Touristenschwund auf Kreta Mit Humor gegen die Krise

Leere Tanzflächen, verrammelte Geschäfte: Auf Kreta leiden die Ladenbesitzer darunter, dass die Urlauber ausbleiben. Dabei berichten Griechenland-Reisende von einer positiven Stimmung auf der Ferieninsel - der Service sei noch besser als sonst, von feindlicher Stimmung gebe es keine Spur.

DPA

Heraklion - "Willkommen, meine lieben Leute", ruft Marinos in gebrochenem Deutsch und lacht. Der kleine Mann mit weißen Haaren hebt die Arme und winkt die Urlauber herbei. In seinem Restaurant Acropolis auf Kreta sind drei Viertel der Tische noch leer. Die Leute schlendern achtlos weiter. Im Lokal ist es still, ein wenig zu still. Also sorgt Marinos für Unterhaltung.

Der 70-Jährige umarmt Gäste für Erinnerungsfotos, er singt und schnippt mit den Fingern, um für ein bisschen Stimmung zu sorgen. Oder vielleicht besser: um die Krisenstimmung zu verjagen. Denn ein bisschen davon spürt man auch in den griechischen Ferienorten wie Chersonissos auf Kreta.

Es ist leerer geworden in den Hotels und an den Stränden, sagt Monika Laubsch aus Berlin, die bereits zum neunten Mal in Folge Urlaub auf der Insel macht. "Und einige Geschäfte haben zugemacht." Vor allem die deutschen Urlauber bleiben aus. Anfang des Jahres hatten Veranstalter wie Thomas Cook ein Minus von 30 Prozent bei den Buchungen verzeichnet. Bis zu den Wahlen im Mai hätten die Buchungen zwar wieder etwas zugelegt, sagt Michael Tenzer, Geschäftsführer des Pauschalreise-Veranstalter. Mit der Diskussion um Neuwahlen und den Euro-Ausstieg werde aber wieder weniger gebucht. Und das, obwohl Thomas Cook beispielsweise Preisnachlässe der Hoteliers und Airlines von bis zu 20 Prozent weitergäben, sagte er der Wirtschaftszeitung "Euro am Sonntag".

Leere Tanzflächen und Sonderrabatte

Das zeigt sich auch auf Kreta: In Chersonissos, einer Art griechischer Ballermann, wo sich eine Bar an die nächste reiht, ist nicht nur bei Marinos wenig los. Die Strände wirken wie ausgestorben, an der Strandpromenade dröhnen Partyhits aus den Boxen der Discos und verhallen über leeren Tanzflächen. Ansonsten herrscht eine Ruhe, die fast gespenstisch wirkt. "Ich hätte gar nicht aufzumachen brauchen", klagt Ladeninhaber Nikos Gonianakis. Dabei hatte Griechenland 2011 noch Urlauber-Rekordzahlen verbucht. Von den Deutschen kamen sogar rund 13 Prozent mehr.

Was hat sich also geändert? Ein Grund dürften die Bilder aus Athen sein, die deutsche Fernsehzuschauer in der jüngeren Vergangenheit mehrfach zu sehen bekamen: Griechen verbrennen deutsche Fahnen oder tragen Plakate mit Merkel in Nazi-Uniform darauf. Ein Zeichen des Protests gegen den Sparkurs, den die EU - und Deutschland vorneweg - von den Griechen eingefordert hat. Aber ist das ein Zeichen dafür, dass Deutsche in Griechenland nicht mehr gern gesehen sind?

Im Gegenteil: Auf der Ferieninsel Kreta werden sie geradezu umworben. "Die Griechen geben sich sogar noch mehr Mühe als sonst beim Service", sagt Ines Schröder. Sie lebt seit 20 Jahren jeweils ein halbes Jahr auf Kreta und den Rest der Zeit in Deutschland.

"Keinerlei Feindlichkeit"

Monika Laubsch und ihr Mann Werner sehen das ähnlich. "Keinerlei Feindlichkeit, also dass hier jemand sagen würde 'Scheiß Deutsche' oder so, nichts dergleichen", sagt er. "Ich krieg von der Krise nichts mit, alle freundlich, wo man auch hingeht", erzählt Tanja Kelley aus Wiesbaden. "Da würden die sich ja selber schaden, wir bringen ja das Geld", ergänzt Annemie Tetz aus Aachen. Werner Laubsch haben die Bilder aus Athen aber durchaus zu denken gegeben: "Wir haben schon überlegt: Machen wir's oder machen wir's nicht?" Und nach Athen würde er derzeit lieber nicht fliegen.

Ines Schröder kann nur den Kopf schütteln über das, was sie in Deutschland manchmal zu hören bekommt: "Da heißt es, hier würden Autos abgebrannt, oder es gäbe nichts mehr zu essen im Restaurant - völlig übertrieben."

Dass die Touristen jetzt dennoch ausbleiben, macht das Leben für sie und die anderen auf Kreta umso schwieriger. Schließlich ist der Tourismus dort die wichtigste Einnahmequelle. Ihr Mann hat in Chersonissos einen Juwelierladen, in der Feriensaison arbeitet sie im Geschäft schräg gegenüber als Verkäuferin. Inzwischen überlegen sie, ob sie nicht nach Deutschland gehen sollten. "Allein im letzten Jahr haben das zehn Freunde von mir hier von der Insel gemacht."

Hinzu kommt, dass viele Händler sich angesichts der ausbleibenden Kunden gezwungen sehen, mit Sonderrabatten zu werben. Einige Urlauber erwarteten jetzt aber so günstige Preise, dass die Händler dabei gar nichts mehr verdienten. "Hier, dieser Ledergürtel kostet ohnehin nur drei Euro, und die Leute wollen immer noch handeln", sagt Ines. Auch Marinos stöhnt über die Billigurlauber: "Alle buchen nur noch 'all inclusive', und keiner geht mehr in die Geschäfte und die Restaurants."

Abends ist sein Lokal immer noch halbleer. Er scherzt mit den wenigen Gästen, winkt und lacht. "Humor ist eben das Einzige, was den Griechen geblieben ist", sagt Ines.

Tobias Schormann, dpa



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