Kreuzfahrt-Boom: Reedereien sehen keine Grenzen für Wachstum

Die Nachfrage nach Schiffsreisen steigt weiter, ein Ozeanriese nach dem anderen feiert seine Taufe: Nach einer Studie ist ein Ende des Kreuzfahrtbooms nicht in Sicht - trotz des Costa-Unglücks. Die Reedereien können mit immer differenzierteren Angeboten neue Zielgruppen erschließen.

"Disney Fantasy" auf der Ems: Das amerikanische Schiff geht Ende März auf Jungfernfahrt Zur Großansicht
dapd

"Disney Fantasy" auf der Ems: Das amerikanische Schiff geht Ende März auf Jungfernfahrt

Berlin - "Aidamar", "Carnival Breeze", "Celebrity Reflection", "Costa Fascinosa", "Disney Fantasy", "Riviera", "MSC Divina" - allein in diesem Jahr werden sieben neue Ozeanriesen vom Stapel laufen. Das Angebot wächst und wächst. Doch wächst auch die Nachfrage? Für das zurückliegende Jahr kann diese Frage uneingeschränkt mit Ja beantwortet werden.

Rund 1,8 Millionen Bundesbürger verbrachten 2011 ihren Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff. Das ist ein Plus von zwölf Prozent, wie die Analyse des Deutschen Reiseverbands (DRV) ergab, die auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin vorgestellt wurde. Auf das Hochseesegment entfielen dabei 1,4 Millionen Urlauber, auf Flusskreuzfahrten rund 460.000 Gäste.

Andererseits verunglückte die "Costa Concordia" erst Mitte Januar vor der Insel Giglio; der Mutterkonzern Carnival Cruises berichtete jüngst von massiven Umsatzeinbußen, und auch bei Royal Caribbean haben sich die Buchungen noch nicht wieder normalisiert. Die deutschen Reedereien wollen davon jedoch noch nichts zu spüren bekommen haben.

"Die Buchungen laufen weiterhin sehr gut, unsere Schiffe sind voll", sagt zum Beispiel Hansjörg Kunze, Sprecher von Aida Cruises. "Die Lage ist gut, wir sind zufrieden. Das Unglück hat sich bei uns nicht bemerkbar gemacht", erklärt Sebastian Ahrens, Sprecher der Geschäftsführung von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten. Alexa Hüner, Sprecherin von TUI Cruises hat ebenfalls noch keine Auswirkungen festgestellt: "In der laufenden Saison gibt es noch keine Rückgänge."

Interesse nach Costa-Unglück zunächst geringer

Tourismusforscher Martin Lohmann, Autor der Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reise (FUR), meldet da zumindest leise Zweifel an. Im Vergleich von Januar 2011 zu Januar 2012 ist nach seiner Analyse die Zahl der an einer Kreuzfahrt interessierten Bundesbürger von 15 auf 14 Prozent gesunken. Das allein ist wahrlich noch kein signifikanter Rückgang. Doch da die Daten für die Reiseanalyse just rund um das Costa-Unglück erhoben wurden, lässt sich Interessantes aufzeigen: "Vor dem Unglück lag das Interesse bei 17 Prozent, nach dem Unglück nur noch bei 11 Prozent", so Lohmann.

Doch auch der Tourismusforscher sieht keinen langfristigen Schaden für die Kreuzfahrtbranche. "Das Unglück wird am Boom nichts ändern", so Lohmann, der nur von einem "vorübergehenden Dämpfer" spricht. "Die Ereignisse der vergangenen Wochen werden uns nicht vom Weg abbringen", zeigte sich TUI-Cruises-Chef Richard J. Vogel auf der ITB ebenfalls überzeugt. "Wir fürchten keinen Imageschaden, wir müssen aber unsere Hausaufgaben in Sachen Sicherheit machen", glaubt Aida-Sprecher Kunze.

Bei Aida und TUI Cruises haben die Verantwortlichen auf die Sicherheitsdebatte vor allem mit einer Maßnahme reagiert: Die Rettungsübungen wurden nach vorne verlegt und werden nun bereits vor dem Auslaufen gemacht. "Die bestehenden Sicherheitsvorschriften werden ernster genommen", hat auch Lohmann beobachtet.

Insgesamt hat die Branche jedoch relativ wenig Nachfragen zum Thema Sicherheit beobachtet. "Nicht auffällig mehr", meldet Ahrens. "Wir haben zum Thema Sicherheit intensiv kommuniziert, aber mittlerweile fragt kaum noch jemand nach", so Kunze. Gerade einmal noch zwei konkrete Anfragen unter 3800 Anrufern habe es in der vergangenen Woche gegeben. Auch TUI-Cruises-Sprecherin Hüner hat "keine übermäßigen Reaktionen" der Gäste bemerkt.

"Keine Grenzen des Wachstums"

Langfristig sehen die Verantwortlichen keinen Imageschaden. Wird das Wachstum also weitergehen? Die Autoren der DRV-Studie sehen großes Potential. 9,9 Millionen Menschen können sich einen Urlaub auf See in den kommenden ein oder zwei Jahren vorstellen. Davon waren 86,9 Prozent noch nie auf einem Kreuzfahrtschiff.

Die Bäume könnten in den Himmel wachsen. Das glauben zumindest die Kreuzfahrtmanager. "Wenn man sich anschaut, wie viele Leute noch keine Kreuzfahrt gemacht haben, sehe ich keine Grenze des Wachstums", sagte TUI-Cruises-Chef Vogel auf der ITB. "Wir sind erst am Anfang."

In einer Studie wollten die deutschen Reedereien herausfinden, warum die Urlaubsart derzeit so boomt. Zentrales Ergebnis: Die Urlaubsbedürfnisse der Deutschen werden bei einer Kreuzfahrt am besten befriedigt. "Kreuzfahrer sind die glücklicheren Urlauber", fasst es Ahrens zusammen, der auch Vorsitzender des DRV-Arbeitskreises Schiff ist. Besonders bei den Urlaubsmotiven "Fremde Länder und Kulturen entdecken" sowie "Entspannung und Erholung" punktet die Kreuzfahrt. "Das zeigt, dass das Wachstum der Branche nicht nur durch immer mehr Kapazitäten getrieben ist, die dann verramscht werden", so Ahrens.

Eine der Triebfedern des Wachstums ist in den Augen von Martin Lohmann die zunehmende Vielfalt an Kreuzfahrtangeboten, die einhergeht mit der zunehmenden Zahl an Schiffen. "Es werden immer neue Zielgruppen angesprochen - entweder indem besondere Regionen der Welt angesteuert, besondere Bordunterhaltung oder Aktivitäten an Land geboten werden."

Mittelmeer am beliebtesten

So gibt es mittlerweile spezielle Themenkreuzfahrten für Golfer oder Reiter, ganze Partyschiffe legen nur mit Schwulen und Lesben an Bord ab, mit Eisbrechern geht es auf Arktisexpedition, speziell ausgerüstete Schiffe werben um chronisch Kranke, die zum Beispiel an Bord ihre Dialyse machen lassen können. Flussreisen führen nicht mehr nur nach Wien oder Koblenz, sondern auch auf den Senegal-Fluss oder den Murray-River in Australien.

Auch Ahrens hat in den vergangenen Jahren eine große Spezialisierung auf Kreuzfahrtschiffen festgestellt, schränkt jedoch ein: "Das ist nicht unbedingt eine Errungenschaft der Kreuzfahrten. Das, was es an Land schon länger gibt, wird nun auf das Wasser übertragen."

Wenig verändert hat sich in den vergangenen Jahren bei den beliebtesten Reiserouten. Mit Abstand am gefragtesten war laut DRV-Analyse das westliche Mittelmeer. 270.420 Passagiere verzeichnet die Studie dort. Auf den weiteren Plätzen folgen das Nordland, das östliche Mittelmeer, die Kanarischen Inseln und die Karibik. Bei Flusskreuzfahrten bleibt die Donau am beliebtesten. Dahinter hat der Nil den Rhein überholt. Durch die Öffnung des Nils bis Kairo erhofft sich das Land einen weiteren Boom bei Flusskreuzfahrten.

abl/dpa

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1. Wie schon Einstein sagte
exminer 09.03.2012
die Grenzen und die Geltungsbereiche.
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