"Katrina"-Bustour in New Orleans: Warten auf Hilfe

Aus New Orleans berichtet Moritz Piehler

New Orleans ist für seinen morbiden Charme bekannt: Voodoo und fröhliche Beerdigungen gehörten zum Stadtleben. Seit drei Jahren hat die Südstaaten-Metropole eine neue Attraktion: Ruinen nach Hurrikan "Katrina". Ein Rundtour zeigt aber auch, dass die Stadt immer noch Hilfe benötigt.

"Nach drei Jahren wird die Tour immer deprimierender", sagt Mike Jones. Der 45-Jährige stammt aus New Orleans und ist einer der Führer, die bei Gray Line Tours Busladungen mit Touristen durch die vom Sturm zerstörten Viertel leiten. Wie alle Tourguides war auch Jones selbst von den Auswirkungen der Naturkatastrophe betroffen und nimmt die Besucher mit auf eine persönliche Reise. "Die Kreuze an den Häusern wurden von den Suchtrupps gemalt," erzählt Jones und deutet auf farbigen Markierungen an den Türen, die noch immer zu sehen sind.

"Die Zwei auf der rechten Seite bedeutet, in diesem wurden zwei Leichen gefunden", sagt Jones vor einem unbewohnten fensterlosen Holzhaus. Die Touristen im klimatisierten Bus schweigen beklommen. Sie alle haben 35 US-Dollar bezahlt für drei Stunden Rundfahrt. Die Busse sind gut gefüllt, für die morgendliche Tour muss man zwei Tage im Voraus buchen, um einen Platz zu bekommen.

Die Veranstalter mussten harsche Kritik einstecken für ihre Idee, Katastrophentourismus wörtlich zu nehmen, selbst wenn drei Dollar pro Ticket in den Wiederaufbau der Stadt gehen. Jones, der auch schon vor "Katrina" als Touristenführer gearbeitet hat, verbringt viel Zeit unterwegs in den zerstörten Vierteln, zu Fuß, oft auch auf dem Fahrrad. Er kennt die Menschen und ihre Geschichten und weiß, dass viele die Touren für eiskalte Geldmacherei mit ihrem Unglück halten.

Jones, dem die Liebe zu seiner Heimatstadt deutlich anzumerken ist, hält die Tour dennoch für wichtig. Besonders, weil sie deutlich macht, wie wenig fortgeschritten der Wiederaufbau in vielen Teilen der Stadt ist. Provisorien sind die Regel, Jones kennt zu jedem eine Geschichte: "Das ist Rogers Wohnwagen, da stand mal sein Haus. Er hat seine Mutter und seine Nichte verloren aber er ist trotzdem wieder hier, weil New Orleans sein Zuhause ist."

Plakatserie für den Wiederaufbau

Die Stadt New Orleans hat schon immer mit ihrem morbiden Charme kokettiert. Der Voodoo-Kult ist fester Bestandteil des Stadtlebens, Begräbnisse werden hier wie Karnevalsumzüge zelebriert. Die Sümpfe des Mississippi Deltas und die Vermischung der kolonialen spanischen und französischen Kulturen mit den karibischen Einflüssen sorgen für eine mythische, fast überladene Atmosphäre. Skelette und ausgestopfte Krokodile, wohin man auch sieht.

Auch der Ruf als Partyzentrum und Musikhauptstadt des Südens sorgte dafür, dass sich nach "Katrina" der Tourismus relativ schnell erholt hatte. Das berühmte French Quarter mit seinen Stripclubs und Leuchtreklamen war ohnehin kaum betroffen. Die Bars waren rasch wieder geöffnet, Tourismus ist schließlich eine Haupteinnahmequelle der Einwohner.

"Katrina" ist mittlerweile auch ein Verkaufsschlager, in Form von T-Shirts, auf denen man sich als "Katrina"-Überlebender zu erkennen geben kann. Mehrere Bildbände über den Sturm sind in jeder Auslage zu sehen, auch auf der Tour werden sie verkauft. Die Benefizplakatserie von lokalen Künstlern hat wenigstens noch einen sozialen Anspruch, der Gewinn fließt in den Wiederaufbau. Das dürfte beim "Katrina"-Cocktail, den einige Bars anbieten, nicht der Fall sein.

Oft sind die "Katrina"-Memorabilia versehen mit einer Portion Selbstironie. Aufkleber zeigen eine veränderte Version von Don McLeans "American Pie": "Drove my Chevy to the Levee but the Levee was gone". In einer Reihe von Benefizkonzerten treten Tom Clifton und das "Katrina can kiss my ass orchestra" auf. Die Verkäufer an den Ständen sind schon eine Katastrophe weiter, auf den T-Shirts im Schaufenster ist zu lesen: "The Big Easy – I survived Gustav".

"Warum gibt es nicht mehr Hilfe?"

Bill Trendon leitet das Besucherzentrum im French Quarter. Er erzählt: "Wir haben jetzt mehr Restaurants als jemals zuvor, 932 sind es heute." Aber Bill, der vor 25 Jahren aus dem Norden nach Louisiana gezogen ist, weiß auch, wie brüchig diese schnelle Wiederauferstehung ist. "Nach 'Ike' und 'Gustav' vor ein paar Wochen hatten wir einen immensen Einbruch. Das hier ist ein voller Tag", sagt er mit einem Nicken in den Raum, in dem sich drei Touristen vor den Infobroschüren verlieren.

"Es ist eine doppelte Botschaft, die von New Orleans ausgeht: Die erste ist, wir schaffen es, kommt her und schaut es euch an. Aber die zweite ist: Warum gibt es immer noch nicht mehr Hilfe? Die Republikaner benutzen den symbolischen Durchhaltecharakter als Kulisse für ihre Versammlungen. Aber wenn man sich umguckt, sieht man, dass immer noch viel zu wenig passiert."

Auf der "Katrina"-Rundfahrt durch die Stadt wird sehr deutlich, was Trendon damit meint. Selbst in den Mittelklassevierteln stehen noch viele Häuser leer, oft sind sie inzwischen von der üppigen Vegetation Louisianas überwachsen. Auch wenn hier und da neue Gebäude entstehen, die Deiche geflickt und verstärkt sind, von einem normalen Stadtbild kann man in New Orleans noch längst nicht wieder sprechen.

Die offiziellen Angaben variieren, aber höchstens 75 Prozent der Einwohner sind zurückgekehrt. Spürbar ist das nicht nur am Leerstand, sondern zum Beispiel auch in der Universität: Die Zahl der Studenten ging von 18.000 auf 11.000 zurück.

Im berüchtigten Lower Ninth Ward, einem der ärmsten Viertel stehen ein paar neue Niedrigenergiehäuser, die Brad Pitt gestiftet hat, die meisten Grundstücke sind leer, hinter dem geflickten Deich verlieren sich ein paar Wohnwagen.

Mike Jones erzählt zum Ende der Tour, die mit einer Runde durch die bunten neugebauten Familienhäuser im sogenannten Musikviertel schließt, von den Plantagen, den Sümpfen und dem Gartenviertel der Stadt. "Ich würde euch viel lieber all das zeigen. Aber solange das Interesse an 'Katrina' noch so groß ist, mache ich eben diese Tour."

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