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Klimaschock im Zug: Glut, Schweiß und Tränen

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In drei ICE-Zügen fielen am Wochenende die Kühlungen aus, das meldet die Bahn - doch Erlebnisse von Reisenden zeigen: Das Hitzechaos war und ist weit größer. SPIEGEL-ONLINE-Leser berichten vom Klimakollaps auf der Schiene, von Übelkeit, Überfüllung und überforderten Zugbegleitern.

Hitzewelle bei der Bahn: Kollaps auf Klassenfahrt Fotos
DPA

Berlin/Hamburg - Nun hat das Sommerthema Bahn-Hitze auch die Politik erfasst: Das Bundesverkehrsministerium drängt auf Konsequenzen aus den Hitzeproblemen bei ICE. Mängel müssten bei künftigen Zuggenerationen beseitigt sein, forderte eine Ministeriumssprecherin. Dazu führe man Gespräche mit der Bahn, der Industrie und dem Eisenbahn-Bundesamt. Der Aufsichtsrat des Konzerns soll sich damit beschäftigen, das hat Bahnchef Rüdiger Grube versichert.

Eine Lösung für die Zukunft? Schön und gut, aber Bahnkunden müssen sich auch in den kommenden Tagen auf unangenehm heiße Fahrten gefasst machen - nicht nur in ICE, sondern auch in IC, EC und Regionalzügen in allen Teilen der Republik.

Zur Erinnerung: Einen dramatischen Höhepunkt hatten die Zustände in einem ICE am Samstag zwischen Hannover und Bielefeld erreicht. Eine schwangere Frau versuchte, eine Scheibe einzuschlagen. Mehrere Jugendliche und ältere Passagiere brachen zusammen, am Ende mussten 27 Schüler ärztlich versorgt werden. Die neun Jugendlichen, die einen Hitzeschock erlitten, konnten die Krankenhäuser am Samstagabend und am Sonntag wieder verlassen.

Die Bahn entschuldigte sich, bot Entschädigungen an - und zog eine erste Bilanz. Am Samstag seien drei ICE wegen Überhitzung aus dem Verkehr genommen wurden, am Sonntag dagegen keiner mehr. Die wirkliche Dimension des Problems dürfte nach Berichten von SPIEGEL-ONLINE-Lesern aber erheblich größer sein.

"Ich stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch"

Angelika Kleinau saß am Samstag im ICE 36 von Kopenhagen nach Berlin, die Klimaanlage war defekt: "Unzumutbar", berichtet sie, "Innentemperatur 48 Grad". Der Zug sei extrem überfüllt gewesen und völlig verdreckt, weil sich Kinder in die Gänge übergeben hätten.

Eine Schulklasse aus Aachen erlebte am Freitag einen Ausfall der Klimaanlage in einem Intercity ab Hannover: "Ich habe alle Schüler mit Kopfschmerzen und Übelkeit in die gut klimatisierte Erste Klasse geschickt", berichtet der Lehrer Marcel Debrus. Schon auf dem Hinweg mussten die Jugendlichen in einem überhitzten, nicht klimatisierten Waggon ausharren.

Am Samstag war Hans-Jürgen Krieg im ICE 844 von Berlin nach Bielefeld unterwegs. In einem Wagen war die Kühlanlage bereits defekt, "es seien über 50 Grad im Abteil", habe die Zugführerin beim Einsteigen gesagt. "Eine Stunde später fiel auch im Speisewagen die Klimaanlage aus."

Leserin Ursula Rosendahl saß mit ihren beiden kleinen Kindern im Eurocity aus der Schweiz nach Hamburg - alle drei seien nach dem Ausfall der Kühlung total überhitzt und lethargisch gewesen: "Ich hatte große Sorge, dass sie es nicht aushalten, und stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch." Bei gefühlten 40 bis 45 Grad musste sie mit Verspätung sieben Stunden in dem Zug aushalten. In einer Regionalbahn Richtung Heidelberg lief bei 37 Grad Außentemperatur die Heizung: "Im Winter friert man sich den Hintern ab, weil keine Heizung an ist und im Hochsommer gibt es Heizung statt Klimaanlage", beschwerten sich die Bahnfahrer.

Lungenentzündung nach Bahnfahrt

Was die Passagiere vor allem ärgert: Immer wieder ist das Bahnpersonal hoffnungslos überfordert, in den Zügen wie auch an dem Bahnhöfen. "Der eigentliche Skandal besteht darin, dass während der gesamten Fahrt sich kein einziger Zugbegleiter hat blicken lassen", berichtet Matthias Buschmeier, der am Samstag mit einem IC von Köln nach Berlin unterwegs war - ohne Klimatisierung in der Zweiten Klasse.

Nicht immer wurden - wie von der Bahn angekündigt - kostenlose Getränke ausgegeben, in manchen IC steht auch kein Bordbistro zur Getränkeversorgung zur Verfügung: "Die Getränke waren in kurzer Zeit aus", beschreibt Bernd Drösel die Lage in einem IC von Hamburg nach Essen, "die Klimaanlage war während der gesamten Fahrt ausgefallen. Gefühlte Temperatur: mindestens 50 Grad."

Da Passagiere aus überhitzten Waggons in andere Züge umsteigen sollten, kam es auch in diesen zu Überfüllung, Raufereien um Sitzplätze - und auch dort fielen Klimaanlagen aus. "Menschen standen, saßen und lagen auf dem Gang", beschreibt Margarete Utler so eine Fahrt im IC von Düsseldorf nach Hamburg in der Ersten Klasse. "Die Lüftung funktionierte nicht richtig, es war heiß und stickig." Von der Bahn sei niemand mit Getränken vorbeigekommen. Sie sei mehrfach ins Bistro gegangen, um für sich und ihren Mann Wasser zu holen, so die 69-Jährige. Noch am selben Abend wurde Heinz Utler mit Schüttelfrost und Fieber vom Notarzt in ein Krankenhaus gebracht. Diagnose: Lungenentzündung.

Schule fordert Schadenersatz von der Bahn

Gegen die Bahn hat die Bundespolizei inzwischen Ermittlungen im Fall des ICE gen Bielefeld eingeleitet. Es besteht der Verdacht der fahrlässigen Körperverletzung und der unterlassenen Hilfeleistung. Die Untersuchungen stünden allerdings noch ganz am Anfang, sagte ein Sprecher der Bahnpolizei Münster am Montag. Untersucht werde unter anderem, ob es nicht möglich gewesen wäre, angesichts der Temperaturen von bis zu 50 Grad im Zuginneren schon eher Abhilfe zu schaffen.

Sollten die Ermittlungen der Bundespolizei den Verdacht der fahrlässigen Körperverletzung bestätigen, rät die betroffene Sophie-Scholl-Gesamtschule in Remscheid den Eltern der kollabierten Schüler zu einer Sammelklage. Außerdem verlangt die Schule Schadenersatz von der Deutschen Bahn. Sie habe den Vertrag auf Beförderung der Schüler nicht erfüllt, sagte Schulleiterin Brigitte Borgstedt am Montag. "Die Beförderung endete im Desaster, und das nicht nur einmal."

Die Bahn bedauert in einer Mitteilung, dass einzelne Fahrgäste gesundheitliche Beeinträchtigungen erlitten und sogar im Krankenhaus behandelt werden mussten. "Wir wollen diese Kunden dafür entschädigen", sagte Ulrich Homburg, Vorstand Personenverkehr. "All jene, die wir nicht direkt erreichen können, bitten wir, sich bei uns zu melden" - bisher bezieht sich die Bahn mit ihrem Angebot allerdings nur auf die insgesamt rund 40 Passagiere, die am Samstag in Bielefeld ärztlich behandelt werden mussten. Für eine Stellungnahme war am Montag kein Bahnsprecher erreichbar.

Mit Material von dpa und apn

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Das nächste Opfer
Das Auge des Betrachters 12.07.2010
Die Bahn, das nächste Opfer der Generation Betriebswirtschaft. Keine Ahnung vom Produkt aber ein perfektes Controlling. Sonst haben die nichts gelernt und vom Produkt null Ahnung, egal welche Branche. Ganz nach US Vorbild wird alles geschlachtet was ihnen in die Quere kommt. 100 Jahre alte Topmarken wie Mercedes werden in wenigen Quartalen zu Grunde gerichtet und das Kapital verzockt.
2. Bahn für alle
Stefanie Bach, 12.07.2010
Zitat von sysopIn drei ICE-Zügen fielen am Wochenende die Klimaanlagen aus, das meldet die Bahn - doch Erlebnisse von Reisenden zeigen: Das Hitzeproblem war und ist weit größer. SPIEGEL-ONLINE-Leser berichten von der Klimakatastrophe auf der Schiene, Übelkeit, Überfüllung - und überforderte Zugbegleitern. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,705992,00.html
Technische Pannen sind immer ärgerlich. Gibt es bei der Bahn strukturelle Ursachen? Ja, denn der Versuch der Privatisierung begünstigt, dass Profit über Zuverlässigkeit gestellt wird. Deshalb muss es jetzt zügig heißen: Hände weg von der Bahn, sie muss öffentliches Eigentum bleiben, damit es nicht schon wieder heißt: Gescheitert - Warum die Politik vor der Wirtschaft kapituliert (http://www.plantor.de/2009/gescheitert-warum-die-politik-vor-der-wirtschaft-kapituliert/).
3. Menschenleben sind egal
RainerWahnsinn 12.07.2010
Hier zeigt sich das für den Börsengang von Mehdorn alle ethischen Grundsätze über den Haufen geworfen wurde. In Berlin wurden bei den S-Bahnen die Bremsen nicht regelmäßig gewartet - da hat man Unfälle billigend in Kauf genommen, Die Klimaanlagen funktionieren unter normalen Bedingungen nicht richtig und sind jetzt heillos überfordert und es wird nur zugegeben was offensichltich ans Licht kommt - ansonsten ist man für Stellungnahmen nicht erreichbar - und da alles auf Kostensparen ausgelegt ist, bekommt der Mitarbeiter die Prämie der am meisten einspart - auch auf Kosten der Gäste - und nicht der der den besten Service anbeitet - pervers.
4. Bitte Satzbau prüfen...
c0bRa 12.07.2010
Die neun Schüler, die am einen Hitzeschock erlitten, haben das Krankenhaus inzwischen verlassen. Der Satz gibt irgendwie überhaupt keinen Sinn... Entweder das am raus, ein Sonntag rein, oder an einem Hitzeschock litten... Bei den Temperaturen sei es aber verziehen... ;)
5. DB: Katastrophe!
modinktiv 12.07.2010
Ich kann mich noch gut an meine Fahrt von Berlin nach Frankfurt im April erinnern. Da war es zwar nicht so mega heiß, aber nachdem in einem Wagon die Klimaanlage ausgefallen war und der Zug total überfüllt, wurde es auch ziemlich unerträglich. Und das Bahnpersonal weigerte sich tatsächlich Getränke zu verteilen, erst nach einigen hitzigen Diskussion mit ein paar Fahrgästen wurde jedem "Gast" in dem Wagon ein (!) Getränk kostenlos zur Verfügung gestellt. Also Ausnahmen sind diese Klimaanlagen-Ausfälle sicherlich nicht, da wurde einfach Mist eingekauft. Über den Service wollen wir gar nicht reden... im Vergleich zur Deutschen Bahn hat Ryanair einen Luxusservice!
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