Eingeschneit im Tiroler Pitztal "Das ist totale Entschleunigung"

Das Tiroler Pitztal ist seit Samstag von der Außenwelt abgeschnitten. Trotz hoher Lawinengefahr genießen die Touristen die Zwangspause - beim Iglubauen, bei Kakao und Schnitzel. Ein Anruf in Sankt Leonhard.

Hans Oberhofer

Ein Interview von


Zur Person
  • Kathrin Frewer
    Kathrin Frewer, 32, ist eine Juristin aus Ravensburg am Bodensee.

SPIEGEL ONLINE: Frau Frewer, Sie sind in Sankt Leonard im Tiroler Pitztal eingeschneit. Aufgrund der Lawinengefahr waren die Straßen gesperrt und sind erst am Vormittag zur Räumung freigegeben worden. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Kathrin Frewer: Heute ist ein wunderschöner Tag - blauer Himmel, Sonne. Es hat aufgehört zu schneien, und man sieht, wo große Lawinen heruntergekommen sind. Gerade kam die Info über die Straßenräumung. Heute Morgen wurde das Frühstück in unserer Pension auch schon spärlicher, der Nachschub fehlt wohl - es gab nur noch Weißbrot, Müsli und Kamillentee.

SPIEGEL ONLINE: Wie war die Lage gestern Abend?

Frewer: Es hörte gar nicht mehr auf zu schneien. So viel Schnee habe ich noch nie gesehen, obwohl ich viel im Winter unterwegs bin. Und die Hauptstraße von Sankt Leonhard erkannte man nicht mehr wieder, in der Mitte war nur ein ein Meter breiter Weg frei und an den Seiten lagen hohe Schneehaufen. Heute Morgen dann standen die Touristen abfahrbereit an ihren freigeräumten Autos. Allerdings kann man wohl vor dem Abend nicht losfahren.

SPIEGEL ONLINE: Was wollten Sie im Pitztal?

Frewer: Ich bin mit meinem Freund hier, der wollte am Wochenende eigentlich auf einem Eiskletter-Event arbeiten. Am Samstag hat die Veranstaltung in Sankt Leonhard noch stattgefunden, am Sonntagmorgen ging dann nichts mehr. Alle Teilnehmer und Bergführer waren in den Orten, an denen sie untergekommen sind, eingeschneit - keiner kam mehr rein oder raus.

SPIEGEL ONLINE: Wie informieren Sie sich über die Lawinenlage und die Straßensperrung?

Frewer: Wir schauen regelmäßig auf die Website Pitztal.com - aber das bringt nicht viel. Da schreiben sie morgens um 10 Uhr, dass es die nächste Info um 18 Uhr gibt. Dafür konnten uns die Bergführer, mit denen wir wegen der Veranstaltung Kontakt haben, mehr erzählen. Die haben schon am Sonntag gesagt, so wie die Schneefälle vorhergesagt sind, kommt vor Dienstag hier keiner mehr raus.

SPIEGEL ONLINE: Sie übernachten in einer Pension. Wie werden Sie über die Wirte informiert?

Frewer: Die wissen nicht mehr als die Bergführer. Sie bewahrten die Ruhe und versuchten, keine Hektik aufkommen zu lassen. Die Lawinengefahr war erheblich - und das wussten ja auch alle.

SPIEGEL ONLINE: Waren die Gäste einigermaßen gelassen?

Frewer: Da gab es schon welche, die unwirsch auf die Nachricht reagiert haben, dass sie nicht wie geplant am Sonntag abfahren konnten - sie fühlten sich bevormundet. Einige waren so sauer, dass sie die Sperre umfahren wollten. Dann haben sie aber eingesehen, dass sie dahinter gar nicht mehr weiterkommen würden. Danach entspannten sich aber alle - man konnte ja nichts tun.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich die Zeit vertrieben?

Frewer: An Aktivitäten war nichts möglich, klar, die haben anderes zu tun, als bei den Schneeverhältnissen etwa Loipen zu spuren. Alle haben möglichst lang geschlafen, dann gefrühstückt. Ich habe den ganzen Tag am Laptop gearbeitet, mein Freund hat gearbeitet und gelesen. Manche haben Iglus gebaut, andere gefeiert und sich bei lauter Musik auf dem Dorfplatz betrunken. Es ist ein beschaulicher Ort, hier gibt es nur ein Restaurant, das Bergwerk. Da laufen alle hin und trinken Kaffee und Kakao oder essen Schnitzel.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es Ihnen?

Frewer: Wenn ich nicht gerade so viel arbeiten müsste, wäre die Zwangspause total gemütlich. Wir sind es ja nicht mehr gewohnt, dass uns jemand vorschreibt, was wir zu tun oder zu lassen haben, dass wir uns nicht fortbewegen dürfen. Im Ort war es bis auf die feiernden Leute auf dem Dorfplatz ganz ruhig, Entschleunigung total. Wie auf einer abgeschnittenen Berghütte. Fast ein bisschen schade, dass ich meinen Laptop mitgenommen habe und arbeiten konnte.

SPIEGEL ONLINE: Was wird der Tag heute bringen?

Frewer: Die Einheimischen versuchen jetzt, im Ort so schnell wie möglich Normalität herzustellen. Die nächsten Gäste warten ja schon vor der unteren Straßensperrung. Wenn die Straßen frei sind, wollen wir heute Abend auch nach Hause fahren. Wenn das Chaos aber zu groß wird, müssen wir wohl noch eine Nacht bleiben.

Im Video: Lawinenabgänge und abgeschnittene Skiorte in der Schweiz



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