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Klimakollaps im Zug: Bahn verwahrt sich gegen Verschleppungskritik

Kritiker werfen der Bahn vor, Gefahren für Fahrgäste bewusst in Kauf genommen zu haben - das Klimaproblem soll seit anderthalb Wochen bekannt gewesen sein. Der Konzern weist das zurück: Es habe keine Auffälligkeiten gegeben. Außerdem sei ein Ausfall im kompletten Zug "sehr selten".

Klimaanlagen-Pannen: Deutsche Bahn unter Druck Fotos
DPA

Berlin - Die Bahn weist zurück, dass es schon vor dem vergangenen Wochenende Informationen über Probleme mit Klimaanlagen in ICE-Zügen gab. "Wir konnten vor Samstag keine Auffälligkeiten bei den Klimaanlagen feststellen", sagte eine Sprecherin des Konzerns zu SPIEGEL ONLINE. Es habe zuletzt im extrem heißen Sommer 2003 Probleme mit den Klimaanlagen des ICE-3 gegeben - dafür habe man aber damals eine Lösung gefunden. Dass die Klimaanlagen im kompletten Zug ausfielen wie am Samstag, sei "sehr selten".

Der Fahrgastverband Pro Bahn hatte behauptet, die Probleme mit den Klimaanlagen der Bahn seien seit mindestens anderthalb Wochen bekannt gewesen. Verbandsrechtsexperte Rainer Engel sagte dem "Westfalen-Blatt", mit der steigenden Hitze hätten die Ausfälle vor allem in ICE-Halbzügen der zweiten Generation zugenommen. Diese Baureihe mit 44 Zügen stehe kurz vor einer Generalinspektion. Der Einsatz defekter Züge sei bewusst in Kauf genommen worden.

Verkehrsstaatssekretär Enak Ferlemann gab außerdem in einem Radiointerview an, man kenne technische Probleme mit den ICE-Zügen der ersten und zweiten Generation schon länger: "Das betrifft auch nicht nur die Klimaanlagen, sondern oftmals die gesamte Bordelektrik, die häufiger mal ausfällt aufgrund von oft nicht erklärlichen Gründen", sagte der CDU-Politiker dem RBB. "Also, das Thema kennen wir länger, das mit den Klimaanlagen ist sicherlich bei der Hitze jetzt extrem."

Wenige Stunden danach nannte eine Sprecherin des Verkehrsministeriums es allerdings falsch, dass die Bundesregierung schon länger von den Problemen mit den ICE-Klimaanlagen wisse. "Das ist nicht der Fall und beruht wohl auf einem Missverständnis." Ferlemann habe im Interview nur zutreffend gesagt, dass das Eisenbahnbundesamt (EBA) bekanntlich seit längerem die ICE-Züge prüfe - zum einen wegen der altbekannten Achsenprobleme, zum anderen wegen des Vorfalls am Wochenende, bei dem Schüler durch den Klimaanlagen-Ausfall verletzt wurden. "Das sind zwei verschiedene Dinge." Ob die ICE-Klimaanlagen schon früher als störanfällig aufgefallen seien, könne allein die Bahn beantworten.

Dokumentation: Der Staatssekretär und die Reaktion
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Der Verkehrsstaatssekretär im Wortlaut
Frage: Seit wann ist Ihnen denn bekannt, dass die Klimaanlagen häufiger ausfallen?

Ferlemann: Also, wir kennen die Themen mit den ICE 1 und ICE 2 schon seit etwas längerem. Das betrifft auch nicht nur die Klimaanlagen, sondern oftmals die gesamte Bordelektrik, die häufiger mal ausfällt aufgrund von oft nicht erklärlichen Gründen. Also, das Thema kennen wir länger, das mit den Klimaanlagen ist sicherlich bei der Hitze jetzt extrem.

Frage: Gut - wenn Sie sagen: Das kennen Sie länger, dass da was nicht stimmt, auch wenn's jetzt erst extrem ist, warum ist dann nicht vorbeugend daran gearbeitet worden?

Ferlemann: Wir sind seit längerem schon über das Eisenbahnbundesamt dabei, die Frage der Bereitstellung der ICE-Züge zu überprüfen. Das ganze Thema mit den Achsen, was ja vor einiger Zeit mal durch die Öffentlichkeit ging, ist ja auch letztlich noch nicht zu hundert Prozent erledigt. Das heißt: Wir haben schon mehrere Dinge, die auf diesen hochmodernen Zügen technisch Probleme machen. Das lassen wir überprüfen, dafür ist das Eisenbahnbundesamt da.

Frage: Na gut, also, Überprüfungen sind das eine - das andere ist aber, dass die Fahrgäste nun ganz akut darunter zu leiden haben. (...) Warum dauert es dann so lange, bis die Mängel abgestellt sind?

Ferlemann: Weil ein ICE-Zug heute ein hochkomplexes technisches System ist. Und da muss man natürlich sehen: Wer hat die Verantwortung dafür? Woran liegt es überhaupt, dass bei Kälte eben die ICE-Züge besonders anfällig sind und jetzt, wie wir lernen, bei der Hitze auch? So dass also wir eigentlich davon ausgehen müssen, dass es in Deutschland schon mal friert und dass es schon auch mal ein paar heiße Tage gibt. Darauf müssen eigentlich ICE-Züge eingerichtet sein. Und die Frage stellt sich natürlich, warum von der Konstruktion her das nicht funktioniert. Das müssen wir überprüfen und hinterfragen, weil wir vor der Ausschreibung der Erneuerung einer kompletten Flotte stehen - und da sollen diese Fehler nicht wieder auftreten. ...

hier das komplette Interview zum Nachhören...
Die nachträgliche Einordnung des Verkehrsministeriums
Es treffe nicht zu, dass dem Ministerium "bereits seit längerem Probleme bei den Klimaanlagen von ICE-Zügen bekannt" sind, teilte eine Sprecherin mit: "Das ist nicht der Fall und beruht wohl auf einem Missverständnis." Ferlemann habe im Interview nur zutreffend gesagt, dass das Eisenbahnbundesamt (EBA) bekanntlich seit längerem die ICE-Züge prüfe - "aus Anlass der bekannt gewordenen Achsprobleme u.ä.; und das EBA untersucht auch seit Sonntag den Unfall, bei dem mehrere Schüler auf Grund der hohen Temperaturen, die durch den Ausfall der Klimaanlage verursacht wurden, verletzt wurden. Das sind zwei verschiedene Dinge". Ob die Klimaanlagen der ICE-Flotte schon früher als störanfällig aufgefallen seien, könne allein die Bahn beantworten.
Die Staatsanwaltschaft Bielefeld ermittelt inzwischen gegen den Zugführer des ICE, in dem es am Samstag zu besonders chaotischen Szenen gekommen war. Mehrere Fahrgäste mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. "Wir meinen, dass ein Anfangsverdacht auf fahrlässige Körperverletzung und unterlassene Hilfeleistung besteht", sagte Oberstaatsanwalt Reinhard Baumgart. Der Fahrer habe nicht einfach weiterfahren dürfen, nachdem er den Ausfall der Klimaanlage bemerkt hatte. "Es muss nun geprüft werden, ob der Zugchef tatsächlich als Verantwortlicher bestehen bleibt oder ob andere die Verantwortung tragen", fügte Baumgart hinzu. Zudem müssten Zeugenaussagen ausgewertet werden.

Der Chef des Bundesverbandes Verbraucherzentralen (vzbv), Gerd Billen, forderte in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" eine "Strategie, die deutlich werden lässt, dass die Sicherheit der Fahrgäste die oberste Prämisse des Konzerns ist". Politik und Bahn seien da gefordert. Das Unternehmen müsse transparent machen, welche Mittel für welche Zwecke verwendet werden, sagte Billen. "Sicherheit und Qualität vor Prestigeobjekten - das muss die Devise sein."

Entschädigung für Betroffene

Am Wochenende war in drei ICE die Klimaanlage komplett ausgefallen, weshalb zwei der Züge in Hannover und einer in Bielefeld geräumt werden mussten. Zahlreiche Schüler von zwei Schulen in Nordrhein-Westfalen kamen dehydriert ins Krankenhaus. Auch in weiteren Zügen fielen in einzelnen Waggons die Klimaanlagen aus. Allein in Hannover mussten deswegen am Montag zehn ICE-Züge aus dem Verkehr genommen werden. Wie das "Westfalen-Blatt" mit Berufung auf einen Bahn-Sprecher berichtete, gab es von Samstag bis Montag in insgesamt 36 Fernzügen Hitzeprobleme.

Betroffene sollen mit Reisegutscheinen im Wert von bis zu 150 Prozent des Fahrpreises entschädigt werden. "Wir wollen uns nicht nur ausdrücklich bei unseren Kunden entschuldigen, sondern Wiedergutmachung leisten und das Vertrauen in die DB zurückgewinnen", erklärte Bahn-Vorstand Ulrich Homburg. Einen entsprechenden Erstattungsantrag können die betroffenen Fahrgäste unter Vorlage ihrer Originalfahrkarte unter der E-Mail-Adresse hitzewelle@deutschebahn.com, per Telefon oder per Post stellen.

Zum erwarteten finanziellen Volumen der Kulanzregelung machte die Bahn zunächst keine Angaben. Es richtet sich an alle Kunden, die "massiv" von Klimaanlagen-Ausfällen betroffen waren. Wenn einzelne Wagen nicht gekühlt waren und Reisende in klimatisierte Wagen ausweichen konnten, gilt es demnach nicht.

Hitzepanik in schwedischem Zug

Auch in Schweden ist es zu einem ähnlichen Zwischenfall bei der Bahn gekommen. Sechs Stunden mussten gut 200 Reisende dort bei quälender Hitze in einem Schnellzug ausharren - ohne Klimaanlage, ohne Wasser und bei geschlossenen Fenstern. Wie die Bahngesellschaft SJ am Mittwoch bestätigte, blieb der Hochgeschwindigkeitszug am Dienstag wegen eines technischen Defektes an der Lok bei Flemingsberg südwestlich von Stockholm liegen.

Der X2000-Zug war von Stockholm nach Göteborg unterwegs. Passagiere berichteten nach der Tortur von Panik, Ohnmachtsanfällen und "Lynchstimmung gegenüber dem Personal". Die Temperaturen in den Abteilen waren demnach auf über 50 Grad gestiegen. Dennoch blieben die Türen zu - und die Fenster konnten nicht geöffnet werden. Ein 42- jähriger Mann schlug mit einem Hammer ein Fenster ein, um einem ohnmächtigen Mitreisenden und einem offensichtlich stark leidenden Baby Luft zu verschaffen.

Der Zug wurde nach mehr als sechs Stunden Wartezeit in gleißender Sonne von einer Ersatzlok in Gang gesetzt. Der Reisende mit Hitzschlag kam in ein Krankenhaus in Södertälje, die anderen Fahrgäste wechselten in dem Ort den Zug. Sie mussten aber erneut mehrere Stunden warten und erreichten Göteborg schließlich mit 13-stündiger Verspätung.

Empört reagierten Betroffene auf die Mitteilung der Bahn, man werde ihnen einen Gutschein über 200 Kronen (gut 20 Euro) zukommen lassen. SJ-Aufsichtsratschef Ulf Adelsohn kündigte daraufhin Nachbesserung an. "Das war eine verdammte Katastrophe. So was darf einfach nicht passieren."

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Artikels hatte mit Verweis auf Ferlemanns Aussagen die Überschrift "Regierung kannte ICE-Klimaproblem schon länger". Diese wurde geändert, nachdem die Sprecherin des Verkehrsministeriums die Darstellung korrigiert hat.

sto/apn/AFP/dpa

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Forum - Klimaschock: ICE - Hitzedesaster vergrätzt Bundesregierung
insgesamt 2247 Beiträge
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1.
F. Schneider 12.07.2010
Zitat von sysopJetzt greifen Bundesminister ein: Nach der Klimakatastrophe bei der Bahn mahnt Verkehrsminister Ramsauer eine schnelle Überprüfung der Züge an. Der Schienenkonzern sucht noch nach dem Fehler - und gibt jetzt weitere Ausfälle der Kühlanlagen zu. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Früher konnte man einfach das Fenster runterziehen. Das waren noch Zeiten.
2. .
Carnival Creation, 12.07.2010
Wachstum, Wachstum über alles... Solange nur die Gier des Neoliberalen Managements der Bahn zählt, muß man ich über solche unfassbaren Peinlichkeiten nicht wundern. Aber wie konnte man denn auch AHNEN, daß wir so ein heißes Wetter kriegen würden? Davor warnen die 'Klimahysteriker' ja schließlich erst seit 20 Jahren.... Das Spiel beginnt! Jetzt!
3. Hauptsache
idealist100 12.07.2010
Zitat von sysopJetzt greifen Bundesminister ein: Nach der Klimakatastrophe bei der Bahn mahnt Verkehrsminister Ramsauer eine schnelle Überprüfung der Züge an. Der Schienenkonzern sucht noch nach dem Fehler - und gibt jetzt weitere Ausfälle der Kühlanlagen zu. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Bahn?
Hauptsache Gewinn und Marktreif zum verscherbeln. Wo sind die Verantwortlichen ?? Unterdimensionierte Anlagen ausgelegt auf max. 30 Grad schalten bei höheren Temperaturen einfach zur Sicherheit ab.
4.
robert_t_offline 12.07.2010
Zitat von F. SchneiderFrüher konnte man einfach das Fenster runterziehen. Das waren noch Zeiten.
Jo das macht bei 300 sicher Spass ^^ Jetzt sagen sicher manche "Ja dann sollen se langsamer fahren" und dann maulen die anderen "Dann bin ich ja ewig unterwegs" :D Da simmer wieder in Deutschland..kann mer meckern ^^
5. Das ist doch nix neues...
buktu1975 12.07.2010
Das ist doch nichts neues: Hatte ich schon mal im ICE im Rekordsommer 2003. Klimaanlage defekt und lauschige gefühlte (und wahrscheinlich reelle) 50° im Abteil. Der Schaffner hat immerhin kühle Drinks ausgegeben. Ich dachte, die hätten mittlerweile dazugelernt. PS: Im Nahverkehr zum Flughafen hatte ich kürzlich eine klimatisierte S-Bahn! Ich war erstaunt!
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