Kultreiseführer Lonely-Planet-Autor gibt Fälschungen zu

Viele Urlauber vertrauten seinen Tipps: Ein Autor der Verlags Lonely Planet gibt an, Inhalte für Reiseführer abgeschrieben und sogar erfunden zu haben. In einem Fall sei er nicht einmal in dem Land gewesen, über das er schrieb - Informationen bekam er demnach von einer Frau, mit der er ausging.


Melbourne - Auf der Website gibt sich der "beste Reiseführer der Welt" selbstbewusst: "Lonely Planet hat einen unübertroffenen Ruf, gut recherchierte, aktuelle Informationen zu bieten, auf die Urlauber vertrauen können - egal wohin sie reisen", heißt es unter dem Stichwort "Presse".

Buchtitel über Kolumbien: Co-Autor Thomas Kohnstamm schrieb Reisebeschreibungen in San Francisco

Buchtitel über Kolumbien: Co-Autor Thomas Kohnstamm schrieb Reisebeschreibungen in San Francisco

Ein Artikel des australischen "Sunday Telegraph" lässt Zweifel an diesem vollmundigen Versprechen aufkommen: Lonely-Planet-Autor Thomas Kohnstamm gab an, große Teile seiner Reiseführer von anderen abgeschrieben und frei erfunden zu haben. Er verfasste laut Zeitungsbericht mehr als ein Dutzend Reiseführer, schrieb unter anderem für Titel über Brasilien, Kolumbien, die Karibik, Südamerika, Venezuela und Chile.

In seinem jüngsten Werk mit dem Titel "Kommen Reiseautoren in die Hölle?" gab Kohnstamm laut Zeitungsbericht außerdem zu, dass er sich Reisen von Anbietern bezahlen lassen hat. Dies ist bei Lonely Planet nicht gestattet.

Den Verlag lassen diese Anschuldigungen laut "Sunday Telegraph" kalt: Lonely Planet habe die Reiseführer Kohnstamms geprüft und keine Ungenauigkeiten festgestellt, hieß es.

In einem Fall sei er nicht einmal in dem Land gewesen, über das er einen Reiseführer schrieb, so Kohnstamm. "Sie haben mir nicht genug für meine Reise nach Kolumbien bezahlt. So habe ich das Buch in San Francisco geschrieben. Die Informationen bekam ich von einem Mädel, mit dem ich ausgegangen bin - sie arbeitete in der kolumbianischen Botschaft", zitiert die Zeitung Kohnstamm.

Nach Unternehmensangaben beschäftigt Lonely Planet 400 Autoren, die für den Verlag rund um den Erdball reisen. Das Unternehmen hat Büros in Melbourne, Oakland und London. Lonely Planet hat über 500 Titel im Programm, davon etwa 270 Reiseführer.

reh/Reuters



insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Hador, 13.04.2008
1. Naja
Ich muss sagen, das überrascht mich nun nicht so sehr. Bei der Fülle von Informationen in heutigen Reiseführern müssten die jeweiligen Authoren ja fast schon jahrzehntelang im jeweiligen Land unterwegs gewesen sein. Ich meine da werden hunderte von Hotels und Restaurants und dutzende von kleinen Städtchen und Dörfern beschrieben. Glaubt da wirklich jemand, dass der Author die alle persönlich besucht hat? Was mir persönlich aber beim Lonely Planet in den letzten Jahren immer mehr aufgefallen ist, dass ist stark schwankende Qualität der Reiseführer. Einige gehören nun wirklich zum Besten was es auf dem Markt gibt (gerade z.B. die USA Führer) während andere absolut grottig sind und trotz des 3-fachen Umfangs nichtmal annähernd soviel Information enthalten wie ein Polyglott.
the_flying_horse, 13.04.2008
2. Nicht überrascht
Es überrascht mich nur noch, das der Autor den Reiseführer über Kolumbien in San Francisco geschrieben hat. In heutigen Zeiten der Reiseforen und Blogs im Internet, wo Leute direkt aus den Ländern berichten, kann man so einen Reiseführer auch bequem von zu Hause aus schreiben... die Bilder dazu gibt es unzählig in kostenlosen oder fast kostenlosen Bilddatenbanken...
fwr 13.04.2008
3. Diese Reihe wurde gern von den Reisenden gelesen, die
am Ende ihrer Reise stolz berichten, wie billig sie unterwegs waren, die als Reiseinhalt das in der "dritten Welt" Auf-Kosten-der-Einheimischen-Leben praktiziert haben, die ihre Flugscheine bei mehreren Anbietern paralel gebucht haben, um dann den um 0,3 cent günstigsten Anbieter zu nutzen. Diese Leute und wohl auch die Autoren dieser Buchreihe nutzen die meist ärmeren Reiseländer mehr aus als Gäste, die den angemenssen Preis für die Hotels etc. bezahlen, denn dabei kommt wenigstens etwas mehr an Geld im Reiseland an.
solemn_eyed 13.04.2008
4. Lonely Planet Irland
Hm, ich habe vor etwa zwei Stunden den Lonely Planet "Irland" gekauft. Bisher hatte ich immer einen geliehenen, und alles was ich bisher daraus gemacht habe, war eigentlich immer akkurat. Außer als wir von Bray nach Greystones gelaufen sind, da war ein Stück gesperrt, woran sich aber keiner gestört hat, alle sind trotzdem durchgelatscht. Aber was soll es einen stören, wie der Autor an die Informationen gekommen ist. Solange sie korrekt sind...
Spiegelkabinett, 13.04.2008
5. Ausnahmen bestaetigen die Regel
Ich bin im Besitz von gut 10 Lonely-Planet Reisefuehrern.Ich habe in den allermeisten Faellen die angegebenen Informationen so vorgefunden,wie sie in den Lonely-Planet-Buechern beschrieben waren. Herausragend waren fuer mich immer die Karten mit den fuer die on-a-shoestring-Reisenden potentiell interessanten Lokalitaeten. Kleinere Abweichungen gab es unvermeidbar bei Angaben ueber Uebernachtungskosten,Waehrungsumrechnungen und manchmal auch bei der Beschreibung des jeweiligen OePNV-Angebots vor Ort.Lediglich die pro-britische Historiendarstellung nahm haeufiger Ausmasse von Geschichtsklitterung an.Insbesondere,wenn es dabei um britisch-deutsche Rivalitaeten ging;ich habe aber stets auch nur die original englischsprachige Ausgabe verwendet. Aber "frei erfundene" Informationen habe ich nicht erlebt.Das heißt aber nicht,dass es so etwas ggf. nicht auch einmal bei Lonely-Planet gibt. Das typische Hotelzimmer mit Balkon und Meeresblick,das sich als bessere Abstellkammer mit Wandoeffnung zum Innenhof herausstellt,findet sich im allgemeinen bei den "großen" bzw. etablierten Tourismusgesellschaften.
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