Klimaanlagen-Defekte Bahn weist Bericht über Rekordtemperatur zurück

Wie heiß war es wirklich in den Waggons der Deutschen Bahn? In einem der Pannen-ICE seien über 70 Grad gemessen worden, berichtet das TV-Magazin "Frontal 21". Die Bahn weist das zurück und spricht von 61 Grad - aber außerhalb des Fahrgastbereichs.

DPA

Mainz - Saunatemperaturen im Bahnwaggon? Bei den kürzlich aufgetretenen Klimaanlagen-Pannen hat die Deutsche Bahn einem Medienbericht zufolge Temperaturen von über 70 Grad Celsius gemessen - betroffen gewesen sei der ICE 846 am Samstag, dem 10. Juli, der in Bielefeld gestoppt wurde. Dies gehe aus einer "internen Störfallanalyse" des Konzerns hervor, berichtete das ZDF-Magazin "Frontal 21" am Dienstag. Reisende hatten im Temperaturen von rund 50 Grad Celsius angegeben, eine mit Schülern reisende Lehrerin aber hatte auch schon von mehr als 70 Grad gesprochen.

Die Bahn nannte den Bericht "in keiner Weise nachvollziehbar". Eine interne Störfall-Analyse im ICE 846 habe bis zu 61 Grad Celsius im Energieversorgungsblock der Klimaanlage festgestellt. Dieses Aggregat befinde sich aber außerhalb des Innenraums an der Unterseite des Zuges. Wie hoch die gemessene Temperatur im Fahrgast-Innenraum nach eigenen Messungen war, ließ die Bahn in ihrem Dementi offen.

Das Unternehmen hatte sich zunächst nicht konkret zu dem Bericht von "Frontal 21" geäußert. Der Konzern äußere sich "grundsätzlich nicht zu internen Dokumenten und Zahlen", hatte ein Konzernsprecher anfangs erklärt und dem Bericht dabei nicht direkt widersprochen. Tatsache sei, dass in den vergangenen anderthalb Wochen "wegen Störfällen an der Klimaanlage rund 50 Züge gestoppt oder ausgesetzt" worden seien.

Laut ZDF sind die Klimaanlagen-Probleme nicht die einzige technische Störung, mit der die Bahn derzeit zu kämpfen hat. So seien etwa am vergangenen Freitag mehr als 200 Störfälle bei Signalen, Weichen und in Stellwerken aufgetreten, berichtete das Magazin unter Berufung auf interne Unterlagen der Deutschen Bahn. Davon seien 670 Züge betroffen gewesen. Ohne S-Bahnen sind in Deutschland täglich rund 2200 Personenzüge unterwegs. Die Bahn erwiderte, tatsächlich sei es am Freitag "aufgrund der Witterungsverhältnisse" vermehrt zu Störungen im Schienennetz gekommen.

Wegen hochsommerlicher Temperaturen hat die Bahn seit Wochen Probleme mit Klimaanlagen in Teilen ihrer ICE-Flotte. Die Klimaanlagen in ICE-2-Zügen sind nur für Temperaturen bis 32 Grad ausgelegt. Am vorvergangenen Wochenende mussten insgesamt drei der Hochgeschwindigkeitszüge auf dem Weg von Berlin nach Köln und Düsseldorf wegen ausgefallener Klimaanlagen und extremer Temperaturen im Zuginneren stoppen. Die Zugpassagiere waren teils dehydriert und mussten ärztlich behandelt werden, darunter auch die Schüler der Lehrerin.

Auch mehrere Mitarbeiter der Bahn mussten sich wegen Beeinträchtigungen durch die Hitze in den vergangenen Wochen krankschreiben lassen. Das berichteten Betroffene SPIEGEL ONLINE.

Erneuter Zwischenfall am Wochenende

Auch am vergangenen Wochenende kam es erneut zu Problemen mit Klimaanlagen. Zahlreiche Fahrgäste eines überhitzten Regionalexpress wurden in der Nähe von Frankfurt von Rettungskräften behandelt.

Verbraucherschützer und der Fahrgastverband Pro Bahn üben derweil weiter Druck auf den Konzern aus: Sie fordern als Entschädigung Geld statt Reisegutscheine. Wer durch den Ausfall der Klimaanlage gesundheitliche Probleme bekomme, habe Anspruch auf Schadensersatz in barer Münze, teilte die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz mit. Dies gehe unter anderem aus der Europäischen Fahrgastrechtverordnung hervor.

Die Deutsche Bahn hatte angekündigt, zumindest die Hitzeopfer, die ärztlich versorgt werden mussten, "großzügig zu entschädigen". Über den Umfang konnte eine Bahnsprecherin am Freitag noch nichts sagen. Das Unternehmen stehe in Kontakt mit den beiden Schulen, deren Teilnehmer einer Klassenfahrt am 10. Juli in mehreren überhitzten ICE saßen. Am Ende musste die Fahrt in Bielefeld gestoppt werden, neun Schüler kamen ins Krankenhaus. Bislang hat die Bahn ihnen lediglich den anderthalbfachen Fahrpreis in Form von Reisegutscheinen zugesagt.

Die Pannenserie bei Klimaanlagen der ICE-2-Baureihe soll am Donnerstag bei einem Spitzentreffen in Berlin erörtert werden. Daran nehmen außer Bahnchef Rüdiger Grube auch Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und Gerald Hörster, der Präsident des Eisenbahn-Bundesamts, teil.

sto/AFP/dpa

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Seite 1
F. Schneider 12.07.2010
1.
Zitat von sysopJetzt greifen Bundesminister ein: Nach der Klimakatastrophe bei der Bahn mahnt Verkehrsminister Ramsauer eine schnelle Überprüfung der Züge an. Der Schienenkonzern sucht noch nach dem Fehler - und gibt jetzt weitere Ausfälle der Kühlanlagen zu. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Früher konnte man einfach das Fenster runterziehen. Das waren noch Zeiten.
Carnival Creation, 12.07.2010
2. .
Wachstum, Wachstum über alles... Solange nur die Gier des Neoliberalen Managements der Bahn zählt, muß man ich über solche unfassbaren Peinlichkeiten nicht wundern. Aber wie konnte man denn auch AHNEN, daß wir so ein heißes Wetter kriegen würden? Davor warnen die 'Klimahysteriker' ja schließlich erst seit 20 Jahren.... Das Spiel beginnt! Jetzt!
idealist100 12.07.2010
3. Hauptsache
Zitat von sysopJetzt greifen Bundesminister ein: Nach der Klimakatastrophe bei der Bahn mahnt Verkehrsminister Ramsauer eine schnelle Überprüfung der Züge an. Der Schienenkonzern sucht noch nach dem Fehler - und gibt jetzt weitere Ausfälle der Kühlanlagen zu. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Hauptsache Gewinn und Marktreif zum verscherbeln. Wo sind die Verantwortlichen ?? Unterdimensionierte Anlagen ausgelegt auf max. 30 Grad schalten bei höheren Temperaturen einfach zur Sicherheit ab.
robert_t_offline 12.07.2010
4.
Zitat von F. SchneiderFrüher konnte man einfach das Fenster runterziehen. Das waren noch Zeiten.
Jo das macht bei 300 sicher Spass ^^ Jetzt sagen sicher manche "Ja dann sollen se langsamer fahren" und dann maulen die anderen "Dann bin ich ja ewig unterwegs" :D Da simmer wieder in Deutschland..kann mer meckern ^^
buktu1975 12.07.2010
5. Das ist doch nix neues...
Das ist doch nichts neues: Hatte ich schon mal im ICE im Rekordsommer 2003. Klimaanlage defekt und lauschige gefühlte (und wahrscheinlich reelle) 50° im Abteil. Der Schaffner hat immerhin kühle Drinks ausgegeben. Ich dachte, die hätten mittlerweile dazugelernt. PS: Im Nahverkehr zum Flughafen hatte ich kürzlich eine klimatisierte S-Bahn! Ich war erstaunt!
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