Kunst in Melbourne Museum der Hässlichkeiten

Schönheit ist Geschmackssache. Doch bei den Werken aus Helen Rounds Sammlung in Melbourne sind sich Kenner einig: sie sehen schrecklich aus. In einem Museum für besonders misslungene Gemälde führt Round die Betrachter in die Untiefen der Kunst.


Melbourne - So hat man Lady Di noch nie gesehen. Die Ohrringe hängen zwar korrekt, und die Prinzessin von Wales lächelt sanftmütig wie immer unter ihrem Diadem. Aber Mund und Augen der Königin der Herzen sind so unnatürlich verzerrt, dass es einem Diana-Fan das Herz brechen könnte. Die echte Prinzessin war eine schöne Frau. Dieses Gemälde von ihr ist ungewollt hässlich - und damit ein Fall für Helen Round. Die australische Geschäftsfrau ist Kunstsammlerin. Doch während andere Liebhaber Werke zusammentragen, die sie für besonders wertvoll, wichtig oder schön erachten, liest Round Bilder auf, die niemand haben will: kitschig sind sie, geschmacklos oder schlichtweg misslungen.

Die Kuratorin und ihr bestes Stück: Helen Round mit dem Siegerbild des Itchiball Prize, dem wirklich hässlichen "Conan" und seiner Bikinifrau im Stacheldraht
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Die Kuratorin und ihr bestes Stück: Helen Round mit dem Siegerbild des Itchiball Prize, dem wirklich hässlichen "Conan" und seiner Bikinifrau im Stacheldraht

"Ich suche nach Werken, die jemand gemacht hat, der handwerklich völlig unbegabt ist, aber in die er seine ganze Leidenschaft gesteckt hat", sagt Helen Round. "Die Menschen malen das, wofür sie sich begeistern, ob sie nun Talent haben oder nicht." Einen Sinn für alles Schräge und Sonderbare beweist Round auch als Kauffrau: In Melbourne führt sie in der Chapel Street einen Laden mit Kitsch jeder Art. Mit dem Sammeln von Bildern begann sie, nachdem sie 1999 ein Porträt des US-Schauspielers Scott Baio bekam. Auf dem Gemälde trägt der Star aus dem Film "Bugsy Malone" ein Piratenhemd, das seine Brust kaum bedeckt.

Von da an gab es kein Halten mehr: "Die Leute haben mir Bilder überlassen, die ich zuerst in den Hinterzimmern meines Geschäfts aufgehängt habe", sagt Round. "Irgendwann merkte ich, dass ich da eine ganze Sammlung hatte, die auch andere Menschen sehen sollten." Round machte aus dem hinteren Teil ihres Ladens das Museum of Particularly Bad Art (MoPBA) - das Museum für besonders scheußliche Kunst. An den Wänden hängen Starporträts: Elvis Presley, Bruce Springsteen und John Lennon blicken mit toten Augen und seltsam deformierten Gesichtszügen ins Leere. Mehr als 400 Werke hat Round inzwischen zusammengetragen, und die Resonanz ist riesig. "Die Leute lieben den Geist dieser Sammlung", sagt sie.

Kenner fachsimpeln über die Hässlichkeit der Kunst

Das zeigt sich auch an den Bewerbungen um den Kunstpreis, den die Kuratorin des Kitsch vor vier Jahren zum ersten Mal ausgelobt hat: Jedes Jahr können Bürger geeignete Gemälde für den "Itchiball Prize" ("Kratzball Preis") einreichen. Die Auszeichnung ist eine Persiflage auf den Archibald Prize, den renommiertesten australischen Preis für Porträtmalerei. Um die 50 Bilder werden Jahr für Jahr zur Prämierung eingereicht. Viele Leute bringen alte Schinken vorbei, die ewig auf dem Dachboden eingestaubt waren, berichtet Round. Andere entdeckten Jugendwerke wieder, die sie in der Schule im Kunstunterricht gemalt haben. Wieder andere seien froh, wenn sie Schwiegermutters Lieblingsstück loswerden.

"Hier wissen sie, dass die Werke einem Kennerpublikum vorgeführt werden, das bei einem Glas Chardonnay darüber fachsimpelt, wie unglaublich schrecklich das alles ist", erklärt Round. Im vergangenen Jahr wurde das Bild "Conan, der Arier im Stacheldraht" mit dem Itchiball Prize ausgezeichnet - ein Bild, auf dem ein nackter Krieger eine Frau im Bikini im Arm hält. Eingereicht wurde das Gemälde von einem Feuerwehrmann, der behauptet, es auf der Straße gefunden zu haben. Er gewann Einkaufsgutscheine im Wert von 2000 australischen Dollar.

Die meisten Leute reichen Bilder von anderen ein, sagt Round. Doch mittlerweile würden manchmal sogar extra Werke für den Wettbewerb produziert. Ein solches Gemälde gewann 2006. Es zeigt eine alte Frau mit groben Zügen, Zigarette im Mundwinkel und Haaren auf dem viel zu großen Handrücken. Noch einmal so viele hässliche Bilder für den Preis zusammenzubringen, sei nicht einfach gewesen, sagt Round. Doch sie vertraut auf die Untiefen der Kunst: "In gewisser Weise ist es unser Ziel, Enttäuschung hervorzurufen, und ich denke, dass uns das ziemlich gut gelingt."

Von Neil Sands, AFP



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