Kreuzfahrtriese "Mein Schiff" Meerblick aus der Überschau Bar

Hamburg feiert einen Neuzugang in der Schiffsbranche: Das erste Kreuzfahrtschiff von TUI Cruises wird auf den Namen "Mein Schiff" getauft. Während der umgebaute Ozean-Liner mit zeitgemäßem Design überzeugt, sorgen sprachliche Spielereien an Bord für Irritation.

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Mein Haus, mein Auto - mein Schiff. Mein Schiff? "Mein Schiff"! Der zukünftige Name des Neuzugangs der deutschen Kreuzfahrtszene gibt Anlass zu Witzeleien ("Wo ist bloß mein Schiff?", werden verirrte Landgänger fragen) und Verwirrungen grammatikalischer Art ("Wir fahren mit der 'Mein Schiff'").

So simpel gestrickt wie sein Taufname ist das erste Kreuzfahrtschiff von TUI Cruises, das am Donnerstag in Hamburg festgemacht hat, zum Glück nicht. Der in hanseatisches Dunkelblau-Weiß getauchte Gigant ruht am Kai des Cruise Center in der Hafencity und harrt seiner Taufe am Freitagabend. Vor und nach dem Schampusbad sollen Nordlichter wie Udo Lindenberg, Jan Delay und Ina Müller für Waterkant-Stimmung und der russische Opernstar Anna Netrebko für den nötigen Schmalz sorgen. Mit dem Heck zur Nase der neuen Konkurrenz hat die kleinere "Aidacara" eingeparkt, die ihre Gäste gerade zur Hansestadt-Visite entlässt.

14 Decks, 962 Kabinen, zehn Restaurants und Bistros, 13 Bars und Lounges, dazu ein 1000-Plätze-Theater und 1700 Quadratmeter Wellness-Bereich mit einer Sauna der Superlative - die "Mein Schiff" ist raummäßig das größte Kreuzfahrtschiff auf dem deutschen Markt, wenn auch andere mehr als seine maximal 1914 Passagiere befördern. Als der 264 Meter lange Ozeandampfer im Jahr 1996 als "Galaxy" aus der Meyer Werft in Papenburg fuhr, war er sogar das größte Kreuzfahrtschiff, das je in Deutschland gebaut wurde.

Um schnellstmöglich in die boomende Branche einzusteigen, setzte TUI Cruises, ein Joint Venture des Touristikkonzerns TUI und der US-Reederei Royal Caribbean (RCCL), auf ein Schiff aus dem Bestand der Amerikaner. Nur ein Jahr nach der Gründung des Start-ups wird die "Galaxy", die jahrelang für die RCCL-Tochter Celebrity Cruises unterwegs war, zu ihrer Jungfernfahrt ins Baltikum aufbrechen - ein Neubau hätte drei Jahre gedauert.

Melange aus Alt und Neu

Der rasante Umbau in nur 38 Tagen, für den insgesamt 50 Millionen Euro ausgegeben wurden, war eine große Herausforderung für die Ingenieure und Innenarchitekten: "Die Frage war immer, was muss aus Kostengründen erhalten werden, was kann raus", sagt der Hamburger Innenarchitekt Ralf Claussen. Das Ergebnis: eine angenehme Melange aus Alt und Neu, aus lichten Buchenfurnieren und weißen Sessellandschaften, aus Messinghandläufen und LCD-Bildschirmen, über die Szenen aus Aquarien und Stränden flimmern. Der 46-jährige Claussen, Mitinhaber des Büros CM-Design, sagt: "Wir haben weitgehend versucht, die Farbe Blau zu vermeiden, und eher erdige Töne wie Braun und Beige verwendet."

Claussens Lieblingskind ist zugleich das Zentrum des Schiffes: Mittig auf Deck sechs liegt die TUI Bar, deren Stil bestimmend für die angekündigten zwei weiteren TUI-Cruises-Schiffe sein soll: ganz in Weiß und je nach Einstellung in grünes, blaues oder rotes Licht getaucht. Die hochglänzende Theke selber bildet eine Art Seestern und mäandert in großen Bögen durch den Raum. Die Handschrift des Hamburger Büros ist auch in der sich über drei Decks erstreckenden Blaue Welt Bar und der X-Lounge zu erkennen, der Lümmelwiese auf Deck zwölf mit bunten Fat-Boy-Sitzsäcken und erdfarbenen Polstern auf dem Boden.

Gediegener wirken dagegen das edlere Gourmetrestaurant Richard's, das Steak-House Surf & Turf mit viel dunklem Holz und das Service-Restaurant Anckelmannsplatz. Eine besondere Atmosphäre schaffen im großen Hauptrestaurant Atlantik die über zwei Decks ragenden Panoramafenster, aus denen die Gäste aus dem Heck des Schiffes blicken können - am Donnerstag direkt auf den Hafenbetrieb an der Elbe.

Richard Vogels Lieblingsplatz ist dagegen weniger spektakulär: Der TUI-Cruises-Geschäftsführer genießt die "komplett ungehinderte" Aussicht hinter dem Casino "Spielplatz" achtern auf Deck sieben. Die Aussichten für sein erstes Schiff hält Vogel trotz Finanzkrise und Reisezurückhaltung für vielversprechend: "Wir glauben an das Potential des deutschen Marktes und an die langfristigen Chancen."

Immerhin - das Ergebnis der jüngsten Kreuzfahrtstudie klang verheißungsvoll: Die Zahl der deutschen Hochseekreuzfahrer sei im vergangenen Jahr um fast 19 Prozent auf über 906.000 gestiegen, verkündete der Deutsche Reiseverband im März. Während die Quote der deutschen Kreuzfahrer an der Gesamtbevölkerung bei knapp über einem Prozent liegt, sind es auf etablierteren Märkten wie den USA bis zu 3,5 Prozent - noch viel Luft für deutsche Reedereien.

Experte: Überkapazitäten und Preisverfall drohen

Doch die schöne bunte Urlaubswelt auf den Meeren könnte demnächst in Stürme geraten. "Ich frage mich, warum immer noch neue Schiffe gebaut werden", sagt der Kreuzfahrtexperte und Unternehmensberater Alexander Möbius. Er zweifelt an der Wirtschaftlichkeit der Riesenschiffe: Schon jetzt können US-Reedereien ihre Kosten nicht mit den Erträgen aus Ticketverkäufen decken. Das Geschäft wird über zusätzliche Einnahmen an Bord gemacht, in Bars, Casinos und mit Landausflügen.

"Mein Schiff" von TUI Cruises

Bauwerft Meyer Werft GmbH
Indienststellung 1996
Länge 263,9 Meter
Breite 32,2 Meter
Tiefgang 8,3 Meter
BRT 77.713
Antriebsleistung 31.500 kW
Geschwindigkeit 21.5 Knoten
Passagierkabinen 962
Passagiere max. 1914
Crew-Mitglieder circa 780

Quelle: TUI Cruises

Auch auf den deutschen Markt würden Überkapazitäten zukommen, da amerikanische Unternehmen und die global agierenden Reedereien MSC und Costa in Italien aus ihren schwächelnden Heimatmärkten flüchteten und nach Deutschland drängen. "Den Preisverfall zu stoppen, der schon seit Jahren im Gange ist, das ist die größte Herausforderung der Branche", sagt Möbius.

Wie Vogel hält auch die Konkurrenz Aida Cruises trotz globaler Finanzkrise die Zeiten noch für rosig. Zwar buchten die Gäste kurzfristiger, sagte Unternehmenssprecher Hansjörg Kruse, aber die Nachfrage sei nach wie vor stark. Die sechs Schiffe seien zu mehr als 90 Prozent ausgelastet, und an den drei Neubauten der nächsten Jahre werde festgehalten.

Gelassen sieht die Rostocker Reederei die neue Konkurrenz durch "Mein Schiff": "Jedes neue Angebot wird helfen, den Markt weiterzuentwickeln und noch mehr Urlauber für Kreuzfahrten zu interessieren" - in der deutschen Branche gebe es momentan eher noch zu wenig Kapazitäten. Und die Bandbreite des Angebots ist groß, vom Fünf-Sterne-plus-Schiff "Europa" der TUI-Cruises-Schwester Hapag-Lloyd Kreuzfahrten über die Clubschiffe von Aida Cruises bis zum Billig-Kreuzen mit der "Athena" von Phoenix Reisen.

TUI Cruises sucht mit seinem Vier-Sterne-plus-Schiff die Nische: "Wir glauben, dass wir uns mit unserem Produkt zwischen Clubschiff und traditionelle Schiffe gesetzt haben", sagte Richard Vogel. Mit viel Platz- und Raumangebot, viel Service statt Selbstbedienung und einem klassischen Theater will der ehemalige Aida-Cruise-Manager die Gutverdiener zwischen 40 und 55 ansprechen und gegenüber den Rostockern punkten.

Diese geben sich auch hier hanseatisch zurückhaltend: "Wir warten erst mal ab, wie das Schiff ankommt", sagt Sprecher Kunze. Experte Möbius, ein ehemaliger Aida-Berater, kann bisher noch keine innovativen Neuheiten bei "Mein Schiff" erkennen.

Freie Assoziationen zu Meer, Sonne und Kreuzfahrt

Überrascht hat die Branche jedoch der ungewöhnliche Name des Täuflings - zu dem das Unternehmen nach wie vor tapfer steht. "Mein Schiff" habe bei einem Wettbewerb, der immerhin 30.000 Vorschläge erbracht hat, die meiste Zustimmung gehabt. "Das ist Ihr Schiff", versucht Vogel im Katalogvorwort eine emotionale Verbundenheit mit seinen Kunden herzustellen, "sagen Sie es ruhig einmal laut: 'Mein Schiff'. Klingt gut, oder?" Der Schiffsname sei deutsch, "konzeptkonform" - und zudem einzigartig. Kein Wunder, so viel Mut zur Lücke hat bisher noch kein Schiffsnamen-Erfinder aufgebracht.

Noch emotionalisierender, aber ebenso wenig überzeugend überzog die Hamburger Agentur gürtlerbachmann die Außenhaut des Schiffes mit einer Sammlung von freien Assoziationen: mit Schriftzügen wie "Sternenhimmel", "Mitternachtssonne", "Sonnenaufgang", aber auch "wohlfühlen", "neue Freunde" und "fliegende Fische".

Leichter sind da schon die Verirrungen bei der Namensgebung der Decks, Bars und Restaurants zu erklären - die sollen in einer abendlichen Brainstorming-Sitzung der TUI-Cruises-Gründungsmannschaft entstanden sein: Abtanz Bar, Überschau Bar und Unverzicht Bar laden zum Absacker, die Nasch Bar offeriert Desserts und die Netz Bar den Internet-Anschluss. Dass der Name des Gourmetrestaurants Richard's auf Deck sieben ein Diener vor den CEOs von TUI Cruises (Richard Vogel) und Royal Caribbean (Richard D. Fain) sein soll, ist dagegen wohl wirklich ein Gerücht.

"Mein Schiff"-Taufe am 15. Mai in Hamburg

16 Uhr Feier auf dem Fischmarkt
20 Uhr Ablegen am Cruise Terminal am Grasbrook, Fahrt zur Fischauktionshalle am Fischmarkt
21 Uhr Aqua Show, Anna Netrebko singt Schiffshymne "Ocean of Love"
21.15 Uhr Taufe mit Ina Müller
21.20 Uhr Solo Udo Lindenberg
21.25 Uhr Duett Udo Lindenberg und Jan Delay
21.35 Uhr Verabschiedung mit Goldregen und Ständchen der Besucher, Start der Jungfernfahrt in Richtung Nordsee
21.45 Uhr Gratiskonzert Jan Delay und Disko No. 1 am Fischmarkt

Quelle: TUI Cruises



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Wolfgang Jung 15.05.2009
1. Spießig
Solange dieser leidige "Trinkgeldbriefumschlag" (bis 15% des Reisepreises) weiter "üblich" bleibt, sehe ich nichts Neues. Den Namen "Mein Schiff" finde ich anbiedernd spießig.
fabchief, 15.05.2009
2. Namensgebung
Ich finde den Namen sogar recht orginell, auch die Bezeichnungen für die Bars/Restaurants finde ich ansprechend. Verstehe ehrlich gesagt nicht, warum der Autor so darauf rumreiten musste.
Mocs, 15.05.2009
3. Ökologischer Wahnsinn
Die Grundaussage "Eine Schiffsreise ist umweltfreundlicher als eine Flugreise" wird durch die Gesamtkonzeption von Kreuzfahrern (sinnloses Herumfahren unter massivem Ressourcenverbrauch und Schadstoffausstoss) komplett ad absurdum geführt. In einer umweltbewussten Gesellschaft sollte diese "Kreuzfahrererei", ebenso wie Flugreisen, keine Akzeptanz finden.
Excelsior 15.05.2009
4. Sinnloses Herumfahren?
Zitat von MocsDie Grundaussage "Eine Schiffsreise ist umweltfreundlicher als eine Flugreise" wird durch die Gesamtkonzeption von Kreuzfahrern (sinnloses Herumfahren unter massivem Ressourcenverbrauch und Schadstoffausstoss) komplett ad absurdum geführt. In einer umweltbewussten Gesellschaft sollte diese "Kreuzfahrererei", ebenso wie Flugreisen, keine Akzeptanz finden.
Sinnloses Herumfahren? Auf dem amerikanischen Markt mag das teilweise zutreffen, in Europa ist es aber glücklicherweise noch so, dass das Zielgebiet für den Reisenden durchaus eine Rolle spielt. So kann eine Nordlandkreuzfahrt durchaus eine ökologisch sinnvolle Alternative zur Nordkapreise mit dem Wohnmobil oder einem Billigflug sein. Ferner sind heute nahezu alle Kreuzfahrtreedereien sehr daran interessiert, ihre Reisen so umweltschonend wie möglich durchzuführen (siehe z.B. die Außerdienststellung sehr beliebter Tonnage in den letzten zwei Jahren oder auch die Umstellung auf umweltfreundlicheres (und teureres) Öl für den Antrieb. Sicher ist es umweltfreundlicher, gleich zuhause zu bleiben, doch das trifft auf fast alle Urlaubsformen zu!
Jürgen Emich 15.05.2009
5. Trinkgeldbriefumschlag?
Ich finde die Diskussion interessant und würde gerne mitreden, aber da wird viel fachchinesisch benutzt. Was bitte ist ein Trinkgeldbriefumschlag? Was bedeutet „Außerdienststellung sehr beliebter Tonnage“? Ich finde den Neuzugang weiterer Schiffe auf dem Kreuzfahrtmarkt interesssant, denn eines Tages wird der Preis so sein, dass auch ich bereit bin, ihn zu bezahlen. Seither hab’ ich meine Reisen lieber selbst organisiert und war stets frei, zu machen wozu ich Lust habe. Durchorganisierte Reisen habe ich stets abgelehnt.
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