Weltreisender Koch "Man sollte seinem Bauchgefühl folgen"

Beim Kochen ist es wie beim Reisen: Man sollte keine Angst vor Neuem haben. Das hat der Veganer und Kochbuchautor Justin P. Moore auf seinen Touren in über 50 Ländern gelernt. Und dass er lieber unpünktlich zu Einladungen erscheinen sollte.

Justin P. Moore

Zur Person
  • Ashley Ludaescher
    Justin P. Moore ist in Florida geboren und lebt seit 2001 in Berlin. Bekannt geworden ist er durch seine Kochbuch-Reihe für Veganer, "The Lotus and the Artichoke", die von seinen Reisen in fast 50 Länder inspiriert sind. Gerade ist sein drittes Kochbuch "Sri Lanka" (Ventil Verlag) erschienen.
  • Webseite Justin P. Moore
SPIEGEL ONLINE: Herr Moore, bei allen Unterschieden. Gibt es etwas, was alle Esskulturen vereint?

Moore: Interessanterweise gibt es bei allen Menschen ein Bewusstsein dafür, dass es gesundes und ungesundes Essen gibt - auch wenn sie unterschiedliche Vorstellungen davon haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie reisen und kochen seit mehr als 20 Jahren. Haben Sie denn das Gefühl, dass sich das Verhältnis zum Essen geändert hat?

Moore: Definitiv. Im Westen wächst das Verständnis für gesundes Essen. Viele versuchen, sich bewusster zu ernähren, zum Beispiel vegetarisch oder vegan. In Entwicklungsländern allerdings gibt es einen anderen Trend. In Indien oder China isst die wachsende Mittelschicht viel Fast Food und viel Fleisch. Das gilt als Zeichen für Wohlstand.

SPIEGEL ONLINE: Sind Bildung und Essgewohnheiten eng miteinander verknüpft?

Moore: Ja, aber die Art und Weise, wie und was man isst, ist auch geprägt von der finanziellen Situation. Für manche Familien ist es naheliegender, günstig beim Imbiss zu essen, als in einen Bioladen zu gehen und selber zu kochen.

SPIEGEL ONLINE: Ist gesundes Essen eine Kostenfrage?

Moore: Ein gutes, leckeres Essen muss nicht teuer sein. Aber man muss mehr Zeit in der Küche investieren. Vor allem im Westen sind wir so beschäftigt mit Job und anderen Aufgaben, dass wir nicht mehr die Muße haben, eine gute Mahlzeit vorzubereiten.

SPIEGEL ONLINE: Die Hauptmahlzeit wird zur Nebenbeschäftigung - haben Sie das Gefühl, die Kochkultur geht generell verloren?

Moore: Ich befürchte schon. Es ist viel auf schnelles Essen ausgerichtet. In Ländern, wo noch die Großfamilie zum Essen zusammenkommt, ist es leichter. Man teilt sich die Arbeit. Wenn man aber nur zu zweit oder zu dritt ist, dann ist der Aufwand groß. Trotzdem ist es für mich unverständlich, dass es viele Menschen gibt, die sich nicht in der Lage fühlen, ein einfaches Gericht zu kochen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Gebräuche und Sitten aus anderen Ländern haben Sie für sich übernommen?

Moore: Essen heißt für mich, mit allen Sinnen zu genießen. Ich esse zum Beispiel gerne mit den Händen, rieche die Speisen und lasse mir gerne Zeit beim Essen. Die Optik ist auch wichtig. Manchmal sitze ich mit meiner Familie bei Mahlzeiten auf dem Boden wie in Asien. Und: Ich komme gerne unpünktlich, wenn ich eingeladen werde.

SPIEGEL ONLINE: Warum das?

Moore: In vielen asiatischen Ländern ist es unhöflich, wenn man pünktlich erscheint. Ich zeige Respekt, wenn ich etwas später komme. Das zeigt: Ich weiß, ihr habt viel zu tun, und ich lasse euch Zeit. In Deutschland dagegen ist es sehr unhöflich, wenn man unpünktlich ist. Das bedeutet: Du respektierst meine Zeit nicht. Früher war ich immer sehr pünktlich, heute komme ich immer ein kleines bisschen zu spät.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr größter Fauxpas?

Moore: Als ich Student war, hat mich die Familie eines vietnamesischen Freundes zum Essen eingeladen. Sie hat rund 20 verschiedene Gerichte aufgetischt. Ich war so begeistert und aufgeregt, dass ich mir den Teller vollgeladen habe, bis ich gemerkt habe, dass sich alle nur ganz kleine Portionen genommen hatten. Es gab Gelächter und Tuscheln am Tisch, und mein Freund lief rot an. Ich dachte, dass ich mein großes Interesse am Essen bekundet hatte, aber anscheinend wirkte es gierig.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Gebräuche oder Essgewohnheiten, mit denen Sie sich trotz aller Offenheit nicht anfreunden können?

Moore: Ich liebe die asiatische Küche, aber als ich das erste Mal in China war, gab es beim Hotelbuffet nur herzhafte, warme Speisen wie gedünstetes Gemüse oder Fisch zum Frühstück. Keine Spur von Toast, Saft oder Müsli. Das hat mich damals schockiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Veganer. In welchem Land hatten Sie die meisten Schwierigkeiten, sich zu vegan zu ernähren?

Moore: Eigentlich habe ich generell keine Probleme, etwas Leckeres zu finden. Ich versuche auch im Ausland viel selber zu kochen, und in Super- oder Wochenmärkten findet man immer tolle Zutaten. Aber in Marokko hatte ich keine Küche und kam auch mit meinen Sprachfähigkeiten nicht weit. Und nach zwei Wochen Tajine und Couscous wurde es etwas eintönig.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie vor auf Reisen? Klopfen Sie an die Küchentür in Restaurants und fragen: Darf ich mal schauen?

Moore: Ja, genau so. Viele trauen sich das nicht, aber ich habe keine Probleme, Leute anzusprechen und zu sagen: 'Ich interessiere mich für eure Art zu kochen.' In Europas Restaurants sind sie oft anfangs skeptisch, aber ich habe fast nur gute Erfahrungen gemacht. In Sri Lanka war ich in rund 30 Küchen. Die haben mir alles gezeigt und manchmal extra etwas für meinen kleinen Sohn gekocht. In Mexiko und Indien habe ich viel bei Familien zu Hause gegessen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit den Hygienestandards in den verschiedenen Ländern um?

Moore: In manchen Ländern muss man beim Leitungswasser, Straßenverkäufen und Restaurants aufpassen. Eine meiner Grundregeln ist: Ich trinke Wasser aus Flaschen und nehme auch kein Leitungswasser zum Zähneputzen. Das macht einen großen Unterschied. Auch eine einfache Regel: Wenn ich mehr als 500 Kilometer gereist bin, esse ich am nächsten Tag nur Dinge, die ich kenne.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie aus den vielen Reisen und Erfahrungen gelernt?

Moore: Wir denken immer, dass unsere Essgewohnheiten sehr festgelegt sind. Meistens dauert es aber kaum eine Woche, dann hat man sich an die neue Umgebung angepasst. Gerade wenn man nicht am Üblichen festhalten kann und man improvisieren muss, wird es interessant. Man darf keine zu große Angst vor dem Neuen haben und sollte sich mit den Menschen austauschen. Offen und respektvoll sein. Beim Reisen ist es wie beim Kochen: Man sollte seinem Bauchgefühl folgen.

Das Interview führte Frank Joung



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Khaled 23.11.2015
1. Langsam wird es langweilig
Langsam wird es langweilig mit den Vegan-Themen bei SPON. Es ist inzwischen hinlänglich bekannt, dass es einige Menschen gibt, die sich so ernähren. Es ist aber auch hinlänglich bekannt, dass entgegen landläufiger Vorurteile Fleischgenuss NICHT ungesund ist (evtl. einfach bei den Eskimos nachfragen). Wer sich vegan ernährt, tut dies weil er eine neue Religion gefunden hat, aber hoffentlich nicht aus gesundheitlichen Erwägungen, denn dann befände er sich auf dem Holzweg.
pigtime 23.11.2015
2.
Zitat von KhaledLangsam wird es langweilig mit den Vegan-Themen bei SPON. Es ist inzwischen hinlänglich bekannt, dass es einige Menschen gibt, die sich so ernähren. Es ist aber auch hinlänglich bekannt, dass entgegen landläufiger Vorurteile Fleischgenuss NICHT ungesund ist (evtl. einfach bei den Eskimos nachfragen). Wer sich vegan ernährt, tut dies weil er eine neue Religion gefunden hat, aber hoffentlich nicht aus gesundheitlichen Erwägungen, denn dann befände er sich auf dem Holzweg.
Also die indigenen Nordvölker sterben im Schnitt 10 Jahre früher als wir! Grüße von einem Fleischesser
alex-555 23.11.2015
3. Vegan-na und!?
Ich empfinde diesen Artikel nicht als vordergründig vegan, sondern als weltoffen, interessiert... Warum Fleischesser oft so schnell empfindlich reagieren..??
kloppskalli 23.11.2015
4. Fruehstueck
ist es irgendwann mal hinterfragt worden, ob Fruehstueck wirklich aus suessem Saft und schnell verdaulichem Toast oder Muesli bestehen muss? Ich esse sowas nie zum fruehstueck - mir waere die kueche in China sehr entgegengekommen ... " herzhafte, warme Speisen wie gedünstetes Gemüse oder Fisch zum Frühstück." klingt SUPER und gesund!
yuppieo 23.11.2015
5.
Jemand der bei einem Frühstück das nicht aus Saft, Toast und Müsli (ach wie gesund.... *ironie off) geschockt reagiert, der hat wahrlich einen kleinen kulinarischen Horizont! Nichts tolleres als in Asien zu frühstücken: Curries, Suppen, Teigtäschchen.... und, und und. Dazu Früchte. Besser geht es gar nicht! In Summe leider ein schwacher Artikel ohne sittlichen Nährwert.
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