Von Stephan Orth
Hamburg - Drama beim Abstieg vom Gasherbrum II: Die Extrembergsteiger Simone Moro, Denis Urubko und Cory Richards sind am Freitag auf dem Rückweg vom Gipfel des Achttausenders in eine Lawine geraten. Nach sechs Tagen am Berg bei extremen Minusgraden wurde das der Dreier-Gruppe fast zum Verhängnis.
"Wir haben nicht zu viel riskiert, die Bedingungen waren einfach schlecht", sagte der Italiener Moro, der die Expedition in Pakistan leitete. Die Lawine kam an einer ausgesetzten Querung herunter, an der es wichtig ist, möglichst schnell herüber zu gelangen. "Normalerweise dauert es 15 bis 20 Minuten, die gefährliche Zone unter dem Gasherbrum V zu überqueren. Aber weil wir im tiefen Schnee spuren mussten, haben wir sehr viel Zeit dort verbracht."
Plötzlich stürzte ein Sérac ein, ein Turm aus Gletschereis, und eine heftige Lawine donnerte herab. Der Kasache Urubko und der Kanadier Richards wurden bis zum Hals im Schnee begraben, nur Moro konnte sich weitgehend über dem Schnee halten. Der Italiener grub die anderen mit seinen Händen aus, wie er später berichtete. Cory Richards erinnert sich: "Eine gewaltige Lawine hat uns alle drei getroffen, wir wurden 150 Meter weit geschleudert. Wir sind sehr froh und dankbar, noch am Leben zu sein."
Sturz in eine Gletscherspalte
Die widrigen Bedingungen am Berg sorgten noch für einen weiteren Schreckmoment. Nur 20 Minuten nach dem Lawinen-Zwischenfall stürzte Richards bei einer Sichtweite von etwa einem Meter in eine Gletscherspalte. Mit Hilfe einer Seilklemme konnten die beiden anderen ihn herausmanövrieren, da alle drei an einem Seil gesichert waren.
Die Anstrengungen der vergangenen Tage forderten ihren Tribut, als sich das Team zuletzt an beim Aufstieg angebrachten Wegmarkierungen entlang in Richtung Basecamp mühte. "Von Camp 1 zum Basecamp haben wir acht Stunden gebraucht, normalerweise geht das in drei Stunden", sagte Moro. "Heute war das Glück auf unserer Seite. Ich hatte in meinem Rucksack einen großen Plastiksack voller Müll, vielleicht hat das der Berg anerkannt und uns Gnade erwiesen."
Am Mittwoch standen die drei auf dem Gipfel des Gasherbrum II und waren damit die Ersten, die im Winter einen Achttausender im Karakorum bestiegen hatten. Am folgenden Tag waren die drei von Camp 3 in Camp 1 abgestiegen, wo sie ein Zelt, ihre Schlafsäcke, Essensvorräte und Treibstoff deponiert hatten. Am Donnerstag hatte Moro sich noch optimistisch gezeigt und per Satellitentelefon verkündet: "Das Schlimmste ist nun vorbei, aber wir müssen aufgrund der Gletscherspalten weiter vorsichtig sein."
"Der Abstieg war die größte Herausforderung"
Das Expeditionsteam erholt sich nun im sicheren Basecamp von den Strapazen und wartet auf besseres Wetter, um abreisen zu können. Von dort berichtete Moro SPIEGEL ONLINE von der Tour. "Durch ein Wunder sind wir noch am Leben", sagte er.
"Der Abstieg war die größte Herausforderung bei dieser Expedition - viel mehr als der Aufstieg. Wir haben den Gasherbrum II in einem Schönwetterfenster von gerade mal 36 Stunden bestiegen", sagte Moro. Dem Italiener waren zuvor schon zwei Winterexpeditionen auf Achttausender im Himalaja gelungen, doch die seien im Vergleich einfacher gewesen. "Die Touren auf Shisha Pangma und Makalu waren auch schwierig - aber weniger gefährlich, es gab dort weniger Neuschnee."
Was Winterexpeditionen so anspruchsvoll macht, sind laut Moro vor allem die vergleichsweise kurzen Schönwetterperioden, die extremen Temperaturen zwischen minus 20 und minus 50 Grad über die gesamte Tour sowie die totale Isolation von anderen Bergsteigern. "Außerdem ist es viel teurer, die Logistik für so etwas zu organisieren", sagte Moro.
Mit der Kälte kommt Moro allerdings besser zurecht als viele andere. "Schon als Kind liebte ich es, wenn es kalt war. Ich bin da nicht besonders sensibel."
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