Kult-Stadtteil Berlin-Kreuzberg Kampf den Touristen

Ein Stadtteil verliert sein Gesicht: Billigtourismus verändert den Kreuzberger Kiez in Berlin. In Mietshäusern werden Ferienwohnungen eingerichtet, Anwohner beschweren sich über Lärm und Müll - und steigende Preise. Der Bezirk ringt um seinen toleranten Ruf.

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DPA

Berlin - Die Sonne scheint mit aller Kraft auf den Spreewaldplatz. Die Cafés haben ihre Stühle herausgestellt, aber noch sitzt niemand dort. Es ist kurz vor elf Uhr vormittags.

Die Touristen der Hauptstadt, die Backpacker aus Spanien, Italien, aus Norwegen und Schweden - sie schlafen noch.

Ob ihnen bewusst ist, welche Aufregung sie auslösen? In Berlin- Kreuzberg wird über die Besucher, die in Scharen in den Multikulti-Bezirk strömen, diskutiert und gestritten. Die Zahl der Übernachtungen hat sich nach Angaben der Grünen in den vergangenen Jahren fast verdreifacht - auf 2,37 Millionen im Jahr 2009. Immer mehr Billig-Hostels schießen aus dem Boden, in den vergangenen fünf Jahren stieg die Zahl von 30 auf 50. Wohnungen werden nicht mehr an Berliner vermietet, sondern nächteweise an Touristen.

Die Kreuzberger plagt - genau wie die Menschen in anderen Teilen der Hauptstadt, Prenzlauer Berg, in Friedrichshain, in Mitte - ein Problem: Teile des Bezirks sind in den vergangenen Jahren aufgestiegen, die Gentrifizierung schreitet weiter rasant voran. Und jetzt treibt der Touristenzustrom die Mieten zusätzlich in die Höhe.

Ausgerechnet in dem Bezirk, in dem Toleranz um jeden Preis als erste Bürgertugend galt, blasen die Anwohner jetzt zum Aufstand. Die Grünen haben im Kreuzberger Wrangelkiez, einer eigentlich sozial schwachen Gegend mit vielen Arbeitslosen und vielen Migranten, zu einer Gesprächsrunde geladen. Der Titel der Veranstaltung: "Hilfe, die Touris kommen". Das Feedback war gewaltig.

Wie im Zoo

Rund um die U-Bahn-Haltestelle Schlesisches Tor ist die Partyszene in den letzten Jahren geradezu explodiert. Abends ist kaum ein Durchkommen. Der Reiseführer "Lonely Planet" verspricht jungen Reisenden: "Für Partytiere: Geht in die Kreuzberger Bars". Besonders das Gebiet um die Schlesische Straße wird den Touristen ans Herz gelegt: "Neue Erfahrungen in den alternativen Kneipen" würden dort auf die Touristen warten.

Von dem unvergleichbaren "Nightlife" spricht auch Bülent E., der in der Gegend das "36 Rooms Hostel" betreibt. Bis zu 150 Reisende können hier unterkommen, ein Bett im Schlafsaal gibt es ab 10 Euro. Auf den Sofas neben der Rezeption hängen am Morgen ein paar junge Frauen herum, die Finger müde auf ihren iPhones. In einem Kühlschrank steht Bier.

Hostel-Betreiber Bülent E. steckt mitten drin im Tourismus-Kampf: "Wir werden von den Behörden attackiert", sagt er. Ständig, jede Woche gebe es Anzeigen wegen Ruhestörungen. Die Ämter spielten mit der Existenz der Leute. Er verstehe, dass der Lärm für die Bewohner zum Teil unerträglich geworden sei. Deshalb müssten die rechtlichen Bedingungen für Hostels klarer geregelt werden. "Es herrscht Chaos, keiner blickt richtig durch", sagt er.

In den umliegenden Straßen reihen sich Imbisse an Cafés an Tapas-Bars. Ständig gibt es Neueröffnungen. Inmitten der Touristen fühle sie sich schon manchmal wie im Zoo, sagt eine blonde Frau mit Sonnenbrille. An sich habe sie aber natürlich nichts gegen die Besucher.



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Ben Major 07.03.2011
1. Spiesser
Zitat von sysopEin Stadtteil verliert sein Gesicht: Billigtourismus verändert*den Kreuzberger Kiez*in Berlin.*In Mietshäusern werden Ferienwohnungen eingerichtet, Anwohner beschweren sich über Lärm und Müll - und steigende Preise. Der Bezirk ringt um seinen toleranten Ruf. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,748878,00.html
Die Leute die hier wohnen sind eben alt geworden, und spießig. Hab selber so jemand im Haus, früher der lauteste Punk, die Musik so, das ich (im Stockwerk drunter) jede Textzeile verstehen konnte, heute flippt der bei jedem Geräusch aus, verbietet meinen Kindern Hausmusik zu machen, und sei sie noch so leise. Fazit: Mit 20 cool sein kann jeder, mit 40 kein Spießer sein kaum einer. Grüße vom Mariannenplatz!
holyfetzer86 07.03.2011
2. Tja...
... im rot-roten Berlin sind halt nur die Fremden willkommen, die kein Geld für die klamme Stadt-Kasse mitbringen und auf unbestimmte Zeit bleiben. Diese kapitalistischen Touristen sollen doch bitte weiterhin die anderen Touristenhochburgen Europas mit ihrem Geld belästigen!
Frank Wagner, 07.03.2011
3. Ich kann da nur herzlich lachen
Da haben wir sie wieder, die Doppelzüngigkeit der ach so toleranten Gutmenschen. Toleranz ja bitte, aber doch nicht wenn sie uns betrifft. Wirklich lustig wenn solche Menschen von der Realität eingeholt werden. Ich persönlich arbeite in Kreuzberg ( aber ich wohne da zum Glück nicht ) und ich kann nicht begreifen was Leute an der Gegend so toll finden. Die Strassen sind buchstäblich von Hunden zugeschissen, besonders Montags läuft man Slalom um Erbrochenes und Urinpfützen...das ist halt der Preis dafür, in so einer angeblich hippen Gegend zu wohnen.
Clawog 07.03.2011
4. Tourismus
Nach den Bildern ist es ruhig dort und vor allem sehr sauber. Was hat denn die "gegen alles" Partei wieder zu meckern?
bertram28 07.03.2011
5. berlin
es trifft ja nicht nur kreuzberg . Chronologie des kulturellen niedergangs 90 97 mitte bis 2001 prenzblauer berg dann friedrichshain und nun kreuzberg. berlin ist ohne funktionierende politik aller Zukunftsoptionen beraubt worden. mitte wird mit büros vollgepflastert, die leerstehen. arbeitsplätze werden nur im Tourismussektor geschaffen. so gleich wird aber die Infrastruktur abgebaut sbahn, flughäfen und individualverkehr .berlin verkommt zur provinz.
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