Berlin - Ja was denn nun? Flugzeug oder Bahn? Viele Reisende in Deutschland wissen schlicht nicht mehr, wie sie von A nach B kommen sollen. Noch am Sonntagmorgen empfahl die Lufthansa wegen der massiven Probleme auf den Airports, auf innerdeutschen Strecken auf die Bahn umzusteigen. In Frankfurt am Main fielen allein am Sonntagvormittag fast 500 Flüge aus, die Start- und Landebahnen mussten immer wieder neu geräumt werden.
Doch jetzt rät die Deutsche Bahn von Reisen auf der Schiene ab - zumindest an diesem Sonntagnachmittag. So wird der vierte Advent, einer der verkehrsreichsten Tage des Jahres, wegen des anhaltenden Winterwetters für viele Reisende zur Gedulds- und Nervenprobe.
Wegen des enorm starken Andrangs warnt die Deutsche Bahn zudem vor überfüllten Waggons und Verspätungen. Außerdem reduziert sie die Höchstgeschwindigkeit ihrer Züge auf einigen Strecken auf 160 km/h, wie das Unternehmen am Sonntag mitteilte. Im restlichen deutschen Fernverkehrsnetz gelte die bereits reduzierte Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h.
Es sei am Sonntag aufgrund des starken Reisendenandrangs durch ausfallende Flüge "mit teilweise erheblichen Kapazitätsengpässen auf wichtigen Fernverkehrsstrecken" zu rechnen, hieß es weiter. Die Bahn setze zurzeit alle verfügbaren Mitarbeiter und Züge ein, um die Beeinträchtigungen für die Fahrgäste möglichst gering zu halten. Trotzdem müsse auf einigen Strecken "mit sehr stark ausgelasteten Zügen" gerechnet werden, beispielsweise auf diesen Strecken:
Durch die geringere Geschwindigkeit werde verhindert, dass von der Wagenunterseite herabfallende Eisklumpen Schottersteine hochwirbelten und dabei gravierende Schäden an den Fahrzeugen verursachten. Daher komme es weiterhin zu teilweise erheblichen Verspätungen und einigen Ausfällen. Die Vorsorgemaßnahme verhindere den großflächigen Ausfall von Zügen.
Kunden, die ihre Fahrt nicht unbedingt bald antreten müssten, rät die Bahn von Reisen am Sonntagnachmittag ab. Sie empfiehlt, auf weniger nachgefragte Zeiten auszuweichen. Das seien vor allem die "Tagesrandlagen" abends oder morgens, sagte ein Bahnsprecher. Fahrgäste, die ihre Fahrt am Sonntag oder den nächsten Tagen bis Weihnachten nicht antreten wollten, könnten die Tickets kostenfrei zurückzugeben. "Wir bitten um Ihr Verständnis", schreibt das Unternehmen zudem auf seiner Homepage. Der Deutsche Wetterdienst hat in seiner aktuellen Prognose neue Schneefälle vorhergesagt.
Europaweit Ausfälle und Verspätungen
Aber nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa haben ungewöhnlich starke Schneefälle am traditionell besonders verkehrsreichen Wochenende vor Weihnachten für massive Beeinträchtigungen im Flug-, Bahn- und Straßenverkehr gesorgt. Besonders betroffen war Großbritannien, wo der Flugverkehr streckenweise völlig zum Erliegen kam. Mit Temperaturen von örtlich knapp minus 20 Grad registrierte der britische Wetterdienst den kältesten Dezember seit hundert Jahren. Hunderte Autofahrer blieben im Schnee stecken, vier Menschen kamen durch witterungsbedingte Unfälle ums Leben. Die beiden wichtigsten Flughäfen London-Heathrow und Gatwick mussten am Samstag geschlossen bleiben. Tausende Passagiere verbrachten die Nacht in den Abflughallen. Auch am Sonntag hoben zunächst nur vereinzelt Maschinen ab.
Die Lufthansa setzte wegen der erwarteten neuen Schneefälle einen Sonderflugplan in Kraft und riet den Passagieren wie schon am Samstag, auf die Bahn umzusteigen. Die Flugtickets seien auch dort gültig. Entsprechend groß ist nun der Andrang auf ICE- und Intercity-Verbindungen - was die Bahn offenbar überfordert.
Tausende strandeten in Amsterdam und Brüssel
In Amsterdam verbrachten etwa 3000 Passagiere die Nacht von Freitag auf Samstag im Flughafen, weil Hunderte Flüge wegen des Schneefalls annulliert worden waren. Von Samstag auf Sonntag harrten dort mehrere hundert Menschen die Nacht über aus. Der Budapester Flughafen wurde am Samstag vorübergehend geschlossen, damit der Schnee vom Flugfeld geräumt werden konnte. Brüssel nahm Passagiere anderer Flughäfen auf. Dort waren am Samstagabend bis zu 4000 Menschen gestrandet.
Auch in Teilen Italiens legten heftige Schneefälle das öffentliche Leben lahm. Die Flughäfen in der Toskana wurden vorübergehend geschlossen, der Zugverkehr kam zum Stillstand, zahlreiche Autofahrer blieben in den Schneemassen stecken und mussten die Nacht im Wagen verbringen. Freiwillige versorgten sie mit Decken und heißen Getränken. In Florenz war der Zugverkehr lahmgelegt, knapp 5000 gestrandete Passagiere kamen in einem Kongresszentrum unter. Auch in Rom, Neapel und auf der Mittelmeerinsel Capri schneite es. Die Schneefälle erreichten sogar Algerien, wo zwei Menschen bei einem Autounfall starben.
Auch auf der Schiene und im Wasser kam es zu Behinderungen. Der Eurostar zwischen England und Frankreich konnte nur mit gedrosseltem Tempo fahren. Die Fähren fuhren nur noch nach einem eingeschränkten Fahrplan. Ein Lastkahn mit tausend Tonnen Streusalz an Bord geriet durch einen Navigationsfehler im Rhein-Marne-Kanal in einen unbefahrbaren Abschnitt und rammte eine Flusssperre. Beeinträchtigungen im Schiffsverkehr waren die Folge.
Während weite Teile Europas im Schnee versanken, hatten Autofahrer in Frankreich vor allem mit Eisglätte zu kämpfen. Auf den Straßen im Nordosten des Landes ging am Samstag abschnittsweise nichts mehr. Auch der Busverkehr kam wegen glatter Straßen teilweise zum Erliegen. In 34 Départements galt Alarmstufe Orange. Wegen der starken Schneefälle musste am Sonntag der Eiffelturm für Besucher gesperrt werden.
sto/dpa/AFP/dapd
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