Von Stephan Orth und Antje Blinda
Wer eine Kontaktanzeige schreibt, überlegt sich jedes Wort sehr genau. Nicht nur, weil jeder Buchstabe Geld kostet, sondern vor allem, weil jedes Wort den Schreiber in ein besonders vorteilhaftes Licht rücken soll. Bemerkenswert ist deshalb der Abschluss dieses kurzen Textes in der Rubrik "Kennenlernen" im "Zeit-Magazin": "Ich mag Brahms, Kandinsky, Loriot und besitze eine Bahncard."
Warum erwähnt der promovierte Naturwissenschaftler (53/1,83/Nichtraucher) seine Bahncard, um beim anderen Geschlecht aufzutrumpfen? Ob er damit eine Chance hat gegen den "alten Segler" in der Anzeige direkt darüber, der eine weibliche Begleitung fur abenteuerliche Törns sucht? Oder gegen den "vermögenden Adligen", der "in gehobener Position tätig" ist und sich bestimmt lieber im polierten Sportwagen als im Zugabteil von A nach B bewegt?
Die Frage, ob Bahnfahren sexy macht, werden wohl viele zunächst verneinen. Sie denken an schwitzende Menschen in überfüllten Großraumwagen, an streng riechende Brösel-Picknicks im Abteil, an "Schatz, ich komme später, Oberleitungsschaden"-Handyanrufe.
Doch vergleichen Sie mal Passagiere nach sechs Stunden Flug und nach sechs Stunden Bahnfahrt: Letztere sehen gewöhnlich erheblich weniger zerknautscht aus, haben keine trockenen Augen oder Knieschmerzen. Sogar Wissenschaftler fanden bereits heraus, dass Zugfahren gut für die Gesundheit ist. So gesund wie Segeln allerdings wohl nicht, gegen diesen Kandidaten kann unser Beispielsingle also noch nicht punkten.
Ausflug mit Michelangelo
Probieren wir deshalb eine andere Lesart der Anzeige: Wer Brahms, Kandinsky und seine Bahncard im gleichen Satz erwähnt, spielt darauf an, dass eine Zugreise eine höchst kultivierte Angelegenheit ist. Wer viel aus dem Fenster schaut, lernt tatsächlich jede Menge über das Land, durch das er gerade reist, über die Geografie und die landschaftlichen Unterschiede, viel mehr als ein Flugpassagier oder ein Autofahrer.
Erwischt man jedoch einen Waggon voller sangesfreudiger Fußballfans (meist keine Bach-Kantaten) oder pubertierender Schüler auf Klassenfahrt, ist das Gefühl, ein besonders exklusives Beförderungsmittel zu nutzen, schnell dahin. Also, in einem solchen Fall: ebenfalls Vorteile für den Sportflitzer des vermögenden Adligen und das Segelboot. Vielleicht will der einsame Mann nur sagen, dass er mobil und auch für eine Fernbeziehung zu haben ist.
Aber vielleicht muss man seinen Text auch noch ganz anders lesen. Im Kern steht dort nämlich: "Ich mag Loriot und besitze eine Bahncard." Lieber Naturwissenschaftler, 53, damit überzeugen Sie uns. Wir würden Sie gerne kennenlernen und könnten uns sogar eine gemeinsame Zugfahrt vorstellen. Denn Loriot und Bahncard, das passt zusammen wie Schirmmütze und Schaffnerkopf.
Den Beweis dafür liefern die folgenden Anekdoten, die uns Leser geschickt haben. Sie sind Auszüge aus dem neuen SPIEGEL-ONLINE-Buch "Sorry, wir haben uns verfahren", das jetzt überall zu kaufen ist.
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