Regierung und die Hafenbehörden 1,6 Milliarden Euro gesteckt hätten?

Chance für arme Region in Südmarokko

Nicht nur die Träume der Auswanderer-Familie sind vorläufig zerstört, Enttäuschung und Verzweiflung macht sich auch in dem 7000-Einwohner-Nest Tarfaya breit. Seitdem im vergangenen Dezember die Fährlinie Tarfaya - Puerto del Rosario auf Fuerteventura in Betrieb genommen worden war, machten sich die überwiegend armen Einwohner Hoffnung auf Einnahmen durch die Fährtouristen. Sie eröffneten Unterkünfte, Bars schmückten sie mit Postern von Madrid und Barcelona.

Die Fährlinie ist Teil eines wirtschaftlichen Entwicklungsprojektes der Regierungen Spaniens, der Kanarischen Inseln und Marokkos. Doch vorerst fehlt nun ein Schiff, um die Linie weiter zu betreiben. Auch sieht die Reederei eher pessimistisch in die Zukunft. Schon im März hatte sie laut der Webseite Teneriffaanzeiger.de in einer Pressemitteilung mit Schließung der Verbindung gedroht: zu unrentabel.

Die Toths sind nach sieben Tagen des Widerstands "gegen Ungerechtigkeit und Druck des Stärkeren" wie die restlichen 63 Passagiere am Mittwoch nach Lanzarote geflogen. Müde, erschöpft, enttäuscht - und mit vagen Versprechungen im Gepäck, wie Peter Toth sagt: "Hier hat die Menschlichkeit Schiffbruch erlitten."



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