Längste Nacht des Jahres Rausfahren, Sterne gucken!

Heute ist die längste Nacht des Jahres - gute Voraussetzungen für Astrotouristen. Und die sollten am besten außerhalb der Städte in den Himmel schauen, in besonders lichtarmen Regionen wie Natur- und Sternenparks.

Sebastian Kartheuser / TMN

Nachts ist es dunkel. Oder wie Leute aus Großstädten wohl eher sagen würden: dunkler als am Tag. Wer in Hamburg, Berlin oder Köln wohnt, erblickt selten einen von Tausenden von Sternen gespickten Nachthimmel. Von der Milchstraße ganz zu schweigen. Die Lichter der Stadt, die Reeperbahn, die Scheinwerfer der Klubs, die Straßenlaternen, die Autos - all das sorgt für Lichtverschmutzung.

Rund 80 Prozent der Stadtbevölkerung lebe unter einem unnatürlich hellen Nachthimmel, sagt Sternenexperte Martin Labuda. Das bringe nicht nur die Menschen, sondern auch Pflanzen und Tiere durcheinander.

Wer Dunkelheit erleben will, müsse also in menschenarme Gegenden gehen, zum Beispiel in den Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide in der Mecklenburgischen Seenplatte. "Hier ist es wirklich dunkel, insbesondere im Herbst und Winter", sagt Labuda und zeigt auf sein Messgerät für Dunkelheit. Es zeigt den Wert von 21,8 an. Die weltweit dunkelsten Werte liegen bei knapp über 22.

Nur unter diesen extrem dunklen Bedingungen ist die Beobachtung von Sternen optimal möglich. Die International Dark Sky Association vergibt Zertifikate für besonders dunkle Orte. Sternenparks werden diese genannt, in Deutschland gibt es bisher drei: den Naturpark Westhavelland (Brandenburg), den Nationalpark Eifel (Nordrhein-Westfalen) und das Biosphärenreservat Rhön (Thüringen/Hessen/Bayern).

Astrotourismus erfordert keinen großen Aufwand

Das Gebiet in der Mecklenburgischen Seenplatte könnte ein weiterer Sternenpark in Deutschland sein. Dort nutzt auch der Rostocker Arzt Diego Zendeh das "dunkle Privileg" der Region - und fotografiert Sterne.

Seit vier Jahren ist das sein Hobby. Ihn fasziniere die Ästhetik der Objekte am Himmel, die mit der Technik zugänglich wird, sagt er. Schon mit einer einfachen Ausrüstung sei es möglich, schöne Erfolge etwa mit Milchstraßenbildern zu erzielen. Es seien die besonderen Momente, die ihn begeistern. "Die Erhabenheit des Augenblicks, nachts draußen zu sein, das Himmelszelt über dir."

Astrotourismus ist sanfter Tourismus, denn im Sommer brauchte es nicht viel mehr als ein paar Liegen und Decken etwa auf einer Obstwiese am Drewitzer See, um in wolkenlosen Nächten für die Sternenfans ein perfektes Erlebnis zu organisieren. "Die Milchstraße sehen zu können, das kann ganz tief in die Seele gehen", sagt Labuda.

Inzwischen kommen auch Anfragen von Observatorien, die wegen der hohen Lichtverschmutzung in den Metropolen unglücklich sind und mit professioneller Ausrüstung anreisen. Das Profi-Equipment sei aber kein Privileg der Sternwarten, sagt Labuda. Auch Privatleute schafften sich kostspielige Beobachtungs- und Fotoutensilien an, um kleinste Details am Nachthimmel zu entdecken.

Der Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide
Reiseziel
Der Naturpark Nossentiner/Schwinzer Heide liegt im Süden Mecklenburg-Vorpommerns zwischen Goldberg, Dobbertin, Krakow am See und Waren/Müritz. Er zeichnet sich durch Wasserflächen, Kiefernforste und Moore aus - und vor allem durch die extrem geringe Zahl von Bewohnern. Das führt dazu, dass die Region prädestiniert für einen Sternenpark ist. Die Lichtverschmutzung geht gegen Null.
Anreise
Das Kultur- und Informationszentrum Karower Meiler des Naturparks liegt in der Nähe der Kreuzung B 103/B 192 am Nordufer des Plauer Sees. Eine Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Region ist schwierig.
Informationen
Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, Platz der Freundschaft 1, 18059 Rostock (Tel. 0381 4030550, E-Mail: info@auf-nach-mv.de).

Damit die Region so dunkel bleibt, wie sie ist, denken auch die umliegenden Gemeinden darüber nach, ihre Nachtbeleuchtung umzustellen. Architekturstudenten der Hochschule Wismar beschäftigen sich derzeit etwa mit der Beleuchtungssituation in Neu Poserin, das in der Nähe des Naturparks Nossentiner/Schwinzer Heide liegt. Anfang kommenden Jahres wollen sie für sieben Teilortschaften der Gemeinde eine effektivere Lösung für die Straßen- und Raumbeleuchtung erarbeiten - etwa mit LED- und Energiesparlampen.

Wer besonders lange Sterne gucken will, sollte das übrigens am besten sofort tun: Am Donnerstag um 17.28 Uhr ist Wintersonnenwende, die längste Nacht des Jahres beginnt. Danach werden die Tage langsam wieder länger hell.

Joachim Mangler, dpa/kry

insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
sp0n 21.12.2017
1. Hinausfahren
... und in Regenwolken und/oder Nebel blicken. -- gesendet von draußen
krustentier120 21.12.2017
2. Ein Nachtschüler fragt
In welcher Einheit misst man denn Dunkelheit? In Nachtigalls? Und sind höhere Werte mehr oder weniger Licht?
permissiveactionlink 21.12.2017
3. krustentier 120
Nicht ganz einfach zu erklären ! Je höher der Messwert, desto dunkler ist es. Das gilt auch für die scheinbare Helligkeit von Sternen. Ein Stern mit 1mag (Magnitude) ist 100 mal heller als einer mit 6mag, der gerade noch mit bloßen Augen erkennbar ist. Bei der Dunkelheit des Himmels wird gemessen, wieviel Licht aus einem definierten Raumwinkel des Nachthimmels bei uns ankommt. Eine Lichtquelle hat die Lichtstärke 1cd (Candela, physik. Basiseinheit) wenn sie monochromatisches Licht der Wellenlänge 555nm aussendet und dabei einem Raumwinkel von 1sr (Steradiant) eine Leistung von 1/683 Watt Licht zuführt. Die Umrechnung erfolgt so : 1cd/m^2 = 12,58 mag/arcsec^2. Das bedeutet : Käme aus dem Nachthimmelssegment von einer Quadratbogensekunde die Lichtstärke 1cd/m^2, dann hätte der Himmel die Helligkeit 12,58 mag/arcsec^2. Umgekehrt gilt : mag/arcsec^2 = 12,58 -2,5*log(lv); lv in cd/m^2. Bei 17,58 mag/arcsec^2 ist der Himmel 100 mal dunkler, bei 22,58 mag/arcsec^2 sogar 10000 mal dunkler. Dann liefert der Nachthimmel pro Quadratbogensekunde nur noch die Lichtleistung von 1/683 * 1/10000 = 146,4 nW/arcsec^2, oder eben 1/10000 cd/m^2.
palef 21.12.2017
4. ...geil...
...das sind mal Wolken!!!
oalos 22.12.2017
5. Dunkel.
Ich lebe lange Zeiten im Jahr auf einer griechischen Insel. Manchmal schaue ich des nachts nach oben und denke zuerst: es ist leicht bewölkt. Nein --- es ist die Milchstrasse.
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