Kreuzfahrtindustrie: Umweltschützer fordern den Einsatz neuer Technologien 

Harsche Kritik des Nabu: Laut den Umweltschützern fahren selbst moderne Kreuzfahrtschiffe mit veralteter Technik und verschmutzen deshalb Luft und Wasser massiv - die Beschuldigten wehren sich gegen die Vorwürfe.

Rauchernder Schornstein: Für den Nabu sind Kreuzfahrtschiffe Dreckschleudern Zur Großansicht
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Rauchernder Schornstein: Für den Nabu sind Kreuzfahrtschiffe Dreckschleudern

Berlin - Die Kreuzfahrtindustrie am Pranger: Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) wirft der Branche umweltschädliches Verhalten vor. An den Abgasen der Kreuzfahrtschiffe würden jährlich 50.000 Menschen sterben, erklärte die Umweltorganisation am Freitag in Berlin. Ein Schiff stoße so viele Schadstoffe aus wie fünf Millionen Pkw, sagte Nabu-Verkehrsexperte Dietmar Oeliger. Umweltfreundliche Abgastechniken seien zwar vorhanden, würden aber nicht verwendet.

Die Umweltschützer zogen Bilanz ihrer Kampagne "Mir stinkts! Kreuzfahrtschiffe sauber machen", die am 6. Mai 2011 gestartet worden war. Damit wollte der Nabu auf die Umweltauswirkungen von Kreuzfahrten aufmerksam machen.

Die Kritik trifft eine boomende Branche, die vor Superlativen strotzt. Neben Luxuslinern wie der "Oasis of the Seas", die durch die Karibik schippert, erscheinen Kreuzfahrtschiffe aus dem Titanic-Zeitalter wie Nussschalen. Die Giganten von heute sind 360 Meter lang, haben 16 Decks und Platz für 6300 Passagiere und 2165 Besatzungsmitglieder. An Bord gibt es Seilbahnen, Whirlpools, Dampfsaunen und indische Yogameister.

Machten 1990 noch 3,7 Millionen Menschen weltweit eine Kreuzfahrt, sind es nach Angaben des Marktbeobachters Cruise Market Watch heute 19 Millionen auf 256 Traumschiffen. Rund 20 weitere sind bis 2016 bei Werften bestellt.

Umweltgefahr Schweröl

Was ist der Preis fürs gute Geschäft und das Vergnügen an Bord? Die Havarie der "Costa Concordia" Mitte Januar vor Italiens Küste brachte diese Frage wieder auf - auch für die Umwelt. Aus dem Wrack wurden mehr als 2000 Kubikmeter Treibstoff abgepumpt. Es war Schweröl, das beim Auslaufen ins Meer eine Umweltkatastrophe für die gesamte Region bedeutet hätte.

Das Schweröl, mit dem nach wie vor die meisten Schiffe betankt würden, sei sehr schlecht abbaubar, sagte Axel Friedrich, ehemaliger Abteilungsleiter im Umweltbundesamt. Ein "großes Gefährdungspotenzial" sieht er insbesondere bei den Schiffen, die in Küstenähe unterwegs sind.

Nach Einschätzung des Nabu trennt sich jedoch bei den Reedereien gerade die Spreu vom Weizen. Hapag Lloyd werde 2013 mit der "MS Europa 2" als weltweit erstem Kreuzfahrtschiff mit Stickoxid-Katalysator auf die Reise gehen. Das Rostocker Unternehmen Aida taufe dagegen im Mai in Hamburg mit ihrem Schiff "AIDAmar" einen Umwelt-Dinosaurier ohne Rußfilter. "Der Einbau hätte 500.000 Euro gekostet", sagte Friedrich. "Die AIDAmar kostete 375 Millionen."

Auch die Bundesregierung steht in der Kritik

Aus Rostock schießt Aida-Sprecher Hansjörg Kunze zurück. Alles Polemik, sagte er. Aida weise alle Vorwürfe mit Nachdruck zurück. Für Rußpartikelfilter gebe es bisher keine praktikablen Lösungen. In allen europäischen Häfen verarbeiteten die Motoren der Aida-Schiffe seit 2010 ausschließlich Diesel mit einem Anteil von maximal 0,1 Prozent Schwefel. Die Schwefelemissionen seien um rund 90 Prozent gesunken.

Auch die Bundesregierung blieb von der Kritik des Nabu nicht verschont. Das Forschungsschiff "Polarstern", das in arktischen Gewässern unterwegs ist, fahre ebenfalls ohne umweltfreundliche Abgastechniken. Das gelte auch für Polizei- und Zollschiffe, sagte Friedrich. "Es ist unverständlich, warum die Bundesregierung nicht mit gutem Beispiel vorangeht."

Das für die "Polarstern" zuständige Bundesforschungsministerium bestätigte zwar das Fehlen eines Partikelfilters bei der "Polarstern". Es handle sich bei dem Forschungsschiff um ein älteres Modell. Derzeit werde die Möglichkeit geprüft, für alle Schiffe nachträglich entsprechende Filter einzubauen, sagte ein Sprecher. Die neueren Forschungsschiffe würden mit Abgasfilter ausgerüstet.

dkr/dpa/dapd

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1. Kein Wunder
Stelzi 13.04.2012
Wenn man die billigen Raffinereiabfälle verbrennt um Touristen umher zu schippern, kommt sowas bei raus - sprichwörtlich. Betrifft natürlich auch die Handelsschiffe. Aber wer will schon mehr bezahlen, nur damit jährlich ein paar millionen Tonnen weniger Schwefeloxide und Ruß in der Luft landen...? Und bevor die Klimawandel-Leugner wieder auf Touren kommen: es geht nicht in erster Linie ums Kohlendioxid. Sondern um den Dreck der dich unmittelbar krank machen kann.
2. unsinnige technische Details ...
the_rover 13.04.2012
Ein Stickoxidkatalysator ist kein Rußpartikelfilter und mit Schwefelemissionen hat beides nichts zu tun. Nur bei Journalisten scheint das alles irgendwie das selbe zu sein.
3. Wenn nicht wir dann die anderen...
rutronik@freenet.de 13.04.2012
Nur um es allen klar zu machen> wir führen hier eine Luxus Diskussion. Schweröl ist der Rest der bei der Erdölraffinerie zurückbleibt nachdem LPG, Benzin, Diesel, Teer erzeugt worden. Was glauebt ihr eigentlich unter welcher Flagge die Kreuzfahtschiffe dann operieren werden wenn wir Schweröl verbieten/besteuern? Wer mal in China war begreift vielleicht das wir die Welt nicht retten werden mit Solar/Wind/Ökostrom obwohl uns alle bequatchen (NABU, CDU, GRÜNE, SPD....). Das sind geopolitisch gesehen Provinzler die hier mit isoliereten Themen auf Kosten der Allgemeinheit sogar noch Gehör finden und für Arbeitsplatzverlagung und Ausflaggung sorgen, sich dann des Erfolges freuen obwohl der Welt nicht geholfen wurde. Ich bin der Ansicht das die Menschheit sowieso alle Aerdgas/Erdöl reserven verbrauchen wird die wirtschaftlcih förderbar sind ohne eine alternatibve Energieproduktion. Ganz Südostasien ist 6 Monate im Jahr klimatisiert, 3 Monate beheizt. Glaubt hier wirklich jemand das wir Europäer die Erwärmung der Erde beinflussen können? Ich denke das unsere Regierung wie am Spritpreis zu sehen das Abzockmodel von Rot-Grün aus dem Jahr 200 mit der Öko-Steuer als Steurungselement schön fortsetzt. Ein Grund mehr die neuen, die "Piraten" zu wählen die keinen Gabriel, Rösler oder Schäuble/Merkel haben die für die Vergangenheit und nicht die anspruchsvolle Zukunft Deutschlands stehen. Gabriel als Dr. "niemals in der Wirtschaft gearbeitet (Lehrer der nach dem Studium träumt aber leider nie freiwirtschaftlich gearbeietet hat) , Rösler als >Notnagel nach WesterwelleDr. no Payback how ever I charge youMs. no abbortion under Cancelor Mr. Kohl
4. Da haben die Umweltschützer Recht
MrStoneStupid 14.04.2012
Es soll hohe Extrasteuern auf umweltschädliche Schiffe geben. Dabei soll möglichst der reale Schadstoffausstoß und nicht die Technik bewertet werden, so dass auch ein langsam fahrendes Schiff Schadstoffe und somit Geld sparen kann. (imho)
5. kein Grund zu Fatalismus
Hamberliner 15.04.2012
Zitat von rutronik@freenet.deWas glauebt ihr eigentlich unter welcher Flagge die Kreuzfahtschiffe dann operieren werden wenn wir Schweröl verbieten/besteuern? Wer mal in China war begreift vielleicht das wir die Welt nicht retten werden ... bla .... bla .... bla
Dein Informationsniveau entspricht nicht der üblichen Allgemeinbildung. Jeder weiß, dass im Seeverkehr Regeln der Sicherheit und des Umweltschutzes durch internationale Abkommen unter dem Dach der IMO festgelegt sind. Die Bedeutung von SOLAS und MARPOL kennt jeder. In diesem Fall steht eine Erweiterung der MARPOL-Regeln zu Debatte. Staaten, die solche Regeln durchsetzen wollen, haben die Möglichkeit, sie in ihre nationale Gesetzgebung einzubeziehen und regelwidrigen Schiffen egal unter welcher Flagge das Einlaufen in die Hoheitsgewässer zu verbieten. Dies wären bei einem Verbot von Schweröl Schiffe, die Schweröl gebunkert haben oder bei vorgeschriebenen Filteranlagen Schiffe, auf denen sich die Filteranlagen deaktivieren lassen, ebenfalls egal unter welcher Flagge, so dass durchaus die Möglichkeit besteht zu beeinflussen, was in internationalen Gewässern passiert. Nur strunzdumme US-Touristen interessieren sich nicht für fremde Länder und geben sich damit zufrieden, ohne Landgang mit dem Kreuzfahrtschiff herumzufahren, während normale Passagiere gerne bestimmte Häfen sehen wollen, und wenn die Staaten, in denen sich diese Reiseziele befinden, mitmachen ist das Problem gelöst.
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