Langzeitwanderin Christine Thürmer "Blut, Schweiß, Tränen. Und das pure Glück"

34.000 Kilometer hat Christine Thürmer hinter sich. Zu Fuß. Vor acht Jahren gab sie ihr Manager-Leben auf, seitdem ist sie mit dem Zelt unterwegs. Warum macht sie das?

Christine Thürmer/ Malik

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Christine Thürmers Job ist Wandern. Nicht eine Woche im Urlaub oder einen Sommer lang als Wanderführerin. Die 48-Jährige ist Langzeit- und Langstreckenwanderin. Eine 1000 Kilometer lange Route hält sie für "kurz", gerade ist sie dabei, Europa von Nord nach Süd, von West nach Ost zu durchqueren, vom Nordkap bis ins spanische Tarifa, von Santiago de Compostela bis nach Istanbul. Insgesamt sind das 20.000 Kilometer, die Hälfte hat sie bereits geschafft. Thürmer ist 1,85 Meter groß, kräftig, sich selbst hält sie für "unsportlich".

Alles begann, als sie mit 36 Jahren entlassen wurde. Als Firmensaniererin gefeuert, weil sie sich in ihrem Unternehmen unbeliebt gemacht hat, wie sie schreibt. Untrainiert, aber bestens organisiert reiste sie an die mexikanische Grenze, an den südlichen Startpunkt des 4277 Kilometer langen Pacific Crest Trail entlang der US-Westküste. Nach einem kurzen Intermezzo als Geschäftsführerin in Deutschland lief sie den Continental Divide Trail (5000 Kilometer) und den Appalachian Trail (3340 Kilometer).

Seitdem hat sie nicht mehr aufgehört mit dem Wandern (bisher 34.000 Kilometer), später mit dem Radfahren (30.000 Kilometer) und Paddeln (6000 Kilometer). Um "Laufen. Essen. Schlafen" dreht sich ihr Leben. Und so heißt ihr gerade erschienenes Buch, in dem sie ihre Erfahrungen auf den drei US-Langstrecken-Trails beschreibt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Thürmer, was macht Sie süchtig nach dem Wandern?

Thürmer: Drei Dinge. Erstens: der Flow. Beim Wandern kommen Sie in einen Zustand, in dem Sie weder unter- noch überfordert sind - das macht schon mal grundglücklich. Durch die körperliche Anstrengung wissen Sie am Abend trotzdem, was Sie geschafft haben und sind sehr zufrieden. Zweitens: Die Glücksschwelle ist niedrig. Unterwegs braucht man nur Wasser, Proviant, Wärme, Wetterschutz. Alles darüber hinaus - eine warme Dusche, ein weiches Bett, ein zusätzlicher Schokoriegel - beschert Ihnen einen Glücksflash.

SPIEGEL ONLINE: Und der dritte Suchtfaktor?

Thürmer: Zeit haben. Um über das nachzudenken, wozu ich Lust habe. Mit 16, 18 Jahren sinniert man noch über die großen Themen des Lebens. Später kümmert man sich dann um intellektuelle Probleme, die jemand anderes vorgibt. Ich habe über Businesspläne und Logistikkonzepte nachgedacht, aber das waren nicht meine. Wenn ich jetzt draußen bin, habe ich alle Zeit der Welt, höre Hörbücher, treffe Leute und überlege mir tagsüber, worüber ich abends in meinem Zelt nachdenken werde.

Christine Thürmer/ Malik

Christine Thürmer ist seit acht Jahren unterwegs. Nur für das Schreiben und Vermarkten ihres Buches macht sie eine Pause, während der sie in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Berlin zur Zwischenmiete wohnt. Sonst ist sie obdachlos, hat ihre eigene Wohnung 2007 aufgelöst und die Ausrüstung eingelagert. Jedes Stück im Storage - von Jacke bis Kocher - trägt eine Nummer und ist in einer Excel-Datei verzeichnet, mit Gewichtsangabe und Lagerort.

Sie übernachtet fast immer in ihrem Einwandzelt (1046 Gramm), in einem Kunstfaserschlafsack (720 Gramm) und auf einer kurzen Isomatte (340 Gramm). Thürmer reist ultraleicht, wie sie sagt. Sechs Kilogramm genau durchdachter und zum Teil teurer Ausrüstung trägt sie auf dem Rücken, plus Verpflegung und Wasser. Sechs Kilogramm, die sie von wirklichen Obdachlosen unterscheiden - und zeigen, dass sie nicht aus Geldsorgen draußen lebt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind unterwegs in den USA, in Japan, Neuseeland und Südkorea - wie finanzieren Sie Ihr Leben?

Thürmer: Ich muss mit 90 Jahren sterben, bis dahin ist alles durchkalkuliert. Früher habe ich als Geschäftsführerin sehr gut verdient und hatte nie Spaß am Geldausgeben. Da hat sich einiges angesammelt, auch brauche ich unterwegs sehr wenig. Mit 1000 Euro im Monat komme ich in jedem Land aus - für Verpflegung, Krankenversicherung, Lagerkosten, Ausrüstung, Flüge.

SPIEGEL ONLINE: "Thru-Hiken hat mein Leben zerstört. Gott sei Dank", hat einer Ihrer Mitwanderer gesagt. Thru-Hiker werden die Langstreckenwanderer in den USA genannt. Auch Sie haben Ihr gewohntes Leben aufgegeben. Was passiert da?

Thürmer: Man wird für die normale Welt inkompatibel. Wenn man merkt, mit wie wenig man auskommen kann, fällt die Motivation Geld und Status weg. Viele der Thru-Hiker arbeiten im Winter als Skilehrer oder Kellner und wandern im Sommer. Karriere interessiert die nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit Beziehungen?

Thürmer: Man löst sich von sozialen Kontakten. Ich bin gerne mit Menschen zusammen, aber ich habe gelernt, dass ich sie nicht brauche - ich bin allein genauso glücklich. Viele befreundete Thru-Hiker, die mit Anfang 20 mit dem Langstreckenwandern angefangen haben und inzwischen eine Familie haben, sind total zerrissen: Sie lieben zwar ihre Frau und Kinder, wollen aber raus. Wenn man einmal infiziert ist, kann man das nicht mehr zurückdrehen. Das ist der Preis, den man zahlt.

Christine Thürmer/ Malik

Christine Thürmer ist infiziert: 2008 erhielt sie von der US-Vereinigung für Langstreckenwanderungen die Auszeichnung "Triple Crown". Alle drei großen US-Trails hatten bis dahin nur weniger als hundert Menschen geschafft. Zurzeit ist der Run auf diese Wege groß: Der Hollywood-Film "Der große Trip" nach einem Buch von Cheryl Strayed hat einen Trend ausgelöst. Die Abbruchquote ist jedoch hoch, sagt Thürmer, nur jeder vierte schaffe die 3500 Kilometer des Appalachian Trail von Georgia bis nach Maine.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Typ Wanderer hält am längsten durch?

Thürmer: Es gibt zwei Gründe loszuwandern: Die einen wollen einer unbefriedigenden Situation entfliehen und auf dem Trail das Problem lösen. Cheryl Strayed zum Beispiel: Kaum hatte sie sich mit ihrer Vergangenheit arrangiert - mit Scheidung, Krebstod der Mutter -, war der Trail für sie überflüssig, und sie ging zurück ins normale Leben. Das sind diejenigen mit der höchsten Abbruchquote. Dann gibt es jene, die zu etwas hingehen, sich dieses Leben bewusst ausgesucht haben - dazu zähle ich mich. Mir hat der Job ja Spaß gemacht, aber es musste noch etwas anderes geben im Leben. Diese Leute sind die Süchtigen.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, dass zwar maximal ein Viertel der Trail-Wanderer Frauen sind, diese aber seltener abbrechen. Wieso?

Thürmer: Wenn es um die Kurzstrecke geht, können Frauen mit ähnlich alten, ähnlich trainierten Mann nicht mithalten. Je länger die Strecken, desto wichtiger sind andere Dinge als Fitness, wie etwa das mentale Durchhaltevermögen - und da sind Männer deutlich schlechter. Oft brauchen sie den Wettbewerbsanreiz: einen Berg bezwingen, schneller sein als andere. Diese Männer haben eine mentalen Einbruch, sobald es nichts mehr zu bezwingen gibt. Ich dagegen muss mir nichts mehr beweisen. Mir ist völlig egal, ob ich 50 oder 30 Kilometer laufe, ob die Landschaft öde ist oder nicht - Hauptsache, ich kann draußen sein.

Christine Thürmer/ Malik

Auf den US-amerikanischen Trails war Christine Thürmer in vielen verschiedenen Landschaften unterwegs: in der Sierra Nevada in Kalifornien, dem Kaskadengebirge, den Rocky Mountains, in heißen Wüsten und schneebedeckten Bergen. Für die bis zu zehn Tage langen Etappen fern von Supermärkten ist jeder Schokoriegel und jede Tütensuppe pro Tag genau eingeteilt. In ihrem Buch stellt Thürmer nie das Staunen vor der Natur in den Mittelpunkt, es geht vielmehr um die Begegnungen mit anderen Thru-Hikern und den Helfern am Wegesrand. Um die Organisation, die Proviant- und Wasserversorgung und um das Durchhalten.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das härteste auf den Trails?

Thürmer: Man lebt im Dreck. Alles passiert auf der Erde. Schlafen, kochen, waschen. Man kann sich und seine Kleidung nur selten waschen, alles stinkt und ist von einer Staubschicht überzogen, von Sonnenmilch und Moskitoschutz. Egal, wie kalt es ist, wie heiß, ob man Durchfall hat - man muss jeden Tag aufstehen und weiterlaufen, weil sonst das Essen ausgeht. Das zermürbt viele.

SPIEGEL ONLINE: Was Sie beim Wandern glücklich macht, sind also nicht unbedingt Natur und Landschaft...

Thürmer: Nein, es sind knallhart Blut, Schweiß und Tränen. Es ist das Körpergefühl, das Selbstvertrauen, wenn man sich durchgebissen hat.

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insgesamt 37 Beiträge
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spiegelzeit 09.04.2016
1. Ein toller, ein abgefahrener Bericht...
...großartige Entscheidung für den, der es liebt.
sikasuu 09.04.2016
2. Die Einen Pilger, die Andern kriegen eine Auszeichnung fürs laufen....
... ist schon komisch, das "Ich bin dann mal weg" oder das Buch dieser Lady so als Ausnahme gesehen wird. . Zu Fuß waren wir wenigstens einige 100.000 Jahre (wahrscheinlich Länger) ganz selbstverständlich Unterwegs. Trotzdem "Glückwunsch an die Lady" und ihre Ansage: Ich bin unsportlich, ich laufe bloß!:-)) . Hier mal ein Kollege von Ihr, dessen Buch über seinen Trip auch lesenswert ist. (Buch ist komplett im Netz, der braucht die Tantiemen nicht mehr:-)) . http://www.seume.de/spaziergang-nach-syrakus.html . Einen sehr WAHREN Satz habe ich mMn. in dem Beitrag gefunden: . Die LOGISTIK macht es! . gleich ob zu Fuß, mit dem Rad..... Man/Frau ist doch HEUTE IMMER wenn unmittelbat, oder auch nur mittelbar auf ANDRER angewiesen! . Ohne Futter usw. läuft auch der "zweibeinige Bio-Motor" trotz High-End Ausrüstung nicht sehr lange. . Das sollte die Lady mal als Gedanke auf ihrem Trip überlegen und wie sie den Widerspruch zu dem Satz : . "Ich kann auf Sozialkontakte verzichten" . auflöst:-))
jens20505 09.04.2016
3. Echt super ....
... die Frau! Meine tief empfundene Sympathie und meinen Neid auf all die Dinge, die sie während Ihrer Reisen erlebt, hört und sieht. Echt klasse!
binismus 09.04.2016
4.
Man wird für die normale Welt inkompatibel. Gratulation! Genau das ist mir passiert, auf meinem Segeltörn mit einem 5 m Boot von Köln bis zu den Bahamas. http://www.binismus.de/html/die_yacht.html
manicmecanic 09.04.2016
5. teilweise nachvollziehbar
Für mich auch wenn ich weder bei den Distanzen noch bekannten Routen mithalten kann.Als junger Mann beim Versuch Ami zu werden bin ich oft abseits der Highways lange Strecken gelaufen.Ich erinnere mich an den von ihr beschrieben Effekt aufs Bewußtsein,das war tatsächlich so.
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