Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kreuzfahrtschiff in Israel: Raketentrümmer fallen auf "Aida Diva"

Plötzlich war der Konflikt im Gazastreifen ganz nah. Die Passagiere der "Aida Diva" konnten beobachten, wie Raketentrümmer auf das Deck ihres Kreuzfahrtschiffs fielen. Die Rostocker Reederei wird den israelischen Hafen vorerst nicht mehr anlaufen.

YouTube/sauveteurs sans frontières

Rostock/Tel Aviv - Erst knallte es laut, am nächtlichen Himmel blitzte es hell auf. Dann fielen Metallteile auf das Kreuzfahrtschiff "Aida Diva", das gerade den Hafen im israelischen Aschdod verließ. Es waren wohl Trümmer von abgeschossenen Raketen im eskalierenden Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern.

"Die Teile waren meist kaum größer als Cent-Stücke und passten zusammengefegt auf eine Müllschippe", sagte Hansjörg Kunze, Sprecher des Rostocker Kreuzfahrt-Unternehmens Aida Cruises. Das Schiff selbst sei nicht Ziel eines Angriffs gewesen, und niemand an Bord sei verletzt worden.

Der Vorfall am Montagabend verlief für die rund 2700 Passagiere und Besatzungsmitglieder der "Aida Diva" glimpflich. Doch machte er ihnen deutlich, dass ihre Fahrt nicht nur durch eine Region mit großer Kulturgeschichte führt. Es ist auch eine Region heftiger Konflikte, oft ausgetragen mit Waffengewalt.

Nach israelischen Angaben waren innerhalb von 24 Stunden mehr als hundert Raketen vom Gazastreifen aus auf Israel abgefeuert worden. Einige wurden von einem israelischen Abwehrsystem zerstört - die Trümmer verletzten zwei Menschen an Land. In der Nacht zum Dienstag griff die israelische Luftwaffe mehr als 50 Ziele im Gazastreifen an. Nach palästinensischen Angaben kamen dabei mindestens sechs Menschen ums Leben.

Ein Videomitschnitt im Internet zeigt Raketendetonationen am Himmel über einem Kreuzfahrtschiff. Ob es sich bei dieser Aufnahme um die "Aida Diva" in der Hafenausfahrt von Aschdod handelt, konnte das Unternehmen nicht bestätigen. Kurz nach 20 Uhr Ortszeit habe sie die Sirenen im Hafen gehört, berichtete die Passagierin Rieke Petter aus Freiburg, die auf der Kreuzfahrt im östlichen Mittelmeer mit Ziel Kreta dabei ist. Kurz darauf seien Raketen am Himmel zu sehen gewesen.

"Es ist natürlich etwas Beunruhigendes, dass man Zeuge kriegerischer Handlungen geworden ist. Aber ich fühle mich jetzt nicht als Teil dieses Konfliktes. Es ist ja nicht so, dass die Leute aus dem Gazastreifen auf uns gefeuert haben", sagte Petter dem Audiodienst der Deutschen Presseagentur. "Wir waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort."

Zunächst habe niemand richtig gewusst, was passiert, und das habe für Aufregung an Bord gesorgt. "Kurz darauf kam aber eine Durchsage vom Kapitän, dass wir außer Gefahr sind. Dass Bomben aus dem Gazastreifen abgefeuert worden sind, auch in Richtung Hafen, die aber abgewehrt worden sind", erzählt Petter am Dienstag. Der Vorfall sei zwar das Gesprächsthema an Bord. Doch sei die große Aufregung von Vorabend inzwischen einer gelösten Stimmung gewichen, berichtet sie.

Kreuzfahrtschiff "Aida Diva" (Archiv): Vor dem Gazastreifen von Raketenteilen getroffen Zur Großansicht
Getty Images

Kreuzfahrtschiff "Aida Diva" (Archiv): Vor dem Gazastreifen von Raketenteilen getroffen

Sicherheitsexperten prüfen die Lage

Aida Cruises habe die politischen und militärischen Auseinandersetzungen im südlichen Mittelmeerraum beständig im Blick und reagiere auf aktuelle Entwicklungen, sagt Kunze. Die Routen würden der Lage angepasst. So werde Kairo derzeit nicht angelaufen, und auch für das Rote Meer gebe es Einschränkungen.

Inzwischen hat die Rostocker Reederei die Konsequenzen aus der veränderten Sicherheitslage gezogen und meidet bis auf weiteres israelische Häfen. Statt Aschdod werde im Juli und August die griechische Insel Santorin angelaufen, teilte Aida Cruises am Abend mit.

Andere Reedereien sind derzeit nicht betroffen, erklärt Helge Grammerstorf vom Verband der Kreuzfahrtreedereien, Clia Deutschland, in dem alle großen deutschen Veranstalter, darunter MSC, Costa, TUI Cruises und Hapag Lloyd Kreuzfahrten vertreten sind. "Die Reedereien werden die Situation vor Ort jedoch in den kommenden Tagen sehr genau im Auge behalten." Für die kommenden vier Wochen seien sowieso keine Anläufe in Aschdod geplant gewesen.

Nach dem Vorfall in Aschdod hat das Auswärtige Amt seinen Sicherheitshinweis für Israel verschärft. Die Behörde spricht für den Gazastreifen eine Reisewarnung aus und rät auch von nicht notwendigen Reisen in einem Umkreis von 40 Kilometern zum Gazastreifen ab. In diesem Radius befindet sich auch der Hafen Aschdod.

Israel und die Hamas beschießen sich seit Tagen gegenseitig mit Raketen und Granaten. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu drohte am Dienstag der radikal-islamischen Hamas weitere harte Militärschläge im Gazastreifen an. Auslöser für die neuen Spannungen waren die Entführung und die Ermordung von drei jüdischen Teenagern sowie der mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen.

Frank Pfaff/dpa/jkö

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
fair 09.07.2014
Es ist einfach nur traurig,dass es so ist,wie es ist.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
DPA
Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
DPA
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
DPA
Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
AP
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
AP
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
DPA
Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
REUTERS
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.
Fotostrecke
Israels Regierungschefs: Wechselspiel der Macht