Klimawirkung von Flugreisen Zahlen für das Gewissen

Wen nach einem Transatlantikflug das Klimagewissen plagt, kann Buße tun: bei Atmosfair. Solche Klimaagenturen bieten ihren Kunden an, den CO2-Ausstoß einer Flugreise oder des Autos mit Ökoprojekten zu neutralisieren. Doch hilft dieser Ablasshandel auch dem Klima?

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Gegen den ganzen Dreck in der Luft half bei Udo Wurzel nur noch schwarzer Humor. Im Winter, sagt er, sei es immer kinderleicht gewesen, die Windrichtung zu bestimmen.

Sah der Schnee grau aus, war klar: Es weht aus Westen. "Da stand nämlich das große Zementwerk." Blies es aus dem Osten, färbten sich die Flocken nach kurzer Zeit braun - "den Buna-Werken sei Dank".

Zahlen für das Gewissen: Verursachter CO2-Ausstoß durch Autofahren, Flugreisen und Kühlschrank
DER SPIEGEL

Zahlen für das Gewissen: Verursachter CO2-Ausstoß durch Autofahren, Flugreisen und Kühlschrank

Wurzel, 60, ist Bürgermeister von Mücheln, einer Kleinstadt im Geiseltal südlich von Halle, die eingerahmt wird von einem stillgelegten Braunkohlentagebau und der 100 Meter hohen Abraumhalde Klobikau. Als er 1990 direkt nach der Wende in sein Amt kam, war ihm klar, was er tun musste: Bäume pflanzen, "damit wir wieder Luft zum Atmen bekommen".

Mittlerweile beteiligen sich sogar Popstars, multinationale Konzerne und normale Bürger aus der ganzen Welt daran, dass die geschundene Region in Sachsen-Anhalt neues Grün bekommt. Doch nicht den Atemwegen der Müchelner soll damit geholfen werden, sondern dem Weltklima. Um einen zu großen Temperaturanstieg zu verhindern, werden mit dem Geld illustrer Spender - daruner die Band Massive Attack oder der Autovermieter Avis - Pappeln, Robinien und Eichen angeschafft.

"Die Bäume sollen dann genau die Menge Kohlendioxids einlagern, welche die Spender produziert haben", erklärt Andreas Winkelmann. Der Forstwirt steht auf der Abraumhalde und blickt auf die Tagebaugrube, die gerade zu einem der größten deutschen Binnenseen zuläuft. Gemeinsam mit Bürgermeister Wurzel begutachtet er die Ostflanke der Abraumhalde. Unterhalb einer ehemaligen Abschussrampe für sowjetische Atomraketen befinden sich die durch internationale Gelder aufgeforsteten Parzellen.

Bei den noch jungen Gewächsen, die im Abstand von zwei Metern aufgereiht stehen, färbt sich das Blätterkleid allmählich in warmes Orange. Winkelmann lässt sie durch seine fachkundigen Hände gleiten. 30 000 Tonnen CO2 sollen in ihren Fasern dereinst gespeichert sein. "Unsere Kontrollen sind enorm wichtig."

Denn Winkelmann muss Rechenschaft ablegen, wie viele Setzlinge angegangen sind. Er arbeitet für die P&P Dienstleistungsgesellschaft, eine Forstfirma aus dem Westerwald, die wiederum im Auftrag der CarbonNeutral Company steht. Das Londoner Unternehmen organisiert den Ablasshandel mit dem Treibhausgas - für Konzerne und Einzelpersonen.

"In regelmäßigen Abständen schicken sie eigene Kontrolleure, damit sie im fernen England auch wissen, dass hier alles seine Richtigkeit hat", sagt Winkelmann, der sich ganz neudeutsch auch CO2-Manager nennt.

Das Geschäftsmodell der Briten befindet sich im Aufwind. Freiwillige Kohlendioxid-Ausgleichsmaßnahmen heißt das Fachwort. Das System soll jeden einzelnen CO2-Verursacher sowie all jene Firmen einbinden, die nicht vom Europäischen Emissionshandelssystem zur Einsparung von Kohlendioxid gedrängt werden.

"Eine sinnvolle Ergänzung" sei das Konzept, findet Yvo de Boer, Chef des Uno-Klimasekretariats und einer der Hauptakteure auf der am kommenden Montag beginnenden Weltklimakonferenz in Nairobi.

Schätzungsweise 90 Millionen Euro werden dieses Jahr weltweit in solche Kompensationsprojekte investiert. In den nächsten drei Jahren könnte das Volumen auf fast eine halbe Milliarde Euro anwachsen - und sogar amerikanische Firmen beteiligen sich daran, obwohl die US-Regierung offiziell das Kyoto-Protokoll ablehnt.

Die Anbieter des Ausgleichshandels heißen MyClimate, Atmosfair, 3C oder Climate Care. Gern nehmen sie auch prominente
Kunden - etwa Bands wie die Rolling Stones, die ihre Konzerte CO2-neutral machen wollen und das Motto Rocken ohne Reue medienwirksam verbreiten.

Umfrage: Klimaschutz
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Sühnen kann aber auch jeder Normalverbraucher, falls ihn sein schlechtes Klimagewissen plagt. Wer will, lässt sich etwa den Kohlendioxidausstoß des eigenen Autos oder des Urlaubsflugs in die Karibik kompensieren. Laut einer Umfrage für den SPIEGEL wären 66 Prozent der Bundesbürger bereit, zehn Prozent mehr fürs Flugticket zu zahlen; ob man diese Bereitschaft für bare Münze nehmen darf, steht auf einem anderen Blatt.

British Airways bietet einen solchen Service bereits auf seiner Internet-Seite an. Nur wenige Klicks und eine Kreditkarte genügen, dann fliegt der Reisende in der neuen Holzklasse. Auch die Lufthansa verhandelt derzeit angeblich mit einem Anbieter. CO2-Katharsis gibt es ebenfalls für den Kühlschrank, fürs Haus oder die klimatischen Kollateralschäden der eigenen Hochzeit.

Doch der Klima-Ablasshandel hat auch Kritiker. Den Menschen werde vorgegaukelt, so der Einwand der Hardliner, sie könnten sich von ihren Umweltsünden freikaufen. Wer aber sein Gewissen mit dem Scheckbuch erleichtere, trete umso gedankenloser aufs Gaspedal.

Die Anbieter des Klimahandels haben auf diesen Vorwurf bereits reagiert. "Wir weisen unsere Kunden stets darauf hin, dass sie zunächst einmal prüfen, ob der Kohlendioxidausstoß nicht besser zu reduzieren oder gar zu verhindern sei", sagt Jonathan Shopley von CarbonNeutral.

Und der "Emissionsrechner" von Atmosfair, der den CO2-Saldo von Flugreisen kalkuliert, soll das Schamgefühl des Vielfliegers wecken. Zum Vergleich spuckt er stets auch die Jahresemissionen eines Inders in Höhe von 900 Kilo CO2 aus - die erzeugt ein deutscher Tourist schon beim Flug von Frankfurt nach Gran Canaria.

Ein anderer Vorwurf lautet, den Großkunden werde nur ein billiger Marketing-Auftritt verschafft. Einige Firmen jener neuen Eco-Economy werben ganz offen mit dem PR-Effekt für ihre Firmenkunden. 3C, ein Klima-Dienstleister aus der Nähe von Frankfurt, lockt auf der Internet-Seite, dass sich seine Kunden mit einer "öffentlichkeitswirksamen Positionierung als verantwortungsbewusster und innovativer Akteur" präsentieren könnten.

3C verbürgt sich, dies auf "kosteneffiziente Weise" zu erledigen, unter anderem für Neckermann, die Deutsche Bank oder aber die Fifa, die den Kohlendioxidausstoß der Weltmeisterschaft in Deutschland neutralisiert hat. "Wir haben sogar die Helikopterflüge von Franz Beckenbauer vom Öko-Institut berechnen lassen", versichert 3C-Chef Sascha Lafeld.

Das demonstrative Umweltgebaren scheint seine Wirkung nicht zu verfehlen, zumindest bei der wohlhabenden Mittelschicht. Sven Bode, Chef des soeben gegründeten Anbieters "greenmiles", nennt ausdrücklich die "Lifestyle-Ökos" als Klientel. Seine Zielgruppe lebe nach dem Prinzip "fun but fair" und unterstütze gern Öko-Projekte. Und wenn Lohses Plan aufgeht, dann ist "Klimaschutz bald sexy".

Doch welche Projekte helfen wirklich, den Klimawandel abzumildern? Energiesparlampen für Jamaikaner? Solarkocher für Inder? Oder eben Bäumchen pflanzen in Sachsen-Anhalt?

Einige Umweltschützer spotten über die Aufforstungsaktionen. "Den Leuten zu empfehlen, Bäume zu pflanzen, ist doch ebenso sinnvoll wie der Ratschlag, gegen den steigenden Meeresspiegel mehr Wasser zu trinken", sagt Oliver Rackham, Landschaftshistoriker an der Cambridge University.

Auch Ernst-Detlef Schulze, Direktor am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena, meldet Bedenken an. Er kennt die Kohlenstoffkreisläufe von Bäumen wie kaum ein anderer. Er hat sie mit kompliziertem Gerät in der freien Natur gemessen und kommt für einen Baum, der in unseren gemäßigten Breiten eingepflanzt wird, auf ein ernüchterndes Ergebnis: "Er muss schon 60 Jahre stehen, bis er der Atmosphäre netto Kohlendioxid entzieht."

Was gern übersehen wird: Während der Baum über seine Blätter Kohlendioxid aus der Luft aufnimmt, setzt er an den Wurzeln den im Boden gespeicherten Kohlenstoff bei der Aufnahme von Nährstoffen frei - vor allem in jungen Jahren. Ob der Baum allerdings nach 60 Jahren noch steht oder längst abgeholzt worden ist, das könne niemand voraussagen. "Die Welt aufforsten", sagt Schulze, "das wird uns wohl nicht retten." Klima-Agenturen wie Atmosfair bieten deshalb solche Baumpflanzaktionen gar nicht erst an.

Der Kunde muss folglich genau hinschauen, für welche Klimaschutzprojekte er sein Geld ausgibt. Zu empfehlen sind etwa Aktionen nach dem Standard namens CER, was für "Certified Emission Reduction" steht und bedeutet, dass sie den strengen Richtlinien des Uno-Klimasekretariats genügen. Verwirrend ähnlich klingt jedoch das Siegel VER ("Verified Emission Reduction").

Das hört sich ebenso vertrauenswürdig an. Verifiziert wird dabei aber nach den Kriterien, die der Anbieter selbst festlegen kann. Für Dietrich Brockhagen, Geschäftsführer von Atmosfair, bedeutet das den Freifahrtschein zum Betrug: "Das ist so, als ob Sie zum TÜV fahren und dem Prüfer vorschreiben: Sie schauen aber nicht nach den Bremsen!"



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