Katastrophen-Tourismus in Italien Gaffer auf Giglio

Das Wrack der "Costa Concordia" wird zur Touristenattraktion: Vor allem Italiener machen sich vom Festland auf, um einen Blick auf die Unglücksstelle zu werfen. Giglios Hotelbesitzer haben sich derweil auf die einträglichen Tagesgäste eingestellt.

Attraktion auf Giglio: Schaulustige posieren vor dem Wrack der "Costa Concordia"
dapd

Attraktion auf Giglio: Schaulustige posieren vor dem Wrack der "Costa Concordia"


Giglio - Arm in Arm steht ein Paar am malerischen Ufer der Insel Giglio vor der Küste Italiens, während ein Passant ein Foto von den beiden macht. Der Schnappschuss, den Marcello Guercini und seine Frau Paula aus diesem Urlaub mitnehmen, wäre nichts Besonderes- wenn hinter ihnen nicht das seitlich im Wasser liegende Wrack der "Costa Concordia" zu sehen wäre.

Immer mehr Touristen kommen auf die Insel Giglio, um das havarierte Kreuzfahrtschiff mit eigenen Augen zu sehen - vor allem sind es Italiener, die sich bereits auf der Fähre mit ihren Handykameras an der Reling drängen. Marcello, der mit seiner Frau aus Perugia angereist ist, erzählt stolz, dass er auf dem Festland im Hafenort Porto Santo Stefano noch ein Hotelzimmer für 70 Euro ergattert hat. Denn auch die Hoteliers haben die Möglichkeiten erkannt, die sich ihnen durch das Unglück bieten - vor allem im Januar, wenn sich hierher normalerweise kaum ein Tourist verirrt.

Stefano Montanari ist am Donnerstag mit zwei Freunden wegen des Wracks von Bologna aus auf die Insel gekommen. "Wenn so etwas schon vor unserer Haustür passiert, muss ich das auch sehen", sagt er. An die Leichen, die wahrscheinlich noch im Bauch des Schiffes liegen, will hier keiner denken.

Auch Norchio Fabrizio versucht sich einen guten Platz an der Reling zu verschaffen, als die Fähre sich der Insel nähert und die gigantischen Ausmaße des Kreuzfahrtschiffs immer deutlicher werden. Ein Hubschrauber kreist über der "Costa Concordia", eine der Rettungskräfte seilt sich gerade über den Rand des Schiffs ab.

"Wenn sie untergeht, sind es zwei. Hier unten liegt noch irgendwo ein Wrack aus den siebziger Jahren auf dem Meeresboden", erzählt Fabrizio, der mit seiner Frau aus Rom gekommen ist. Wenige Stunden später fahren sie und viele der anderen Touristen wieder zurück aufs Festland - mit dem Foto, für das sie gekommen sind.

Andreas Schwitzer, dapd



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