Kirschblüte in Japan Ein Land sieht rosa

Sake-Partys im Park, Sondersendungen im TV: Wenn sich in Japan die Zeit der Kirschblüte ankündigt, herrscht Ausnahmezustand. Für Touristen ist der Frühling eine Top-Reisezeit - doch für Blumen-Fans ist perfektes Timing ein Glücksspiel.


Tokio - Sie sind seidenweich, nur halb so groß wie ein Daumen und stellen jedes Jahr ganz Japan auf den Kopf: die Kirschblüten. Im Frühjahr brechen von Südwesten bis Nordosten immer mehr zarte Blüten auf, bis sie schließlich millionenfach die Bäume verzieren. Japan gerät dann regelrecht in den Ausnahmezustand.

Besonders in der Hauptstadt Tokio werden die Kirschblüten im März rund zwei Wochen lang bestaunt, im Sekundentakt fotografiert und bei Sake-Partys in den Parks ausgelassen gefeiert.

Schon im Februar steigt die Spannung der Japaner im ganzen Land, bis endlich im Südwesten die ersten Kirschblüten - auf Japanisch: Sakura - zu sehen sind. Dann kennt die Euphorie kein Halten mehr. Die Zeitungen berichten vom Stand der Kirschblüte, die Geschäfte drapieren Kirschprodukte in allen Variationen in ihre Auslagen, im Fernsehen laufen täglich mehrere Sondersendungen.

So schicken Zuschauer beispielsweise Fotos von den schönsten Kirschbäumen ihrer Region ein, die von den Moderatoren in hellrosa dekorierten Studios mit respektvollen "Ahs" und "Ohs" kommentiert werden. Hausfrauen und professionelle Köche zeigen, wie man selbst Sushi so clever füllen kann, dass sich im Querschnitt ein Kirschbaum zeigt. Und die sogenannte Kirschblütenfront wird überall aufs Genaueste verfolgt. Ähnlich wie beim Wetterbericht zeichnen die Fernsehsender die Entwicklung der Kirschblüte detailliert nach, so dass jeder im Land weiß, wann sie endlich auch zu ihm gelangt.

Selbst Tokio strahlt in Hellrosa

Für Nicht-Japaner mag diese Aufregung übertrieben wirken. Immerhin wird ein - sich jährlich wiederholendes - Naturereignis so exzessiv gefeiert, dass selbst die sonst eher zurückhaltenden Japaner ausgelassen wirken. Außerdem liefern die Kirschbäume Japans nicht einmal essbare Früchte. Sie verschönern lediglich die Umgebung, die "richtigen" Früchte zum Essen werden aus dem Ausland importiert.

Sind Sie ein Knigge-Ninja?
[M] DDP/ DPA/ SPIEGEL ONLINE
Löffel oder Stäbchen, Schlürfen oder Rülpsen, Verbeugen oder Kopfnicken - in Ländern wie Japan, China oder Südkorea ist Europäern vieles fremd, und das nächste Fettnäpfchen ist nie weit. Wie gut kennen Sie sich im fernen Osten aus? Testen Sie Ihr Wissen im Kniggequiz von SPIEGEL ONLINE.
Wer das weltweit einmalige Phänomen der Kirschblüte in Japan einmal selber erlebt hat, versteht die Hysterie. Der Anblick dieser filigranen Blüten bleibt lange im Gedächtnis. So etwas sieht man sonst nirgendwo: Es ist bezaubernd, wunderschön und atemberaubend. Selbst das sonst eher grau wirkende Tokio strahlt plötzlich hellrosa.

In der ganzen Stadt verteilt ist das Spektakel zu bewundern: Zwischen Häuserschluchten, wo sonst scheinbar nur Autoabgase hinkommen, blühen einzelne Sakura-Bäume, und in den zahlreichen Parks lassen die Zierpflanzen die gesamte Umgebung wie eine Traumwelt erscheinen.

Das ist besonders rund um den Kaiserpalast im Herzen der Stadt bemerkenswert, wo sich Trauerweiden-ähnliche Bäume majestätisch über den Festungsgraben recken. An ihnen hängen so unglaublich viele Blüten, dass die Baumkronen aus der Ferne wie fluffige Schneebälle oder Teile eines impressionistischen Tupf-Bildes erscheinen. Das zieht jeden Tag Tausende Bewunderer magisch an, die um das Areal des Kaiserpalastes spazieren, den Ausblick genießen und sich wie vor Sehenswürdigkeiten fotografieren lassen.

Hunderttausende feiern abends im Park

Dieses Beobachten der Kirschblüten ist in Japan so verbreitet, dass es sogar einen eigenen Namen hat: Hanami, was wörtlich übersetzt "Blüten betrachten" heißt. Das ist nicht immer eine ruhige und andächtige Angelegenheit. Im Gegenteil: Gerade am Abend steigen in den Parks ausschweifende Hanami-Partys. Schüler, Studenten, Familien und Arbeitskollegen feiern dann ausgelassen mit japanischen Snacks und reichlich Sake.

Schon am Vormittag werden dafür in Tokio beispielsweise im Yoyogi-Park oder nahe des Yasukuni-Schreins junge Männer abkommandiert, die den schönsten Platz unter einem der Bäume sichern und mit einer grellblauen Plastikplane markieren. Während man diese Aufpasser zur Mittagszeit noch alleine im Schatten dösen sieht, scheint am Abend kaum ein Durchkommen möglich, so eng beieinander liegen die Planen, so eng beieinander sitzen die Partygäste unter den angestrahlten Bäumen. Am Wochenende beginnen die Partys sogar schon am Vormittag - angeblich bis zu 250.000 Besucher drängeln sich dann täglich allein im Ueno-Park im Norden der Stadt.

Diese ausgiebige Würdigung der Kirschblüten hat Tradition. Immerhin sind sie ein Zeichen des Frühlings und des Neuanfangs. Für viele Japaner symbolisieren die blühenden Kirschbäume aber vor allem die Vergänglichkeit der Schönheit und des Lebens. Sie glauben, dass das Leben jedes Einzelnen mit der Kirschblüte vergleichbar ist: Beide blühen nur für sehr kurze Zeit - und die sollte gut genutzt werden.

Im Fall der Sakura ist das gar nicht so einfach. Immerhin ist nie genau klar, wann sie für wie lange wo sein wird. Für ausländische Besucher ist eine Reise zur Kirschblüte daher ein kleines Glücksspiel. Normalerweise wandert die Blüte zwar von Südwesten nach Nordosten und beginnt in Tokio Ende März.

Doch das hängt stark vom Wetter ab. War es die Wochen davor beispielsweise besonders mild, sind die ersten Blüten in der Hauptstadt oft schon früher zu sehen. Dann brauchen sie meist rund eine Woche bis zur vollen Pracht, bevor die ersten Blüten bereits wieder herabrieseln und die Straßen mit einem weichen Teppich bedecken. Nach ungefähr zwei Wochen ist alles vorbei. Starker Regen kann das Naturschauspiel allerdings innerhalb kürzester Zeit beenden.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.