Kreuzfahrten: Show ahoi!

Von Jörg Böckem und

2. Teil: Ständig Showtime, rund um die Uhr, zu jeder Jahreszeit

Kreuzfahrtschiffe: Showtime rund um die Uhr Fotos
SPIEGEL ONLINE

"Ich will hier vor allem ausspannen", sagt Bruce, ein kahlköpfiger, schon am Nachmittag ziemlich betrunkener Schotte, der als Ingenieur für eine Ölfirma arbeitet. Er sitzt im Whirlpool auf Deck 12. Die Sonne scheint durch einen Nebelschleier, die Lufttemperatur beträgt 15 Grad Celsius. Bruce ficht das nicht an. Er sei Hobbymusiker, sagt er, und schwärmt vom filigranen Spiel des philippinischen Gitarristen, der auf dem Bühnenpodest gleich neben den Pools zusammen mit seinen Bandkollegen in tinnitusverdächtiger Lautstärke "La Bamba" anstimmt. Dann bestellt er das nächste Bier bei einem der Sonnendeck-Kellner.

Dave ist ein Kanadier mit schütterem Haar und hat den Rest des Tages schon verplant. "Heute müssen wir unbedingt in die erste Vorstellung", sagt er. Auf der Bühne des "Stardust Theaters" tritt an diesem Abend das Duo "Flash and Fever" auf, die erste Vorstellung ist um 19.30 Uhr, danach will Dave die Beatles-Hits hören, die von der Bord-Band "Sound Bytes" in der Spinnaker Lounge am Bug des Schiffes geboten werden. Zu Hause gehe er nie ins Theater oder ins Konzert, sagt Dave. "Ich bin eher der Sofa-Typ." Auf Kreuzfahrten, diese ist seine fünfte, holten er und seine Frau das eifrig nach: "Hier schauen wir uns möglichst jede Show an."

Das Live-Programm an Bord kann den willigen Kulturkonsumenten in Stress versetzen: Neben zwei Vorstellungen im "Stardust Theater" und dem Beatles-Tribute-Konzert gibt es Klaviermusik um 13.15 Uhr, Gitarrenmusik um 16.30 Uhr und um 20 Uhr, Piano-Pop um 18.30 Uhr, Tanzhits um 19.45 Uhr, Rhythmen für Gesellschaftstanz ab 20.15 Uhr und "spritzige Songs und Unterhaltung" ab 21.15 Uhr. Und zwischendurch können Kunstfreunde bei einer der täglichen Kunstauktionen in der Pianobar mitschiffs Gemälde bedeutender Künstler erwerben.

Der Auktionator der US-Firma Park West Experience, die auch eine Galerie an Bord betreibt, heißt Dan Dupont. Er ist dünn und smart und redet viel und schnell, ein Crash-Kurs in Sachen Kunstmarkt, in dem Worte wie "Provenienz" und "Wertsteigerung" die Hauptrolle spielen. Dupont preist die Werke eines späten Pop-art-Künstlers namens Peter Max, der viele knallbunte und ziemlich scheußliche Freiheitsstatuen gemalt hat. Ein großes Freiheitsstatuengemälde geht für 14.000 Dollar weg, eine US-Flagge für 10.000 Dollar, allesamt Schnäppchen, wie der Auktionator versichert. Keiner der Käufer, die hier in diversen Auktionsstunden Hunderttausende Dollar ausgeben und auch Skizzen von Marc Chagall und Rembrandt erwerben, macht den Eindruck, als verbringe er an Land viel Zeit in Gemäldegalerien.

Klassik-, Indierock- und Heavy-Metal-Kreuzfahrten

In der Parallelwelt der Schiffsreisen gedeihen viele Showgeschäfte: Es gibt Klassik-, Indierock- und Heavy-Metal-Kreuzfahrten, man kann Techno-Schiffe buchen und Gesangswettbewerbe auf See; und neben 3-D-Kinos und Casinos begeistern offenbar gerade Prominente an Bord besonders viele Touristen.

Mal treten die Wiener Symphoniker auf, mal Stars des "Musikantenstadls", hier Montserrat Caballé oder Harald Schmidt, dort Roberto Blanco oder Udo Jürgens. Als die TUI 2010 ihren "Rockliner" anbot, eine Schiffstour-Kooperation mit Udo Lindenberg samt Live-Auftritten des Altrockers und Gaststars wie Jan Delay und Nina Hagen, war der Trip innerhalb von vier Tagen ausverkauft.

In dieser Saison präsentiert der Großschiffkonzern Aida unter anderem den Künstler James Rizzi auf einer "Themenreise Kunst", Malen vor Publikum inklusive. Die Reederei Ponant wirbt für eine Opernfestival-Tour namens "Et vogue l'Opéra". Und die Norwegian Cruise Line hat für ihr gerade vom Stapel gelassenes Premium-Schiff "Norwegian Epic", das 4100 Passagieren Platz bietet, exklusiv einen Ableger des Erfolgsspektakels "Blue Man Group" engagiert. Irgendwo auf den Weltmeeren ist ständig Showtime, rund um die Uhr und zu jeder Jahreszeit.

Auf der kleineren, aber auch feineren "Europa", die für Hapag Lloyd über die Meere schippert, sind schon seit vielen Jahren bedeutende Kulturmenschen als Bord-Entertainer im Einsatz. "Die Passagiere sind meist vollkommen konzentriert, und sie kommen überraschend zahlreich", sagt die Schauspielerin Senta Berger, die auf der "Europa" aus Büchern berühmter Autoren gelesen hat und aus ihrer eigenen Biografie. "Viele Zuhörer entdecken auf so einer Reise Literatur, zu deren Lektüre sie in ihrem Leben noch nicht gekommen sind."

Insgesamt dreimal ist Senta Berger mit ihrem Mann, dem Filmregisseur Michael Verhoeven, auf der "Europa" gereist. Sie habe die Zeit dort genossen und interessante Menschen getroffen, sagt sie, "viele sind im Kopf sehr jung und neugierig".

"Man wird an Bord aus dem eigenen Kunstghetto herausgezerrt"

Der Schriftsteller Matthias Politycki hat genau 184 Tage auf der "Europa" zugebracht, zwischen November 2006 und Mai 2007. Als "writer in non residence", auf Einladung der Reederei. Politycki hat während seiner Weltreise ein Buch geschrieben und mehr als ein Dutzend Lesungen abgehalten. Über sein Publikum sagt er: "Auf solch einem Luxusliner machen nicht vornehmlich Bildungsbürger Urlaub, sondern all die, die sich's leisten können.

Aber auch Multimillionäre interessieren sich mitunter für Literatur - einige kamen sogar zu allen 13 Lesungen." Und für viele der mitreisenden Künstler habe sich die Tour auch in anderer Hinsicht gelohnt. "Man wird an Bord ganz zwangsläufig aus dem eigenen Kunstghetto herausgezerrt", sagt der Autor. Polityckis satirischer Reiseroman "In 180 Tagen um die Welt" ist ein Bestseller. Zu den Gastspielen auf der "Europa", die er schildert, gehört das einer Gruppe von Tenören, über die es heißt: "Tenöre sind männliche Blondinen."

Der Bandleader Timmi Timmermann kennt all das aus der Nähe. Er hat 1987 erstmals auf einem Kreuzfahrtschiff musiziert, bald darauf wurde er mit seiner Band, den Evergreen Juniors, zum ersten Mal auf die "Europa" engagiert. Er ist in den vergangenen 20 Jahren oft an Bord gewesen, meistens für sechs bis acht Wochen, kaum länger, denn "wenn man ausschließlich auf See ist", glaubt er, "dann findet künstlerisch keine Entwicklung mehr statt".

Timmi Timmermann sagt, das Geschäft habe sich verändert in den Jahren. Die Tanzleidenschaft der Passagiere habe nachgelassen, neue Attraktionen seien dazugekommen. Eine Regel aber sei gleich geblieben, sagt Timmermann: "Der Passagier darf alles, er darf sich bloß nicht langweilen."

Der "Jade"-Hotelmanager Armando Da Silva hat eine Zukunftsvision: "Für unsere Gäste werden mehr und mehr die Schiffe selber das Ziel und nicht die Häfen, die wir anlaufen. Falls es in einigen Jahren noch mehr Krisen gibt in der Welt, werden Kreuzfahrtschiffe kaum mehr anlegen, sondern nur draußen auf dem Ozean kreuzen, ohne Kontakt zur Außenwelt." Schon heute, sagt Da Silva, würde ein beträchtlicher Teil der Passagiere das Schiff in den Häfen nicht verlassen. "Die möchten hier einen Urlaub lang alle Katastrophen vergessen, bevor sie in die Realität zurückkehren."

Und sollte es eines Tages gelingen, die Welt da draußen an Land ganz abzuschaffen: Man darf es sich als endgültigen Triumph des Kreuzfahrt-Entertainments vorstellen.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Abschalten
satissa 04.04.2011
Zitat von sysopNirgendwo knallt Kultur schöner als auf Kreuzfahrtschiffen. Und nirgendwo ist das Publikum dankbarer. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,753785,00.html
Irgendwie scheinen die Leute begriffen zu haben, dass mit solchen Bildern ja nur Quote gemacht werden soll. Insofern haben Sie recht mit der Aussage "Bildern aus einer anderen Welt". Auch der Spiegel traegt seinen Teil dazu bei, die Qualitaet der Berichterstattung nach untern zu ziehen, Beispiel: Spiegel wirft die Herrscher in Bahrain und Libyen in einen Topf.
2. Kreuzfahrten sind...
fatherted98 04.04.2011
...der Gipfel westlicher Dekadenz. Saufen, fressen, nicht bewegen und sich von vorn bis hinten durch unterbezahlte Angestellte bedienen lassen...es fehlt nur noch das wir aus Umweltgründen eine Art Luxusgallere einführen auf denen dann die Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika rudern dürfen....bähhh.
3. Nirgendwo, ...
Durruti100, 04.04.2011
Zitat von sysopNirgendwo knallt Kultur schöner als auf Kreuzfahrtschiffen. Und nirgendwo ist das Publikum dankbarer. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,753785,00.html
... ausser im SPON, hält man Kreuzfahrt-Berieselungsprogramme für "Kultur". Peinlich!
4. Toll & Teuer - leider rauchfrei
Jonny_C 04.04.2011
Die ersten 3 Tage auf unserer Kreuzfahrt fanden wir spannend, (Schiff erkunden) und sehr unterhaltsam (Shows) und haben auch das wirklich gute Essen und den Service genossen..... Dann wurde es langweilig, und lästig wegen jeder Zigarette an Deck zu müssen, und das ewige Umziehen zum Essen. ;-) Da wurden die Landausflüge für uns zur wahren Erholung. Es war toll, es war teuer, wir haben es 1x gemacht, müssen es aber nicht nochmal haben. Trotzdem möchte ich das Erlebnis und die Erfahrung nicht missen. Wer es sich finanziell leisten kann der sollte es ausprobieren.
5. Umweltpolitisch vielleicht nicht korrekt, aber mehr als legitim.
lenitas 04.04.2011
Vielleicht ist ein Luxushotel genauso schädlich? Weiß ich nicht. Jedenfalls finde ich es nur gut, dass Kultur produziert und konsumiert wird. Besser als Glotze im Hotelzimmer oder saufen am Strand. Ich hätte Lust auf viele der Angebote: Gitarre, Geige Klavier live - herrlich. Was für eine Chance für unbekannte Künstler. Und es ist gut, wenn Menschen ihr Geld in Kultur und Unterhaltung stecken, statt in den nächsten Fonds. Auf meiner einzigen Kreufahrt ging die Turbine kaputt, die Mannschaft einschließlich Ärztin waren seekrank, das Schiff war nur halb fertig eingerichtet und die Heimfahrt war per Bus. Da es ein Schnäppchen war, war es lustig.
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