Karlsruhe Von wegen Karls Ruhe

Im Fußball spricht man von Überraschungsmannschaft - etwas Ähnliches ist Karlsruhe unter den deutschen Kommunen. Zwei Dinge können die Menschen dieser Stadt am Rhein besonders gut: feiern und forschen. Von Bernd Hauser


Wie die aufgehende Sonne leuchtet hinter dem Schlossturm ein Riesenrad. Und fächerförmig schießen zum Stadtgeburtstagsfest Laserstrahlen in den Karlsruher Nachthimmel
Hardy Müller

Wie die aufgehende Sonne leuchtet hinter dem Schlossturm ein Riesenrad. Und fächerförmig schießen zum Stadtgeburtstagsfest Laserstrahlen in den Karlsruher Nachthimmel

Was, schon da? Der ICE stoppt, ich raffe meine Sachen zusammen und eile zur Tür. Schon wollen Reisende einsteigen. "Sie sind zu spät dran", sagt eine Frau, der ich in die Quere komme. Ich bin überrascht. Der erste Satz, den ich in dieser Stadt höre, klingt anders, als er in Berlin oder München klänge. Schleppender Singsang, leutselig, verständnisvoll, freundlich.

Ich steige in die Straßenbahn. Der Fahrer fährt an - und tritt gleich wieder auf die Bremse: Ein Eichhorn wedelt über die Gleise, es kommt wohl aus dem Stadtgarten, der vor dem Bahnhof liegt. Die Tram passiert Kastanien, Linden und Riesen mit langen dunkelgrünen Nadeln, die offenkundig südlicheren Gefilden entstammen. Karlsruhe rühmt sich, eine der wärmsten Städte Deutschlands zu sein.

Von einem Plakat lächelt ein Herr. Auf seiner Krawatte sind Sonnen gedruckt. Ein Seitenhieb gegen den Volksstamm, mit dem sich die Badener das Bundesland teilen? "Über Baden lacht die Sonne, über Schwaben die ganze Welt", heißt der Spruch. Vielleicht sind die Sonnen aber auch eine Art Liebeserklärung an die im Absolutismus gegründete Stadt, in der die Straßen wie ein Strahlenkranz von einem Mittelpunkt ausgehen, dem barocken Schloss.

Das überlebensgroße Konterfei des Herrn mit dem sonnigen Schlips gehört Heinz Fenrich, dem Oberbürgermeister. Es sind keine Wahlen. Die Schlagzeile auf dem Plakat ruft: "Helfen Sie!" Die Karlsruher mögen bitte "Wohnraum für unsere Studenten bereitstellen", die an der ältesten Technischen Universität Deutschlands lernen. Ein Bürgermeister, der die Bürger auffordert, zusammenzurücken: sympathisch. Ich frage eine ältere Dame, an welcher Haltestelle ich aussteigen muss. Lächelnd gibt sie Auskunft und kommt später sogar herüber: "Die nächste ist es!"

Aufziehendes Gewitter trübt den Menschen im Schlossgarten nicht die Laune. Außerdem ist da ja noch der Stelzenclown
Hardy Müller

Aufziehendes Gewitter trübt den Menschen im Schlossgarten nicht die Laune. Außerdem ist da ja noch der Stelzenclown

Wenn es stimmt, dass auch bei Städten die erste Begegnung über die Sympathie entscheidet, dann hat Karlsruhe auf Anhieb gewonnen. Der zweite Eindruck zeigt: Man ist zufrieden, in der Provinz zu leben und sehnt sich, Metropole zu sein. Ist genügsam und zugleich genussfreudig, übt sich in Zurückhaltung und neigt manchmal zur Großmannssucht.

Gunzi Heil hängt im Café Palaver seine halbmeterlangen weißblonden Haarsträhnen in den Teller. Heil gilt als Universalgenie der örtlichen Kleinkunstszene. Kabarettist, Rock-Sänger, Pianist, Puppenspieler, Parodist. Eine Paradenummer seines Repertoires ist die über Herbert Grönemeyer, in der aus dem Lied über Bochum eines über Karlsruhe wird: "Du hast keine U-Bahn, nur deine Richter sind rot. Deine Pyramide ist bescheiden, ist winzig klein, passt nur einer rein, und der ist schon lange tot."

Das Pyramidchen auf dem Marktplatz ist die Gruft des Stadtgründers Markgraf Karl Wilhelm. Als 1807 die Kirche auf dem Marktplatz abgerissen wurde, in der der Markgraf seine letzte Ruhe gefunden hatte, brauchte die Gruft eine Abdeckung. Friedrich Weinbrenner, Baumeister des klassizistischen Karlsruhe, ersann eine einfache Lösung: ein paar Balken aufgestellt, Bretter drübergenagelt, Ölfarbe drauf, fertig. Als das Provisorium elf Jahre später baufällig wurde, ließ Großherzog Ludwig die Holzpyramide abreißen und baute eine neue. "Eine bequeme und preiswerte Lösung", heißt es anerkennend auf der offiziellen Internet-Seite der Stadt, www.karlsruhe.de. Erst sieben Jahre später entstand die Pyramide aus Stein.

Die meisten Karlsruher kennen diese Episode gar nicht. "Sie passt zur ortsüblichen Ça-va-Mentalität", sagt Gunzi Heil und erzählt gleich noch ein Beispiel: Er stelle seinen alten Bus gewöhnlich einfach ins Parkverbot. "Ein Strafzettel kostet fünf Euro. Das ist billiger als im Parkhaus."

Clique macht lustig: Karlsruher Kids lümmeln auf der Wiese im Schlossgarten
Hardy Müller

Clique macht lustig: Karlsruher Kids lümmeln auf der Wiese im Schlossgarten

Nur in einer Sache gibt es kein Laisser-faire. "Karlsruhe muss Hauptstadt werden", fordern Plakate, womit sie nicht etwa auf die Entmachtung der Landeshauptstadt Stuttgart zielen, sondern den Anspruch auf die europäische Kulturhauptstadtwürde 2010 erheben. Daraus wird nun aber nichts. Die Stadt ist im Wettbewerb der zehn deutschen Kandidatenstädte ausgeschieden. Schon zuvor hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung die badische Stadt als "deutsche Terra incognita" bezeichnet. "Karlsruhe hat nicht einmal ein schlechtes Image. Es hat gar keines", schrieb die FAZ unbarmherzig.

Wer weiß schon von den vielen, teils versteckten Schätzen der Stadt, zum Beispiel der Hochschule für Musik im rosafarbenen Schloss Gottesaue? Der 19-jährige Geiger Sergey Khachatryan und seine zwei Jahre ältere Schwester, die Pianistin Lusine, studieren dort und stehen vor einer großen Karriere. Das mit Preisen überhäufte armenische Geschwisterpaar lebt in Frankfurt. "Aber wir kommen nach Karlsruhe, weil es hier die besten Lehrer gibt", sagt Sergey.

Heinz Fenrich, der Mann mit den Sonnen auf der Krawatte, möchte seine Stadt endlich rausholen aus dem Desinteresse, mit dem der Rest der Republik Karlsruhe begegnet. Statt den FAZ-Artikel zu ignorieren, erhebt er Karlsruhe zur "Terra cognita". Ein Wunschtraum. "Es gibt wenig spektakuläre Bauten, dazu hat Karlsruhe mit seinen nicht einmal 300 Jahren zu wenig Geschichte", sagt Harald Hurst, der Mundartdichter, dessen Stück "Fuffzich" seit April 2001 in mehr als 200 Aufführungen am Sandkorn-Theater läuft. "Die Gebäude von Friedrich Weinbrenner, die der Stadt ihr Gesicht geben, sind nicht unansehnlich, aber eben nicht so, wie Touristen eine Stadt lieben. Es gibt zu wenig plüschigen Barock, keine erhabene Gotik, kein romantisches Fachwerk." Der Wiederaufbau nach dem Krieg, "ein rechter Eintopf aus zeitgemäßer Architektur", machten das Stadtbild auch nicht attraktiver. Aber dieser Mangel kann auch ein Vorteil sein, meint Hurst. "Statt in die Vergangenheit zu blicken, entsteht Neues."

Je milder der Abend, desto frischer das Bier unter Bäumen auf dem Ludwigsplatz
R. Kreuels

Je milder der Abend, desto frischer das Bier unter Bäumen auf dem Ludwigsplatz

Neues ist im Streit der Genügsamen mit den Großmannssüchtigen meist umstritten: Kritiker fürchten, dass durch das Einkaufszentrum Ettlinger Tor, eine riesige Mall für 130 Geschäfte, die Haupteinkaufsmeile Kaiserstraße verwaist und weiter verramscht. Das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in einer ehemaligen Munitionsfabrik dagegen gilt mittlerweile unangefochten als Aushängeschild der Stadt. Gründer Karl Wilhelm lockte Neubürger einst mit einem Privilegienbrief, der Religionsfreiheit und andere Rechte garantierte. 1849 wurde in Karlsruhe die erste deutsche Republik ausgerufen. In dieser Tradition siedelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg die höchsten deutschen Gerichte an.

Schnell wird übersehen, dass Karlsruhe auch Hafenstadt ist. 5000 Schiffe fahren pro Jahr die Rheinhäfen an. Container werden hier umgeschlagen, Kohle aus Kolumbien, Edelstahl-Schrott, Süßigkeiten. Und im Getreidespeicher hat Ulrike Folkerts als Kommissarin Odenthal für den ARD-Tatort ermittelt. 15 Millionen Tonnen Rohöl werden jährlich aus den Mittelmeerhäfen Triest und Marseille herangepumpt und raffiniert. Damit ist Karlsruhe eine der größten Drehscheiben der Mineralölindustrie in Europa.

Ein wenig Weltstadt blitzt nur hier und da auf, in der "First Sushi Lounge" vielleicht, in der rund um den Tresen ein kleiner Kanal verläuft, auf dem der rohe Fisch in Griffweite der Gäste auf Plastik-Bötchen vorbeifährt, wie in Singapur oder Tokio.

Typisch Karlsruhe, das ist jedoch nicht Sushi sondern Schuster Seibold, der in einem Hinterhof am Gutenbergplatz, einem der schönsten Plätze der Stadt, seine Kellerwerkstatt betreibt. Mit Hilfe der Leisten, die zu Dutzenden an der Wand hängen, fertigt der 70-Jährige auch Schuhe fürs Brettener Peter-und-Paul-Fest. Die Kundin, die zu ihm hinabgestiegen ist, redet wie ein Wasserfall: Seit 30 Jahren schaffe sie bei einer Bank, bemerkenswert, wie unzufrieden gerade die Leute seien, die viel Geld haben. Schuster Seibold gibt ihr Recht und verlangt fürs Ausbessern einer abgewetzten Stelle an ihrem Pumps - einen Euro. Der alte Mann arbeitet drei Nachmittage die Woche, der Schwätzchen wegen. "Wir Karlsruher sind gleichzeitig gesellig und scheu. Auf der Straße oder in der Wirtschaft spreche ich nie jemanden an, den ich nicht kenne. Aber hier in der Werkstatt brauch' ich den ersten Schritt nicht zu tun." Badische Zurückhaltung. "Die gilt aber nicht immer", betont er. "Gestern erst war eine Kundin da, ich habe von ihr einen Euro verlangt, und sie hat mir fünf gegeben." Dann hat Schuster Seibold keine Zeit mehr, er will sich auf sein Fahrrad schwingen, denn er muss zu einem Vereinstreffen der "Zirkusfreunde Deutschlands".

Der Karlsruher liebt das Spektakel, jedenfalls vermittelt diesen Eindruck ein Wochenende im September. Zum Tag der offenen Tür im Karlsruher Forschungzentrum kommen 40.000 Menschen, um sich Labors und Computeranlagen anzugucken. Zum "Kulturfeuerwerk" strömen Jung und Alt ins Kino und Kabarett, zu Jazz und Rock auf zahlreichen Bühnen im ehemaligen Schlachthof. Beim Baden-Marathon sind 8000 Läufer auf den Beinen.

Karlsruhe: Sportstadt, Kulturstadt, Wissenschaftsstadt. Von allem ein bisschen. "Karlsruhe ist gut, weil hier am 1. Mai keine Autos brennen", sagt Designer Luigi Colani, der nach einem Leben auf großer Fahrt in der Stadt am Rhein vor Anker ging. Studentin Beate: "Karlsruhe ist freundlicher als Berlin und nicht so kleinkariert wie Stuttgart." "Karlsruhe ist wie eine Geliebte, die so unscheinbar ist, dass sie einem keiner wegnimmt", weiß Mundartdichter Harald Hurst. "Karlsruhe ist wie Günther Jauch", findet Kleinkünstler Gunzi Heil. "Nicht so extravagant wie Thomas Gottschalk, nicht so frech wie Stefan Raab, nicht so clever wie Harald Schmidt. Jauch ist einfach nett. Er eckt nicht an. Aber wer ihn unterschätzt, macht einen Fehler."

Aus "Merian"extra-Heft "Karlsruhe", März 2005



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